Klinik-Neubau in Seefeld:Eine Entscheidung, die alle betrifft

Die Bürger stimmen am Sonntag über den Standort im Landschaftsschutzgebiet ab, wo der Landkreis das bisherige Seefelder und das Herrschinger Krankenhaus zusammenlegen will. Die Ausgangslage ist kompliziert. Welche Interessen treiben die Protagonisten an?

Von Astrid Becker

Für die einen geht es um den Erhalt der medizinischen Versorgung im westlichen Landkreis, für die anderen um die Versiegelung ökologisch wertvoller Flächen: Seit der Landkreis Anfang 2020 die Schindlbeck-Klinik in Herrsching gekauft hat, wird um die Zusammenlegung der beiden landkreiseigenen Kliniken im Westen - Seefeld und Herrsching - in einem Neubau gerungen. Elf mögliche Standorte dafür wurden geprüft, einer blieb am Ende übrig: eine Fläche südlich des Friedhofs im Seefelder Ortsteil Hechendorf im Landschaftsschutzgebiet. An diesem Sonntag soll nun auf Basis eines Ratsbegehrens der Wille der Seefelder ausgelotet werden. Bis zum Freitagmorgen haben bereits 3400 von insgesamt 5780 Wahlberechtigten die gestellte Frage postalisch beantwortet: "Sind Sie dafür, dass die Gemeinde Seefeld für den Neubau eines Krankenhauses auf einer Fläche östlich des neuen Friedhofes an der Bahnhofstraße die planungsrechtlichen Voraussetzungen schafft?" Diese Fragestellung ging den Naturschützern aber nicht weit genug: Sie strebten zusätzlich noch einen Bürgerentscheid an. Das Begehren erklärte der Gemeinderat Seefeld jedoch für unzulässig. Die Folge waren heftige Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern. Welche Positionen die Protagonisten vertreten, analysiert die SZ - vor einer Entscheidung, deren Ausgang ungewiss ist.

Landrat Stefan Frey

Starnberg: LRA  Apetito PK mit Landrat Stefan Frey

Landrat Stefan Frey (CSU) setztauf das Bürgervotum.

(Foto: Nila Thiel)

Er hat das Vorhaben von seinem Vorgänger Karl Roth (beide CSU) geerbt. Dieser hatte den Kauf der Schindlbeck-Klinik in Herrsching und deren Fusion mit der Seefelder Klinik unter dem Dach der Starnberger Klinik-Gesellschaft 2019 eingefädelt, bevor er sich in den Ruhestand verabschiedete. Der Kaufvertrag wurde Anfang 2020 unterzeichnet. Der erklärte Wille, wenngleich noch hinter den Kulissen, war es, beide Kliniken nicht nur zu fusionieren, sondern in einem Neubau an anderer Stelle mit bis zu 200 Betten unterzubringen - um die medizinische Versorgung im Westen nicht nur zu sichern, sondern vor allem auch wirtschaftlich auf solidere Grundlagen zu stellen, als es bisher nach diversen Reformen des Abrechnungssystems, der Strukturvorgaben des Gesundheitsministeriums und der Krankenkassen möglich scheint.

Frey dürfte seither einige schlaflose Nächte hinter sich gebracht haben. Denn die Suche nach einem Standort für so einen Klinik-Neubau gestaltete sich schwierig. So scheiterten diverse Grundstücksverhandlungen - auch über eine Fläche, die wohl die am besten für eine Klinik geeignet gewesen wäre: an der Seefelder Straße in Herrsching. Dort gibt es keinen Landschaftsschutz. Zudem besitzt die Gemeinde Herrsching dort bereits 18 000 Quadratmeter, was die Sache entschieden erleichtert hätte.

