Süddeutsche Zeitung

Starnberger See:Der Graf und seine Knutschkugel

Die Isetta mit der aufklappbaren Front gehörte einst Maurus Graf, dem Bruder des Berger Schriftstellers Oskar Maria Graf. Der Oldtimer-Freak Thomas Schwingenstein hat schon als Kind mit ihr im Schuppen hinter dem "Café Maurus" gespielt. Jetzt hat er sie liebevoll restauriert.

Von Katja Sebald

Als Kind spielte Thomas Schwingenstein im Schuppen hinter dem ehemaligen "Café Maurus" in einer alten BMW-Isetta. Viele Jahre später konnte er den historischen Kleinstwagen kaufen und restaurieren. Aus den erhaltenen Originaldokumenten geht hervor, dass die mehr als fünfzig Jahre alte Isetta einst Maurus Graf gehörte, dem Bruder des Schriftstellers Oskar Maria Graf. Sie ist also nicht nur ein Stück Automobilgeschichte, sondern auch ein kleines Puzzleteil der Berger Ortsgeschichte.

Das "Café Maurus" galt als Institution in Berg. In der Wirtschaftswunderzeit war es nicht nur wegen seiner aufwendigen Tortenkreationen weithin berühmt, es war auch legendärer Treffpunkt von Kunst- und Literaturliebhabern. Der kauzige Wirt blieb den Bergern noch lange als großartiger Erzähler in Erinnerung, der von Tisch zu Tisch ging, Rilke zitierte und unanständige Witze zum Besten gab. Bereits 1956 hatte der Konditor so viel Geld verdient, dass er sich einen "Geschäftswagen" leisten konnte: Zu den Dokumenten, die Thomas Schwingenstein mit der Isetta erhielt, gehört auch der "Auftrag zur Vermittlung eines Fahrzeugverkaufs". Als Maurus Graf am 15. März 1960 beim BMW-Händler Schorsch Maier in der Dachauer Straße in München eine neue "Isetta 250 in serienmäßiger Ausführung" zum Preis von 2745,50 DM kaufte, gab er das Vorgängermodell für 1700 Mark in Zahlung. Die Farbe des Neuwagens wird im Kaufvertrag mit "Gelbolive" bezeichnet, als Sonderausstattung wird eine Heizung sowie eine "Garnitur Spritzschutz" aufgeführt. Im KFZ-Brief ist Maurus Graf, Inhaber von "Conditorei und Café in Berg 23", als erster und einziger Besitzer eingetragen. Am 31. August 1971, kurz nachdem Maurus Graf im Alter von 81 Jahren gestorben war, wurde das Fahrzeug abgemeldet. Der entsprechende Beleg ist ebenso wie die Betriebsanleitung und die Rechnung für zwei Kennzeichen zu 8,50 DM im Original erhalten.

Von Maurus Graf ist die schöne Anekdote überliefert, dass er zur Beerdigung seiner Schwester Theres im schwarzen Anzug auf dem Moped nach Aufkirchen fuhr und sich den Trauerkranz für den Transport um den Hals gehängt hatte. Er dürfte also zu den Menschen gehört haben, für die der Kauf eines Autos eigentlich nicht in Frage kam, weil sie keinen Führerschein der Klasse III besaßen. Die Isetta, ein sogenanntes Rollermobil, durfte jedoch mit dem Führerschein Klasse IV aus der Vorkriegszeit gefahren werden - was wohl nicht unerheblich für ihren großen Erfolg war. BMW baute das zwischen Motorrad und Auto einzuordnende Fahrzeug in verschiedenen Ausführungen von 1955 bis 1962 und verkaufte es als "Motocoupé". Bis Mitte der Siebziger konnte man das Kleinstauto mit der aufklappbaren Front noch häufig auf den Straßen sehen, mittlerweile ist es zum Sammler- und Museumsstück geworden.

Der Maschinenbauingenieur und Oldtimer-Freak Thomas Schwingenstein, Jahrgang 1973, lebt in der Nähe von Stuttgart. Er wuchs in Berg auf und ist seit der Kindheit mit Jean-Côme Lanfranchi befreundet. Dessen Großmutter war mit der Frau von Maurus Graf verwandt. Das Haus an der heutigen Grafstraße, in dem sich einst das "Café Maurus" befand, ist noch in Familienbesitz. Und so ist es zu erklären, dass die Isetta nach dem Tod ihres Eigentümers blieb, wo sie war. Erst als vor ein paar Jahren der Holzschuppen abgerissen wurde, erwachte sie aus ihrem Dornröschenschlaf. Gefahren ist aber seit 1971 niemand mehr mit ihr - auch Schwingenstein nicht, der sie auf einem Anhänger in seine Garage brachte und dann Stück für Stück wiederbelebte. Gut zwei Jahre dauerte die Restaurierung. Die Arbeitsstunden zählten für einen echten Freak nicht, sagt er: "Der Sinn ist das Basteln selbst." Die Isetta ist nicht der erste Oldtimer, den er restauriert, aber sie ist eine Besonderheit: Es gebe selten alte Autos, die bis ins Detail original erhalten sind. Er habe kaum Rost gefunden, sogar die alten ADAC-Plaketten klebten noch auf den Seitenscheiben. "Der Motor läuft", kann er berichten, nun will er sich noch die Bremsen vornehmen - und dann vielleicht eine Probefahrt machen. Für Schwingenstein wurden mit der Isetta auch Kindheitserinnerungen wieder wach: Im alten Holzschuppen verwandelte sie sich für die beiden Buben manchmal in ein U-Boot, denn natürlich hatten sie den Film "Das Boot" nach dem Roman von Lothar-Günther Buchheim gesehen, der Anfang der Achtzigerjahre in aller Munde war.

Knutschkugel

Die BMW Isetta ist keine bayerische Erfindung: Die "Knutschkugel" war ein Lizenzbau des italienischen Autobauers Iso, der das Fahrzeug von 1953 bis 1955 produzierte. Verschiedene Unternehmen bauten die Isetta ab 1954 bis in die 1960er Jahre weiter. Am erfolgreichsten wurde die BMW Isetta mit hauseigenen Einzylindermotoren mit 250 und 300 Kubikzentimeter Hubraum. Insgesamt verkaufte BMW rund 161 000 dieser Kabinenroller. phaa

Auch den roten Hebel, den sie damals zum Abtauchen und Auftauchen verwendeten, fand Thomas Schwingenstein im Cockpit: Es ist der Heizungshebel. Dennoch wird sich der leidenschaftliche Oldtimer-Sammler vermutlich von der Isetta trennen: "Man hat heutzutage einfach zu selten die Gelegenheit, mit einem 12-PS-Auto zu fahren."

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SZ vom 17.08.2021
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