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Bürgerbegehren in Wörthsee:Der Ton wird schärfer

Nördlich der "Zum Kuckucksheim" umbenannten Straße müssen auf etwa 2000 Quadratmetern Bäume für den Supermarkt gefällt werden.

(Foto: SZ-Grafik)

Befürworter und Gegner des geplanten Supermarkts geben Infobroschüren heraus - und werfen sich gegenseitig Falschinformation und Einschüchterung vor.

Von Christine Setzwein

Die eine Seite will sich nicht "einlullen" lassen, die andere ist besorgt über "gezielte Desinformation". Der Ton zwischen Gegnern und Befürwortern eines zweiten Nahversorgers in Wörthsee im Vorfeld des Bürgerentscheids am 21. März wird schärfer. Sowohl das Bündnis "Rettet den Kuckuckswald" wie auch die Gemeinde haben neue Flyer herausgegeben.

Die Projektzeitung der Gemeinde unter dem Motto "Zukunft gestalten - Wohnen und Leben am Teilsrain" wagt einen Blick in die Zukunft: "Morgens ist viel los im Quartier. Kinder werden gefahrlos über die Etterschlager zu Fuß in den katholischen Kindergarten gebracht oder in die Krippe, die Nachbarschaftshilfe kommt in die Seniorenwohnungen auf dem Kirchengelände und betreut ihre Klienten, um sieben Uhr öffnen der Supermarkt und der Landbäcker, Bewohner der umliegenden Wohnungen treffen sich beim Einkaufen und im Café..."

So könnte es sein, das Leben in der neuen Ortsmitte von Wörthsee, wenn die Pläne der Gemeinde wahr werden. In dem Informationsblatt, für das die Gemeinderäte Thomas Bernhard, Thomas Ruckdäschel, Peter Hopmann, Benedikt Gritschneder und Florian Tyroller als Herausgeber zeichnen, geht es aber auch um Fakten zu Größe und Bauart des Lebensmittelmarkts, zu Rodung und Ausgleichsaufforstung, zur Verkehrsberuhigung an der Etterschlager Straße und zum Nahwärmenetz für das Quartier. Zitiert werden der Geschäftsführer des Verbands Wohnen, Michael Vossen, für die Kirchenstiftung Joachim Muffler und Pfarrer Roland Böckler sowie Immobilienentwickler Max von Bredow. Sie alle hoffen, dass die Wörthseer am 21. März für den Neubau des Vollsortimenters an der Straße "Zum Kuckucksheim" stimmen. Denn nur dann, so will es der Gemeinderat, ergebe auch das genossenschaftliche Wohnprojekt am Teilsrain Sinn. Die künftigen Bewohner der 150 Wohnungen für alle Generationen in dem Quartier müssten auch fußläufig versorgt werden.

Das will auch das Bündnis "Rettet den Kuckuckswald" - aber nicht in Form eines großen zweiten Supermarkts in der Nähe des bestehenden Edeka-Markts, sondern als kleineren Laden mit regionalen Produkten. Im neuen Flyer des Bürgerbegehrens wird das Ratsbegehren, in dem der Bau von Genossenschaftswohnungen mit dem Vollsortimenter verknüpft wird, als "unfair und undemokratisch" und als "Drohkulisse" bezeichnet. Es werden Zahlen aus verschiedenen Studien und Gutachten zitiert. "Die Verkehrszunahme von 1245 zusätzlichen Pkw-Fahrten und zwölf Lkw-Fahrten pro Werktag wollen wir nicht, weder den Lärm, noch die Abgase, noch das Verkehrschaos", heißt es. Das Bündnis will außerdem erfahren haben, dass der erste Anliefer-Lkw zum Edeka bereits um vier Uhr früh komme. Zum "Einlullen" gehöre auch, dass "uns Ausgleichsflächen nördlich der Autobahn und südlich von Wörthsee versprochen werden". Das Bündnis will aber die Bäume an der Kuckuckstraße erhalten. Dort müssen 2000 Quadratmeter Wald gefällt werden für die Zufahrt zum Supermarkt und für den Fuß- und Radweg zu den Genossenschaftswohnungen.

Bürgermeisterin Christel Muggenthal stellt klar, dass es sich bei der Rodung nicht um "den Kuckuckswald" handle, sondern lediglich um Bäume am Waldsaum entlang der jetzigen landwirtschaftlichen Fläche. Falsch sei auch, dass der neue Vollsortimenter in den frühen Morgenstunden beliefert würde. "Es ist von der Gemeinde klar geregelt, dass hier vor sieben Uhr nicht angeliefert werden darf."

Für Unsicherheiten und Sorgen in der Bürgerschaft habe die Gemeinde großes Verständnis. "Wir sind allerdings besorgt über gezielte Desinformation", schreibt Muggenthal auch im Namen des Gemeinderats. Dazu gehörten falsche Zahlen zum Integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzept, eine angebliche "Drohung" aus dem Rathaus, fehlerhafte, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, Rechenfehler und verallgemeinerte "Studienergebnisse" zur Wirtschaftlichkeit und Verkehrssituation. "Bürgermeisterin und Gemeinderat entscheiden auf Basis von Fakten sowie unabhängig erstellten Gutachten." In dem neuen Quartier mit bezahlbaren Wohnungen, Supermarkt und verkehrsberuhigten Begegnungsstätten könne "ein deutliches Mehr an Lebensqualität für alle Wörthseer Bürgerinnen und Bürger" entstehen.

Nahversorger Wörthsee

Über dem Laden sind 16 "Starterwohnungen" für junge Leute vorgesehen. Insgesamt sollen in der neuen Ortsmitte Wörthsees 150 Wohnungen entstehen. Simulation: Quest AG

Die Wörthseer Grünen sind gespalten. Während die Sprecher Roswitha Gahn und Michael Benzinger das Bürgerbegehren "Nein danke zu einem Vollsortimenter" unterstützen, will Grünen-Gemeinderat Florian Tyroller, "dass die fundierten Planungen des Gemeinderates am Teilsrain weiter fortgeführt werden". Diese Meinung beruhe auf vielen Stunden Diskussion, in Sitzungen und Wochenendklausuren des Gemeinderates. In seinem beruflichen Alltag - Tyroller ist Gymnasiallehrer - versuche er, jungen Menschen die Vorteile einer wissenschaftlich fundierten Diskussion nahe zu bringen. Der Emotionalität der derzeitigen Auseinandersetzungen möchte er daher gerne "mit Fakten begegnen". Im Gegensatz zu manchen Zahlen, die derzeit durch den Ort schwirrten, "sind meine Daten nach bestem Wissen und Gewissen aus seriösen Quellen zusammengetragen", erklärt Tyroller. Sie basierten auf allgemein zugänglichen Quellen, auf Daten des Bauwerbers, des Planungsbüros Terrabiota sowie der Gemeindeverwaltung. Zu verschiedenen Themen wie Verkehr, Entwicklung seit 2017, Klimaschutz oder "Planung aus einem Guss" können seine Daten und Schlüsse daraus auf der Homepage www.woerthsee-mitte.de nachgelesen werden. Tyrollers Fazit: "Der Holzbau des Nahversorgers am Teilsrain ist ein handfester Beitrag Wörthsees zum sofortigen Klimaschutz und ein wichtiger Beitrag zur Verkehrsberuhigung."

© SZ vom 20.02.2021
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