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Gilching:Diese Frauen sammeln Bücher für den guten Zweck

Bücherschwemme wegen Corona; Büchersammlung für karitative Zwecke

Ihre Lager quellen über: Tina Reuther (li.) und Isabelle Feix in ihrem Gilchinger Haus.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Tina Reuther und Isabelle Feix verwerten aussortierte Exemplare weiter. Der Erlös geht an soziale Projekte.

Von Patrizia Steipe, Gilching

Etwa 350 Bananenkisten voller Bücher stapeln sich in den Lagern von Tina Reuther und Isabelle Feix. Die beiden Frauen sind seit mehr als zehn Jahren die Anlaufstelle für Menschen, die ihre aussortierten Bücher abgeben wollen. "Schöne Bücher kann man nicht einfach wegwerfen", finden beide und versuchen die rund 30 000 Exemplare über Online-Plattformen im Internet oder auf von ihnen organisierten Büchermärkten zu verkaufen. Der Erlös wird an 13 Projekte - vom Tierschutz über das Mutter-Kind-Haus in Gilching bis zu Hilfsprojekten in Indien, Nepal, Bolivien und Bosnien gespendet.

Begonnen hatte alles mit einer Bücherkiste aus dem Eine-Welt-Laden, die entsorgt werden sollte. Reuther und Feix nahmen sie für den Verkauf mit nach Hause. Später übernahmen sie den Büchertisch, der im Rahmen des Adventsmarkts der Kirche organisiert worden war. Mittlerweile ist aus dem Büchertisch ein riesiger Verkaufssaal geworden und aus der einzelnen Bücherkiste eine ganze Bibliothek.

Während der Pandemie würden viele ausräumen, erzählt Reuther. An manchen Tagen kämen bis zu fünf Umzugskisten voller Bücher an. Manchmal handelt es sich auch um Wohnungsauflösungen von Verstorbenen. "Wenn wir die gesammelten Werke in die Hand bekommen, eröffnet sich uns das Leben dieses Menschen", sagt sie. Eine ehemalige Lehrerin habe ihre Bücher fein säuberlich in Pergamentpapier eingeschlagen und besondere Stellen mit Lesezeichen markiert. Aus einem anderen Buch seien getrocknete Blumen gefallen. Reiseführer, Lebenshilfebücher, Wörterbücher würden den Menschen lebendig machen. "Das ist spannend, aber auch berührend", findet Reuther. Einmal sei allerdings Hitlers "Mein Kampf" in einem Bücherschrank gestanden. "Das verkaufen wir natürlich nicht". Einmal haben die beiden eine PIN-Nummer in einem Buch gefunden, ein anderes Mal einen Autoschlüssel, manchmal sei ein Fotoalbum, das wie ein Buch aussah in die Spenderkiste gerutscht oder Steuerunterlagen wären zwischen den Büchern gelegen. Manchmal fehlt bei einem Lehrbuch die Arbeits-CD, "da die Spender ihre Kontaktdaten angeben sollen, können wir nachfragen, ob das Fehlende noch existiert", so Reuther.

Die Bücherverwertung ist in verschiedene Stationen aufgeteilt. Zuerst werden die Bücher von Tina Reuther vorsortiert. Dann schaut sie im Internet nach, ob Buchplattformen Interesse haben. Meistens heißt es "kein Ankauf", bedauert sie. Wenn sie komplette Serien hat, steigen die Chancen. 70 Bände zeitgenössischer Autoren sind beispielsweise für 50 Euro weggegangen. Beliebt sei auch "Die Päpstin" von Donna Woolfolk Cross und Hape Kerkelings Bestseller "Ich bin dann mal weg". Oft wird für ein Buch 15 Cent angeboten. "Das geben wir dann lieber auf unseren Büchermarkt", erklärt Feix.

Wertvolle Raritäten haben sie noch nie bekommen. Den höchsten Erlös hat vor ein paar Jahren eine Biografie über das Leben von Marc Aurel gebracht. "Das waren 39 Euro, und ein Kochbuch aus dem Jahre 1902 ging für zehn Euro weg", erinnert sich Reuther. Für den Großteil gibt es bis zu einem Euro. Isabelle Feix hat in ihrem Büro eine Verkaufsstation eingerichtet. Hier stehen Bücher mit Potenzial in Regalen. Sie werden fotografiert und auf Verkaufsportalen im Internet beworben. "Ich schaue, was gerade gefragt ist", erklärt sie ihre Verkaufsstrategie. Derzeit bietet sie beispielsweise Fantasy-Romane an. Gerne werden auch repräsentative Bücher mit Ledereinband und Goldschrift aus dekorativen Zwecken gekauft, damit sie einen Bücherschrank aufwerten. Am Schluss werden die Bücher verpackt und verschickt. Was nicht über das Internet verkauft werden kann, wird in Themenkisten eingelagert, bis der Ein-Euro-Bücherverkauf wieder erlaubt ist. Taschenweise würden dort die Leute ihre Funde wegschleppen, erinnert sich Reuther. Das fehlt jetzt natürlich. Aussortiert würden Bücher mit vergilbten Seiten, aber auch "Krimis, Romane und Taschenbuch-Lexika aus den Siebzigern Achtzigern will keiner", so Reuther.

Bücher, Puzzles, Gesellschaftsspiele, DVDs und CDs können in Gilching, Am Kesselboschen 16a kontaktlos abgegeben werden. Telefon: 08105/22650. Email: tina.reuther@t-online.de.

© SZ vom 23.01.2021
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