Doch der für einen Klinik-Neubau noch nötige Zukauf einer Fläche scheiterte an den Eigentümern: "Sie haben uns ihre Gründe nicht mitgeteilt, warum sie nicht verkaufen wollen", sagt Frey. Aber klar sei auch, dass Grundstücke derzeit "einen irren hohen Anlagewert haben". Und: "Für einen sozialen Zweck darf der Landkreis nicht einen so hohen Preis zahlen, der irgendwann in ferner Zukunft für Bauland zu erwarten ist." Was wohl nichts anderes bedeuten kann, als dass die Grundstückseigentümer offenbar lieber darauf warten, dass irgendwann wegen der Flächenknappheit im Landkreis auf dem Areal Baurecht geschaffen wird, was den Wert gehörig steigern würde. Zudem verkaufen viele derzeit wohl nur, wenn sie dringend Geld brauchen - schon allein, weil viele Banken Strafzinsen auf Guthaben erheben. Das erschwere Grundstücksverhandlungen für Kommunen ohnehin, hatte Frey schon vor einigen Wochen gesagt.

Einer Erweiterung der Schindlbeck-Klinik stehe er zwar positiv gegenüber, so sagt er nun, aber habe Zweifel an der Umsetzbarkeit: "Wir müssten vermutlich in die Tiefe und in die Höhe bauen." Frey hält dies aber für wenig möglich, dann "eher noch ein Neubau an dieser Stelle". Die Planungshoheit darüber obliege aber der Gemeinde - und letztlich auch dem Gesundheitsministerium, das dies zu prüfen habe.

Klinikchef Thomas Weiler

Thomas Weiler

Thomas Weiler will eine Klinik für die Zukunft.

(Foto: privat)

Er ist Mediziner und Manager in Personalunion, in beiden Fächern bestens ausgebildet, was ihm 2018 wohl auch den Job als Geschäftsführer der damals neu gegründeten Starnberger Kliniken-Holding einbrachte, unter der alle Landkreis-Kliniken vereint sind: Starnberg, Penzberg, Seefeld und neuerdings, per Managementvertrag, auch Herrsching. Weiler ist, wenn man so will, der Vater der Idee, eine neue Klinik im Westen zu erbauen. Er hatte schon sehr früh, mit der Übernahme der Klinik Seefeld durch den Landkreis 2016, Fördermöglichkeiten für eine Erweiterung Seefelds sowie für einen Klinik-Neubau ausgelotet. Als der Landkreis drei Jahre später auch noch die Schindlbeck-Klinik kaufte, rückte eine Zusammenlegung beider Häuser unter einem Dach näher.

Sein zunächst favorisierter Standort war die Seefelder Straße in Herrsching. Nachdem daraus nichts werden kann, schwenkte er auf den neuen Standort in Hechendorf um. Auf die Kritik am Landkreis wegen der Entscheidung für diese Fläche im Landschaftsschutzgebiet reagierte er meist sehr zornig. Für ihn ist das Verhalten der Naturschützer wohl regelrecht fahrlässig: Immer wieder hatte er in den Auseinandersetzung betont, dass, sollte der Klinik-Neubau keine Mehrheit finden, es am Ende gar keine medizinische Notfallversorgung mehr im westlichen Landkreis geben werde.

Den Naturschützern warf er vor, nachdem diese eine Online-Petition gegen die Hechendorfer Pläne gestartet hatten, damit "schlimmste Demagogie" zu betreiben. Seit Kurzem sind im Internet unter www.zukunft-starnberger-kliniken.de Informationen zur geplanten Zusammenführung der Chirurgischen Klinik in Seefeld und der Schindlbeck-Klinik in Herrsching eingestellt - wohl Weilers Antwort auf die "fünf guten Gründe mit Nein zu stimmen" der Gegner unter www.initiative-eichenallee.de/klinik.

Die Naturschützer

Seefeld

Ortwin Gentz will die Natur bewahren.

(Foto: privat)

Ortwin Gentz sitzt seit der vergangenen Kommunalwahl für die Bürgerinitiative Eichenallee (BI) in einer gemeinsamen Fraktion mit den Grünen im Seefelder Gemeinderat, seine Frau Constanze hat die Ortsgruppe des Bund Naturschutz initiiert. Das Paar lebt im Aubachtal, einer aus ökologischer Sicht recht sensiblen Gegend, was den beiden etwa von einigen Klinikstandort-Befürwortern den Vorwurf einbrachte, nur persönliche Interessen zu verfolgen und selbst im Landschaftsschutzgebiet gebaut zu haben - und zwar wesentlich größer als der Bestand, den es zuvor dort gegeben habe. Anwürfe, die Ortwin Gentz regelrecht aufbringen: "Es geht doch um die Sache", sagt er, "nicht um Privates. Diese persönliche Diskreditierung ist niveaulos."

