Lange war er überzeugt davon, sein Schaffen solle möglichst wenig auffallen. "Die beste Filmmusik ist die, die man nicht hört" sei ja die Devise in der Branche: Diese Auffassung hat Marcel Barsotti selbst noch vor zehn oder 15 Jahren in Interviews vertreten. Seinerzeit galt er als kommerziell erfolgreichster Filmkomponist Deutschlands. Er schrieb unter anderem die Soundtracks zu Sönke Wortmanns Fußball-Kassenschlagern. Vor fünf Jahren zog Barsotti mit seinem Studio von Neuried nach Starnberg, wo ihn der Lockdown kalt erwischte: Aufträge blieben fast völlig aus. Also begann er mit elektronischer Musik zu experimentieren. Gleichzeitig wandte sich der heute 60-Jährige wieder Arthouse-Filmen und unabhängigen Produktionen zu, die ihm größeren künstlerischen Spielraum lassen. Ausgezahlt hat sich das zwar noch nicht. Aber auf internationalen Festivals sind Barsottis Filmmusiken allein dieses Jahr bislang mit 30 Preisen ausgezeichnet worden.
Entstanden sind die prämierten Klänge mitten in Starnberg in seinem Studio. Es ist das Kernstück seines Eigenheims, das Barsotti mit seiner Frau Gundi 2018 saniert und mit großem persönlichen Einsatz umgebaut hat. Eine Wand ist lückenlos mit imposantem Flachbildschirm und einer Batterie aus Flatpanel-Lautsprechern bedeckt. Der Herr über hunderte Knöpfchen, Schalter und Regler erzählt von der Zäsur, die ihn in der Pandemie ereilte. Dreharbeiten für TV und Kino waren weitgehend eingestellt. "Es kam nichts mehr rein, es war Totenstille hier", erinnert er sich. Also nutzte er die Zeit, um herauszufinden wo er eigentlich hinwill. Und das war weg von Auftragsarbeiten, die als "Score" zu den gefilmten Bildern geschrieben und eingespielt werden, und hin zu eher funktionaler Musik, die Handlungen dramaturgisch unterstützt und Emotionen auf der Leinwand untermalt.

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Barsotti engagiert sich nun in cineastischen Projekten, in denen sich seine Musik entfalten kann, eine Hauptrolle spielt und den Film gestalterisch mit definiert. Vier Streifen sind gerade fertig geworden und auf Festivaltour, wo seine Musik einen Preis nach dem anderen einheimst. Jeweils mehrfach wurden die Soundtracks zu den Kurzfilmen "Das Porträt" von Jakob Hüfner und "Klabautermann" von Anke Sevenich ausgezeichnet. Der Score für Philip Brenkes halbstündigen Thriller "Vergebung - zehn Jahre ohne Frühling" gewann unter anderem beim "Hollywood Blood Horror Festival" 2023. Am erfolgreichsten läuft gerade die internationale Produktion "La Linea Imaginaria" des puertorikanischen Filmemachers Philip Escobar Jung. Die Arbeit an diesem Kurzspielfilm brachte Barsotti die Hälfte der mehr als zwei Dutzend Auszeichnungen seit Jahresbeginn ein. Er zeigt auf die Flurwand mit den Urkunden und sagt augenzwinkernd: "Ich komm mit dem Aufhängen kaum nach."

Ob sich die prämierten Projekte auch finanziell als ertragreich erweisen, ist allerdings offen - selbst, wenn sie es in die Filmtheater schaffen sollten. Barsotti hat da zu Beginn seiner Karriere frustrierende Erfahrungen gesammelt. Seine ersten fünf Kinofilme waren zwar alle künstlerisch ambitioniert, floppten aber an den Kassen. Die Serie begann vor gut 25 Jahren mit "Für immer und immer" des deutschen Autorenfilmers Hark Bohm. 1993 folgte die internationale Produktion "Sirga - die Löwin". Die musikalische Hauptrolle besetzte der Weltmusik-Gigant Salif Keita, Barsotti schrieb den Score. Der von Luc Besson koproduzierte Kinderfilm fand trotz positiver Kritiken kein Publikum - und der Komponist ging, abgesehen vom Fixhonorar, weitgehend leer aus. Denn auch für Filmmusik gilt: Die Haupteinnahmen stammen aus den Urheberrechten und werden vom Einspielergebnis bestimmt.

Barsottis drittes Kinoabenteuer "Dolphins" machte Schlagzeilen, weil Regisseur Farhad Yawari für sein Debüt dank prominenter Unterstützung ein Budget von 4,5 Millionen Mark zur Verfügung hatte. Xavier Naidoo spendete den Titelsong für den 35 Minuten langen Streifen; Barsotti konnte die Filmmusik mit Sinfonieorchester, dem Brahms Chor und berühmten Solisten wie Adrian Brendel und Daniel Hope einspielen. Der märchenhafte Stummfilm mit poetischen Bildern bot Gelegenheit, seine künstlerischen Ambitionen zu verwirklichen. Noch heute hält er diesen epischen, klassischen Score für eine seiner besten Arbeiten. "Dolphins" (1999) räumte zwar ein paar Preise in Übersee ab, wurde aber daheim von der Kritik als "Mädchenkitsch" abgewatscht und spielte nie seine Produktionskosten ein. Auch der prominent besetzte Spielfilm "Grüne Wüste" (1999) lockte nicht viel Publikum an. Doch bei der Premierenfeier lernte er Sönke Wortmann kennen.

Mit dessen "Wunder von Bern" (2003) kam auch für den Komponisten der erste große kommerzielle Erfolg: Der Film über die WM 1954 lockte fast vier Millionen Zuschauer ins Kino. "Damit hätte ich nie gerechnet", sagt Barsotti, "aber es hat mich natürlich unglaublich gefreut". Zumal Wortmann seiner Musik eine tragende Rolle eingeräumte hatte und ihm weitgehend freie Hand ließ: "Er meinte nur, es dürfe nicht nach Hollywood klingen. Ich hab' mich dann an mehr an europäischen Größen wie Orff und Strawinsky orientiert." Noch überraschter sei er gewesen, als Wortmanns Fußballdokumentation "Deutschland - ein Sommermärchen" (2006) das Wunder-Einspielergebnis übertraf. Auch Barsottis dritte Zusammenarbeit mit dem Regisseur, die 22 Millionen Euro teure Produktion "Die Päpstin" (2009) brachte die Kinokassen zum Klingeln und dem Komponisten den Preis der Deutschen Schallplattenkritik ein.

Die Auszeichnung hängt neben dem Filmplakat an der Studiowand, der Raum ist voll mit Instrumenten: Reihenweise stehen Gitarren griffbereit, die Vielfalt an Trommeln, Becken und Schlagwerk erreicht geradezu Orff'sche Ausmaße. Einiges ist mit den Jahren hinzugekommen, als Barsotti begann, mit ungewohnten Instrumenten zu experimentieren und neue Klangwelten zu erforschen. Er zeigt auf eines der unzähligen Keyboards: Den in den Sechzigerjahren entwickelten Moog-Synthesizer hat er im Lockdown angeschafft. Obwohl er schon immer von Bands wie Kraftwerk, Daft Punk und Yello fasziniert war, entdeckte er Electronic, Dance und Ambience erst kurz vor der Pandemie für sein eigenes kompositorisches Schaffen.
Als Mittfünfziger fand er es an der Zeit, Neuland zu betreten. "Das Hemd komplett umzudrehen", wie es Barsotti ausdrückt. Sein jüngst unter dem Pseudonym em Bi veröffentlichtes Electronic-Album "YOX" kommt gut an: Nach nur drei Wochen verzeichnet es mehr als 250 000 Streams. Auch das Video zum Track "On Your Planet" wurde bei Youtube schon 50 000 mal aufgerufen und mit einem Award belohnt. Das Filmchen zeugt von minimalem Aufwand und maximaler Selbstironie: Mit Sonnenbrille und Kinnbärtchen tanzt sich Barsotti zwischen diversen Globen durchs Video. Die Klänge erzeugt er ausschließlich digital, Chorstimmen etwa entstehen durch granulare Synthese: "Mein Ziel war es, eine synthetische Musik zu erzeugen, die organisch klingt."
Die Leidenschaft für analoge Tonerzeugung hat den gebürtigen Luzerner schon in der frühen Kindheit gepackt. Weil seine Eltern gut mit dem seinerzeit sehr populären Hazy Osterwald-Sextett befreundet waren durfte der kleine Marcel oft mit ins Tonstudio. "Solche Momente haben mich geprägt", sagt Barsotti. Seine Begabung wurde zwar rasch erkannt, er spielte gelegentlich Orgel oder Gitarre. Aber für systematischen Unterricht reichte das Haushaltsgeld der alleinerziehenden Mutter in München nicht.
Doch nach der Realschule zog es Barsotti vehement zur Musik. Er lernte Noten lesen, nahm zwei Jahre Klavierstunden, paukte Rhythmik- und Harmonielehre. Mit 19 legte er so die Aufnahmeprüfung am Richard Strauß-Konservatorium ab, "nicht mit Bravour, aber bestanden". Während er dort Komposition, Klavier und Klarinette studierte, wurde er zum Bewunderer von George Gershwin. Er habe zwar auch Streichquartette geschrieben, doch die klassische Literatur eher als Einschränkung empfunden: "Fast alle Kommilitonen wollten das tote Repertoire erhalten, ich spielte lieber live in Jazz- und Rockbands."

Der Corona-Lockdown hat bei Barsotti viel kreative Energie mobilisiert
Noch bevor Barsotti das Konservatorium mit Diploma in Komposition und Klavier abschloss, erkannte er die Filmmusik als Berufung. Mitentscheidend dafür war die Begegnung mit dem Grammy-Gewinner Harold Faltermeyer. Der hatte 1985 mit "Axel F." für "Beverly Hills Cop" einen Welthit gelandet und war als Produzent und Komponist in Hollywood sehr gefragt. Fünf Jahre lang assistierte Barsotti in Faltermeyers Studo in Baldham bei München und half etwa bei der Instrumentierung der Scores. Der arrivierte Star wiederum produzierte Barsottis Bandprojekt Chaya, dessen gefälliger Mainstream-Pop jedoch erfolgslos blieb.
Die Selbständigkeit begann für ihn im Münchner Studio mit Werbejingles etwa für Lufthansa und Vodafone. Der erste Score kam 1996 mit "Brüder auf Leben und Tod", eine Konsalik-Verfilmung für einen privaten TV-Sender. Bis 2018 stattete Barsotti Dutzende Fernsehproduktionen musikalisch aus. Künstlerische Ambitionen musste er bei diesen routinierten Auftragsarbeiten oft hinten anstellen. Inzwischen genießt er die Freiheit, Kompositionen wachsen zu lassen. Rückblickend habe die Flaute im Lockdown viel kreative Energie mobilisiert: "Etwas Besseres konnte mir nicht passieren."

