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Meisterkurs in Tutzing:Wie Star-Geigerin Julia Fischer junge Talente unterrichtet

Bei den Musikferien in der Evangelischen Akademie kann der Ton schon mal etwas strenger werden. Eine Schülerin reist sogar aus den USA an.

Von Ellen Krugg, Tutzing

Alles ist ruhig in der Evangelischen Akademie in Tutzing, es ist Mittagspause. Plötzlich dringt eine angenehme Klaviermelodie aus dem großen Musiksaal, es klingt nach einem Profi. Doch am glänzenden Steinway-Flügel sitzt kein Profi. Dort sitzt Taras Schreyer, er ist erst Zwölf und nutzt die Pause, um einmal ungestört an dem kostbaren Instrument üben zu können. Üben, das ist der Hauptbestandteil der alljährlichen Musikferien unter der Schirmherrin Julia Fischer. Kinder und Jugendliche aus der Region, aber auch von weit her, haben sich in der Akademie versammelt, um an ihren Fähigkeiten zu arbeiten - denn sie alle haben ein herausragendes musikalisches Talent. Violine, Viola, Violoncello und Klavier wird hier unterrichtet - auf einem sehr hohen Niveau, teils in Einzelunterricht, teils in Orchester-Formation.

Tutzing Ev.Akademie, Musikferien am Starnberger See .

Hana Chang, die aus Boston angereist ist, passt genau auf, was Julia Fischer zeigt und erklärt.

(Foto: Georgine Treybal)

Vormittags gibt Julia Fischer Einzelunterricht im Festsaal der Akademie. Die 34-jährige Gautingerin ist seit 2013 mit Leidenschaft dabei, denn in ihren jungen Schülern sieht sie stets sich selbst - und vor allem ihre eigenen Fehler. "Jeder Schüler ist eine neue Herausforderung", erzählt sie, während sie ihre Geige verstaut. Gerade hat sie Hana Chang unterrichtet. Die 15- jährige Amerikanerin ist nur wegen der Musikferien aus Boston angereist. Während sie auf der Bühne des Saals mit Klavierbegleitung von Henri Bonamy Violine spielt, sitzt Fischer in der ersten Reihe und beobachtet das Mädchen genau. Häufig unterbricht sie mit energischen Handzeichen, gibt Verbesserungen auf Englisch. Manchmal setzt sie selbst ihre Geige an, die sie auf dem Schoß hält. Im Sitzen spielt sie problematische Passagen vor, während Hana ihre Dozentin, besonders deren Finger, genau betrachtet. Sie schaut nicht auf die Noten, kennt das Werk auswendig. Einmal verspielt sie sich, wirkt daraufhin verunsichert, doch die erfahrene Violinistin lacht sie freundlich an und ermutigt sie, es gleich noch einmal zu versuchen. Wenn Julia Fischer die Stelle selbst nicht genau kennt tritt sie neben ihre Schülerin auf die Bühne, um einen Blick auf das Notenblatt werfen zu können. Als sie zu einem besonders komplizierten Teil des Stückes kommen, unterbricht die Lehrerin fast nach jeder Note, ihr Ton wird schärfer. Doch Hana lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen, versucht, die Kritik bestmöglich umzusetzen, bis Fischer schließlich zufrieden nickt. Scheinbar ist sie einen strengen, disziplinierten Unterricht gewohnt. Nachdem das junge Talent die letzten Noten gespielt hat, setzt es die Geige ab und lächelt glücklich. Julia Fischer kommt zu ihr, tätschelt ihr die Schulter und beendet den Unterricht mit einem "very nice".

Tutzing Ev.Akademie, Musikferien am Starnberger See .

Der zwölfjährige Taras Schreyer aus Dachau genießt die Musikferien am Starnberger See.

(Foto: Georgine Treybal)

Gleichzeitig wird die zwölfjährige Elisabeth Wild von Violinist Kirill Troussov unterrichtet. Sie spielt schon Violine, seit sie Drei ist. Gelernt hat sie damals nicht mit Noten, sondern nach Gehör. Eine Methode, die den Kindern Instrumente wie eine Muttersprache lehrt, weiß ihr stolzer Vater. Zusammen mit ihren Eltern ist sie aus Weimar angereist, wo sie auf ein Musikgymnasium geht und in Zusammenarbeit mit der Hochschule gefördert wird, denn sie ist bereits eine "Jungstudentin". Auf die Zusammenarbeit mit Troussov freut sie sich sehr - ebenso wie ihre Eltern, denn dies sei "etwas sehr Besonderes, und definitiv ein Meilenstein in ihrer musikalischen Karriere". Elisabeth wollte schon immer Eines: Üben, um noch besser zu werden und eines Tages Kirchenmusik zu machen, oder alternativ in einem Orchester zu spielen, denn "Musik ist ihr Leben".

Nachwuchspianist Taras ist schon das zweite Mal dabei. Seit fünf Jahren spielt er Klavier, doch es hört sich an, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Zuhause in Dachau spielt er in der Schulband des Josef-Effner-Gymnasiums, meistens Jazz. Hier in der Akademie dagegen ist es Klassik; am liebsten mag er Mendelssohn und Bach. Das Schöne an den Musikferien: Es wird zusammen gespielt. Und das macht seiner Meinung nach besonders viel Spaß. Taras' Familie ist nicht sehr musikalisch, er ist eine Ausnahme. Aber für ihn spielt die Musik eine große Rolle. Auch privat hört er viel Klassik, insbesondere Stücke, die er gerade übt. Er nutzt - genau wie alle der etwa 60 Teilnehmer der Musikferien - nur allzugern die Möglichkeit, mit professionellen Dozenten wie Julia Fischer, deren Mutter Viera Fischer oder Kirill Troussov zu arbeiten, denn er möchte selbst gerne Pianist oder Komponist werden.

© SZ vom 04.01.2018
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