Die besten Undine-Texte:Die Geister der Ahnen

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Die besten Undine-Texte: Undine-Autorin Patricia Czezior.

Undine-Autorin Patricia Czezior.

(Foto: privat)

Patricia Czezior hat mit ihrer dramatischen Geschichte "Nordwärts" 2016 den dritten Preis beim Starnberger Undine-Wettbewerb gewonnen. Sie war damals schon Lektorin beim Heyne-Verlag.

Von Gerhard Summer, Starnberg

Die SZ stellt Autorinnen und Autoren vor, die den Undine-Literaturpreis gewonnen haben oder mit ihren Texten in dem Sammelband "Das Beste aus Starnberger Federn" vertreten sind. Der Herausgeber der "Starnberger Hefte", der frühere Deutschlehrer Ernst Quester", und der Geschäftsführer der Starnberger "Bücherjolle", Wolfgang Bartelmann, haben den Wettberb 2014 begründet. Inzwischen läuft die vierte Ausschreibung. Einsendeschluss ist der 30. September 2022. Weitere Infos unter https://buecherjolle-shop.buchkatalog.de/Veranstaltungen.

Es muss so gewesen sein: Als Patricia Czezior vor sechs Jahren über einen Text für den zweiten Starnberger Literaturwettbewerb Undine sinnierte, hatte sie "dieses Bild von der Nordseelandschaft und einem alten Hof" vor Augen. Eine Konstellation also wie in einem Roman von Theodor Storm. Nebenbei ließ sich die damals 38-Jährige von der Einrichtung eines Ferienhauses am Gardasee inspirieren, "wo Räume unbenutzt blieben". Und so entwickelte sie, weil sie zum Motto "Himmel und Hölle" auf keinen Fall etwas Religiöses schreiben wollte, die unheimliche, atmosphärisch dichte Geschichte eines Mannes, der in einem Anwesen gleichsam gefangen ist. Einem Haus, das Bosheit verströmt und seine "Jahrhunderte alte Existenz gegen ihn zu richten begonnen hatte".

In einer Nacht erlebt er sein eigenes Fegefeuer. Ein einziger Blitz fährt vom Himmel nieder und schlägt ins Dach der Scheune ein. Danach beruhigt sich der Himmel wieder. Doch sein Hof brennt. In den Flammen erscheinen ihm die Geister seiner Ahnen, seiner zu früh gestorbenen Schwester und der einzigen Frau, die er je geliebt hatte. Bald darauf verkauft er das Familienerbe für ein Butterbrot. Womöglich die beste Entscheidung, die er je getroffen hat. "Die neuen Bewohner würden den Hof nie verstehen, und das war ihr Glück", heißt es am Ende der Geschichte.

Czezior war 2016, als sie mit "Nordwärts" den dritten Undine-Preis gewann, schon Lektorin beim Heyne-Verlag. Sie ist in Starnberg aufgewachsen und ging dort auch aufs Gymnasium. Das Schreiben falle ihr leicht und "macht mir Freude, das war schon immer so", sagt sie. Ohnehin komme sie aus einem Elternhaus, in dem "viel gelesen wurde". Nach dem Abitur studierte die junge Frau, zu deren Lieblingsschriftstellern Wilhelm Raabe, Theodor Fontane und E.T.A. Hoffmann, aber auch Juli Zeh, Frank Goosen und Christa Wolf gehören, lange Germanistik und Italianistik. Zufällig kam sie zu dem Münchner Verlagshaus. Sie arbeitete dort erst als Werkstudentin, "was mir sehr viel Spaß gemacht hat". Und als 2008 eine Stelle frei wurde, griff sie zu.

Die heute 44-Jährige lebt inzwischen in München, aber Starnberg hat sie nie losgelassen. Was in diesem Fall ein Glück ist. Czezior gehört nämlich nach wie vor zu jenem Zirkel ehemaliger Schüler, der sich um den einstigen Starnberger Deutschlehrer Ernst Quester gebildet hat. Sie war von Anfang an Mitglied in dem von ihm gegründeten Literaturkreis am Gymnasium und ist inzwischen ehrenamtliche Lektorin der von Quester herausgegebenen "Starnberger Hefte". Neben Texten über wissenschaftliche Themen wie Romantik und Vormärz verfasst sie auch Gedichte oder schon mal eine Kurzgeschichte wie "Stadt, Land, Maus" für Questers Literaturzeitschrift. Patricia Czezior sagt es so: "Wir stehen in regem Austausch."

"Nordwärts" - ein Auszug aus Patricia Czeziors Geschichte:

"Und dann war da der Hof, der ihm in seiner Einsamkeit mehr und mehr zum Gefängnis geworden war. Der Hof, dessen uralte Mauern und verborgene Ecken eine schwer zu beschreibende Bosheit zu verströmen schienen - eine Bosheit, die er anfangs nur für die der Dingwelt innewohnende Willkür hielt. Doch mit jedem Nagel, der wieder aus der Wand bröckelte und dabei große Stücke des Verputzes mitriss, mit jeder Tasse, die aus dem Regal fiel, gerade, wenn er darunter stand, mit jedem glimmenden Span, der aus dem Kamin wehte, wenn er das Gitter öffnete, erhärtete sich in ihm ein Verdacht: nämlich, dass der Hof nicht einfach nur existierte, sondern dass er vielmehr seine Jahrhunderte alte Existenz gegen ihn zu richten begonnen hatte. Am schlimmsten waren die Nächte, in denen der Sturm das Meer über den Deich zu wehen drohte und er schlaflos in seiner Kammer neben der großen Wohnstube lag, die auch im Herbst und Winter durch den Ofen angenehm warm war. Wenn in jenen Nächten das ohrenbetäubende Tosen dann gerade einmal einen Augenblick innehielt, dann meinte er von oben ein schleichendes Geräusch zu vernehmen, ganz sacht und kaum lauter als sein eigener Atem. Niemals allerdings hätte er in solch einem Moment die halsbrecherisch enge und steile Stiege genommen, um nach dem Rechten zu sehen. Die oberen Räume hatten ihm bereits in seiner Kindheit eine nicht in Worte zu fassende Angst eingejagt, mit ihren schweren, verstaubten Vorhängen, die nie geöffnet wurden, den merkwürdig kleinen Betten, über denen seit Jahrzehnten völlig faltenfrei die immer gleichen Tagesdecken lagen, den alten Puppen, die ihn mit ihren kalten, seelenlosen Porzellanaugen anstarrten, und den achtlos verstreuten Spielsachen, die einen merkwürdigen Eindruck der Belebtheit hervorriefen, so, als habe hier bis gerade eben noch jemand gesessen und sich bewegt und gar gelacht.

Er hätte nicht sagen können, wie lange er geschlafen hatte, als er mit einem Mal hochschreckte, gerade rechtzeitig, um im Fenster den Widerschein eines kalten, blauen Lichts zu sehen. Ihm blieb kaum Zeit zu denken, dass Luft und Temperatur am Abend eigentlich gar kein Gewitter hätten vermuten lassen, da folgte dem Blitz bereits ein ohrenbetäubender Donnerschlag, der so mächtig war, dass er ihm in die Eingeweide zu fahren schien.

Fassungslos starrte er den Dachgiebel der Scheune an, an dem die Flammen nagten. Wie in Trance riss er den Gartenschlauch aus dem Eck, wohlwissend, dass die Feuerwehr ohnehin viel zu spät käme, drehte den Wasserhahn auf und rannte so schnell er konnte auf die Scheune zu."

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