Unterstützung findet das Paar hingegen vor allem beim Bund Naturschutz und dessen Kreisvorsitzenden Günter Schorn, der die Gründung der Ortsgruppe naturgemäß als Gewinn ansehen muss. Gemeinsam kämpfen sie nun gegen den Klinik-Neubau am nun zur Diskussion stehenden Standort an der Lindenallee. Dafür haben sie im April eine Online-Petition gestartet mit bislang 1489 Unterschriften, dem der mittlerweile gescheiterte Versuch eines Bürgerbegehrens als Antwort auf das Ratsbegehren folgte. Zudem ließ der Bund Naturschutz ein Gutachten erstellen, der dem geplanten neuen Klinikstandort noch einmal bescheinigt, ökologisch wertvoll zu sein: Entdeckt wurde dabei Vielzahl an Wildkräutern. Dazu gehören das Breitblättrige Knabenkraut, die Wiesenglockenblume, der Große Wiesenknopf oder die Wilde Möhre. Die Bezeichnung dieses Flora-Fauna-Habitat-Lebensraumtyps lautet "Artenreiche Flachland-Mähwiese".

Diese wollen die Naturschützer nun vor der Zerstörung bewahren - weil dort Versorgung, Wirtschaftlichkeit und Umwelt nicht in Einklang zu bringen seien, weil es an grundlegenden Informationen fehle, etwa über Größe des Baus oder Anfahrt, weil "ein schöngefärbtes Bild des Projektes" gezeichnet werde. Die mangelnde Erweiterbarkeit, die Hochwasserproblematik und die schlechte Bebaubarkeit aufgrund von Hangwasser würden beispielsweise von den Fachbehörden nicht berücksichtigt. Zudem sei die medizinische Grundversorgung nicht gefährdet, weil der Landkreis dazu verpflichtet sei. Eine Alternative, wo dies kostengünstiger und ohne unnötige Flächenversiegelung möglich wäre, nennen sie mittlerweile: durch die Erweiterung der Herrschinger Schindlbeck-Klinik.

Robert Schindlbeck

Die Schindlbeck-Klinik in Herrsching; Privatklinik Dr. Schindlbeck

Robert Schindlbeck möchte das"Lebenswerk" erhalten.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Ihm dürfte die Idee der Naturschützer recht gut gefallen - auch wenn er früher, als er selbst als Parteifreier für die CSU im Seefelder Gemeinderat saß, nicht gerade als Freund der Grünen oder der Ziele der Bürgerinitiative auffiel. Wenn es allerdings um die Erweiterung der Klinik in Herrsching geht, die sein Vater gegründet hatte und später mit ihm und seinem verstorbenen Bruder Ulrich weiter aufgebaut hat, dann dürfte er den Naturschützern nun dankbar sein. Denn die Vorstellung, dass "das Lebenswerk unserer Familie" nicht mehr existieren könnte, dürfte ihn schwer erschüttern. Er hatte es aus wirtschaftlichen Gründen an die US-amerikanische Firma Myriad verkauft, die es dann dem Landkreis veräußerte.

Seit die Pläne für einen Klinik-Neubau an anderer Stelle bekannt geworden sind, kämpft er auf seine Weise für den Erhalt "seines" Hauses - was ihm manche Rüge seiner neuen Chefs, Frey und Weiler, eingebracht haben soll. Zum Beispiel, als er den Herrschinger Gemeinderat ohne Absprache und vorgeblich anlässlich des 75-jährigen Bestehens der Klinik zu einer Ortsbesichtigung einlud.

Die Hoffnung, diese noch vor dem Ratsbegehren zu realisieren, hat sich jedoch zerschlagen: Frey und Weiler wollen bei diesem Termin unbedingt dabei sein, Zeit dafür hatten sich bislang aber nicht. Zudem, so Weiler, stünden dem bisher noch die Corona-Auflagen entgegen. Trotzdem hat Schindlbeck nun plötzlich unerwartete Unterstützung bekommen: Weiler erklärte beim Infoabend zum Bürgerentscheid vor zwei Wochen wohl für alle Zuhörer völlig überraschend, "oberste Priorität hat für mich der Ausbau der Schindlbeck-Klinik".

