Süddeutsche Zeitung

Andenken an Ludwig II.:Und plötzlich steht da ein zweites Kreuz

Lesezeit: 3 min

An der Stelle im Starnberger See, wo Ludwig II. auf mysteriöse Weise zu Tode gekommen ist, erinnert seit wenigen Tagen ein weiteres Holzkreuz an dessen Leibarzt Bernhard von Gudden. Wer hat es aufgestellt – und warum? Noch ist das ein absolutes Rätsel.

Von Katja Sebald, Berg

Ist das Kunst oder muss das weg? Diese Frage dürfte nicht nur entscheidend für die Zukunft des Gedenkkreuzes für Dr. Bernhard von Gudden sein, das seit einigen Tagen neben dem altbekannten Kreuz für König Ludwig II. im See vor der Berger Votivkapelle steht – die Frage könnte auch für mögliche rechtliche Folgen der Aktion relevant sein. „Das Wahrzeichen von Berg hat ein neues, ein republikanisches Gesicht bekommen“, schreibt jedenfalls Andreas Ammer, Kulturbeauftragter der Gemeinde Berg, im Blog der Wählervereinigung QUH. Und weiter: „Erst jetzt wird die Tragödie, die sich hier im See abgespielt haben muss, sichtbar und erfahrbar.“ 

Ammer war es auch, der in einem später als Aprilscherz deklarierten Artikel im QUH-Blog die Aufstellung des Gedenkkreuzes zum 200. Geburtstag des Psychiaters angekündigt hatte. Damals bezog er sich auf eine Schülergruppe aus Bergs Partnerstadt Phalsbourg, die bei ihrem Besuch an der Votivkapelle ihre Verwunderung darüber zum Ausdruck gebracht hatte, dass man nur an den König erinnere, nicht aber an seinen Arzt, der dort mit ihm am 13. Juni 1886 zu Tode gekommen war.

Am vergangenen Freitag berichtete der Blog nun als erstes von dem Kreuz für Gudden: „Eine Hundebesitzerin, die allabendlich ihren Königspudel im Schlosspark ausführt, hatte uns bei Sonnenuntergang auf das kleine Wunder aufmerksam gemacht. Sofort haben wir ungläubig die neue Gedenkstätte besichtigt.“ Ausführlich wird in dem Artikel das Kreuz beschrieben, das „schlicht und edel“ aussehe, „aus massiven Holz fachmännisch gefertigt und liebevoll bemalt worden“ sei. „Die Anstrengung, es heimlich hier im See zu errichten, mag nicht gering gewesen sein“, heißt es weiter. 

Noch am selben Tag erschien ein weiterer Blog-Artikel, der den am 7. Juni 1824 geborenen Gudden anlässlich dessen 200. Geburtstags würdigt. Der Königliche Medizinalrat und von Ludwig II. in den persönlichen Adelsstand erhobene Dr. Bernhard von Gudden war zuletzt Direktor der Oberbayerischen Kreisirrenanstalt München. Er erstellte, ohne den Patienten persönlich begutachtet zu haben, das psychiatrische Gutachten, mit dem die Entmündigung des Königs begründet wurde. Gleichwohl war Gudden einer der prominentesten Psychiater seiner Zeit und galt als fortschrittlicher Wissenschaftler. Er vertrat das aus England stammende „No restraint“-Prinzip, das die in psychiatrischen Anstalten damals übliche körperliche Zwangsbehandlung von Patienten ablehnte.

Ammer schreibt dazu: „Genau diese liberale Behandlungsmethode wurde Gudden bei seinem letzten Patienten zum Verhängnis. Bekanntermaßen wies er an seinem Todestag um 18.35 Uhr entgegen allen Vorschriften und medizinischen Usancen mit einer Geste den Krankenpfleger Mader, der Ludwig II. auf Schloss Berg bewachte, dazu an, zurückzubleiben.“ 

Ammer geht sogar noch einen Schritt weiter: Er ist der Meinung, dass Gudden bei diesem letzten Spaziergang den König von einem Suizid abhalten wollte und daraufhin von ihm in einem Handgemenge „mit eigener Hand“ getötet wurde. Die Proportionen der beiden Kreuze entsprächen den Größen- und vermutlich auch Kräfteverhältnissen zwischen dem nur 1,60 Meter großen Arzt und seinem dreißig Zentimeter größeren königlichen Patienten. „Wer war Opfer, wer war Täter?“, schreibt Ammer in einer Bildunterschrift.

Zumindest bei den Guglmännern dürfte er sich mit dieser Interpretation keine Freunde gemacht haben: Der Geheimbund von Königstreuen, dessen Mitglieder bei öffentlichen Auftritten ihre Identität stets unter schwarzen Kapuzen verbergen, schreibt auf seiner Website: „Die Guglmänner SM. König Ludwig II. haben es sich zur Aufgabe gemacht, nicht zu ruhen, bis die Todesumstände vollkommen aufgeklärt sind. Der König war kein Selbstmörder und erst recht kein Mörder; wir werden es nicht zulassen, dass unser König diesen Rufmord und diese Schmach noch länger zu erdulden hat.“ 

Die Wahrheit über den Tod von König Ludwig II. und seines Arztes liegt also weiterhin im Dunklen. Aber auch die Initiatoren des zweiten Kreuzes haben sich bislang nicht zu erkennen gegeben. Da durch die Aufstellung niemand zu Schaden gekommen ist, müssen sie sich vermutlich vor strafrechtlichen Folgen nicht fürchten. Die Nacht-und-Nebel-Aktion, die ja durchaus auch eine politische Botschaft in sich trägt, könnte sogar von der Kunstfreiheit gedeckt sein. Voraussetzung dafür wäre jedoch, dass ihr Urheber selbst das Werk als Kunst sieht. Er habe das Kreuz jedenfalls nicht aufgestellt, antwortet Andreas Ammer auf Nachfrage der SZ.

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