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Landkreis Starnberg:So will ein Start-Up den Nahverkehr revolutionieren

Das junge Team von Omobi mit dem ersten Einsatzfahrzeug in Murnau. Eine Software bündelt die Fahrgastwünsche zu Touren, die Fahrt kostet zwei Euro.

(Foto: oh)

Ein Zwitter aus Bus und Taxi, der erfolgreich in Murnau gestartet ist, könnte auch das Fünfseenland entlasten.

Von Armin Greune

"Bedarfsgesteuerter Flächenbetrieb" oder "Ridepooling" heißt das neue Konzept, das zur Lösung vieler Verkehrsprobleme in weiten Bereichen des Fünfseenlandes beitragen könnte. Seit Juli 2020 hat der Markt Murnau den Busverkehr auf das örtliche Start-up-Unternehmen "Omobi" übertragen, das ein digital gesteuertes Nahverkehrssystem auf Abruf mit Minibussen betreibt. Dieser Zwitter aus Bus und Taxi bietet von 8 bis 20 Uhr flexible Nutzungszeiten, Routen und Haltestellen zum Preis von zwei Euro pro Fahrt. Die Fahrgastzahlen haben sich im Vergleich zum vorher eingesetzten Staffelseebus vervielfacht. "Es ist eingeschlagen wie eine Bombe", freute sich Omobi-Geschäftsleiter Clemens Deyerling bei der Präsentation seines Verkehrskonzeptes im Dießener Gemeinderat am Montagabend.

Das Gremium war beeindruckt: Einstimmig beauftragte es die Rathausverwaltung, die Voraussetzungen für einen Einsatz am Ammersee zu prüfen. Hannelore Baur (SPD) sah im innovativen Ruf-Bussystem - Ähnliches gibt es im ländlichen bayerischen Raum bislang nur in Hof und Freyung - "einen ersten Schritt, den Verkehr im Ort zu verringern", dafür wolle sie "gerne Geld in die Hand nehmen". Holger Kramer (Grüne) fand, man bekomme im Vergleich zum derzeitigen Ortsbus "fürs gleiche Geld ein viel besseres System".

Der Markt Murnau hatte Omobi den Nahverkehr am 1. Juli übertragen und dabei im Jahr mit Gesamtkosten von 350 000, einem Minus von rund 200 000 Euro sowie bis zu 70-prozentigen Zuschüssen zum Betriebsdefizit vom Freistaat gerechnet. Nur 16 Tage später entschloss man sich, 47 000 Euro draufzulegen, um die Busse auch am Wochenende einzusetzen. Und bei Bedarf lässt sich kurzfristig ein Nachtbetrieb für Veranstaltungen einrichten. Das System ist für Nutzer leicht zu handeln: Per App am Mobiltelefon oder im persönlichem Gespräch mit einer Mitarbeiterin melden sie Fahrtwünsche an und erfahren, wann und wo sie der Bus aufsammelt. Etwa 220 Abholpunkte gibt es in und um Murnau, jeder Interessent findet einen in seiner Nähe. Für Stammgäste wird eine neue virtuelle Haltestelle eingerichtet. Bei Auftragserteilung erfährt der Fahrgast, wo sich der Bus gerade befindet und wie lange die Fahrtzeit maximal und minimal beträgt. Beispielsweise werden 15 bis 22 Minuten angegeben, diesen Spielraum nutzen Algorithmus und digitale Systemeinstellungen der Berliner Softwarefirma zum "Pooling", um also gegebenenfalls individuelle Fahrtwünsche zu bündeln und zur optimalen Route zu kombinieren.

Das Konzept, das er und Robert Schotten als Gründer und Geschäftsführer von Omobi in Murnau von der Planung bis zur Abrechnung betreuen, bedinge eine hohen Aufwand etwa für Installation und Initiierung, räumte Deyerling ein. Doch der Erfolg ist nicht von der Hand zu weisen: In den drei Sommermonaten verzeichnete man 3145 Fahrgäste. "Bei steigender Tendenz sind an Spitzentagen mehr als 80 Fahrgäste mit dem Ortsbus unterwegs", bestätigt Annika Röttinger, Rathaussprecherin in Murnau, der SZ. Man habe "komplett andere Zielgruppen erschlossen als erwartet", sagte Deyerling in Dießen: Alle Altersgruppen, Einheimische wie Touristen, seien vertreten. In Murnaus Nachbargemeinden Seehausen, Uffing und Riegsee bestehe großes Interesse, "ein Andocken ließe sich in ein paar Wochen realisieren". Die Wartezeiten der Fahrgäste bewegten sich zwischen wenigen Minuten bis zu maximal einer Stunde. Zu Stoßzeiten sei man nun "im Bereich, wo Leute schon wieder abspringen", räumte Deyeer ein. Den Grundbetrieb deckt ein Siebensitzer der Mercedes V-Klasse, immer öfter müsse man die Reserve um geleaste oder kurzfristig gemietete Minibusse aufstocken.

In Murnau wurden die bis dato bestehenden Ortsbusse nur sehr gering genutzt, auch im Landkreis Starnberg lassen die Fahrgastzahlen vielerorts zu wünschen übrig. Der Dießener Ortsbus aber erreicht - vom Schulverkehr abgesehen - nur eine Auslastung von acht Prozent. Und noch etwas haben Fünfseen- und Blaues Land gemeinsam: Im Corona-Sommer litten beide Gegenden unter dem Ansturm von Urlaubern und Ausflüglern. Noch mehr als am Ammersee und Starnberger See gerieten die Staffelseegemeinden unter die Räder. Als Reaktion wurde in Murnau der Omobi-Betrieb auch samstags und sonntags von 9 bis 20 Uhr angeboten - obwohl das die Kommune bis November täglich 1000 Euro zusätzlich kostet.

Falls das System in Dießen zum Einsatz kommen soll, müsste man zunächst die ÖPNV-Trägerschaft vom Landkreis Landsberg übernehmen. Bis Mai 2024 ist man noch vertraglich an den bisherigen Ortsbus gebunden, das Defizit von 150 000 Euro jährlich teilen sich Gemeinde und Kreis. Zu klären wäre auch noch, wer gegebenenfalls den Schülerverkehr übernimmt, der bislang gut 40 Prozent zur Auslastung des Ortsbusses beiträgt. Weiter soll Dießens Verwaltung prüfen, ob und wie sich Landsberg und Herrsching in das System einbinden ließen.

© SZ vom 28.10.2020
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