Bürgermeister Christian Schiller

Herrsching,Wahl 2020,  BGM Christian Schiller

Christian Schiller bezweifelt Anbaumöglichkeiten.

(Foto: Georgine Treybal)

Wer ihn kennt, kann sich gut vorstellen, wie stolz er wäre, bekäme sein Herrsching den Zuschlag für eine Klinik, die den ganzen westlichen Landkreis versorgt. Die Schindlbeck-Klinik zu erweitern, hält er allerdings für "kaum machbar". Das Baurecht von 5500 Quadratmetern auf der etwa 15 000 Quadratmeter großen Fläche sei mit 5300 Quadratmetern derzeit nahezu ausgeschöpft, so ist auch aus dem Herrschinger Bauamt dazu zu hören.

Dass zum Beispiel noch der jetzige Parkplatz überbaut werden könnte oder auch Neubauten anstelle der Wohnheime auf dem Gelände, davon will man derzeit in Herrsching nur wenig hören. Das mag aber auch an der Lage der Schindlbeck-Klinik in zweiter Seereihe liegen: für einen Bauträger, der dort Wohnbebauung realisieren könnte, höchst interessant. Zudem hält die Rathausverwaltung auch die Anfahrtssituation für Rettungswägen mitten im Ort für bedenklich. Eine Verkehrsberuhigung an dieser Stelle ist seit langem im Gespräch.

Altbürgermeister Wolfram Gum

Bürgerbegehren in Seefeld zum Rathausneubau

Wolfram Gum (CSU) sieht die Infrastruktur in Gefahr.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Er war 30 Jahre in Seefeld im Amt, 18 Jahre davon auch Zweckverbandsvorsitzender der Klinik in Seefeld und hätte es sicher gern gesehen, wenn er den Erhalt der medizinischen Versorgung in seiner Gemeinde sichern hätte können. Das war Wolfram Gum (CSU) allerdings nicht vergönnt, obwohl er bis zu seinem Ruhestand allerlei Grundstücke dafür in Erwägung gezogen hat. Dass die Naturschützer diesen Neubau in Hechendorf nun verhindern wollen, nennt er "einen Wahnsinn": "Die spielen mit unserer gesamten Infrastruktur."

Seefeld sei zudem neben Andechs die am wenigsten versiegelte Gemeinde: "Meine Vorgänger, damals noch in Hechendorf und Seefeld, haben alles unter Landschaftsschutz gestellt, weil sie dem damaligen Landrat Rudolf Widmann geglaubt haben - dass man das alles ja auch wieder aus dem Schutz nehmen kann." Heute sei das viel schwieriger geworden, weil darüber nur der Kreistag entscheiden könne. Die Flächen seien aber alle gleichwertig in dieser Gegend: "Das wollen die alle nicht verstehen."

Bürgermeister Klaus Kögel

Die erste Sitzung des neuen Seefelder Gemeinderats

Klaus Kögel (CSU) wünscht sich mehr Sachlichkeit.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Weniger emotional geht die ganze Sache Gums Nachfolger an. In der ganzen Debatte mahnte Klaus Kögel (CSU) stets Sachlichkeit an - zuletzt auch in einer Videobotschaft unter www.seefeld.de. Zudem wies er immer wieder darauf hin, um was es eigentlich in dem Entscheid geht: um ein Votum, den Standort Hechendorf in einem Bauleitplanverfahren zu prüfen, in dem auch die Bürger beteiligt würden. Emotionaler wird er nur, wenn man ihn auf seine persönliche Sicht anspricht: "Mir ist eines wichtig: ein Krankenhaus im westlichen Landkreis, ob in Seefeld oder in Herrsching. Ich würde mir nie verzeihen, wenn meine Frau schnell medizinisch versorgt werden müsste und ihr dann was passiert, weil die Wege ins nächste Krankenhaus zu weit wären."

© SZ vom 26.06.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB