Literatur:"Ich war ein unfolgsames junges Mädchen"

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Literatur: Die frühere Lehrerin und Lyrikerin Karin Schreiber lebte lange in Herrsching am Ammersee. Vor kurzem ist sie nach Freising gezogen.

Die frühere Lehrerin und Lyrikerin Karin Schreiber lebte lange in Herrsching am Ammersee. Vor kurzem ist sie nach Freising gezogen.

(Foto: Maren Martell/oh)

Die frühere Lehrerin Karin Schreiber aus Herrsching hat lange gezögert, ob sie ihre Kurzerzählung "Der Hund" für den Undine-Preis einreichen sollte. Dann landete sie 2016 den Haupttreffer.

Von Gerhardt Summer, Herrsching

Die SZ stellt Autorinnen und Autoren vor, die den Undine-Literaturpreis gewonnen haben oder mit ihren Texten in dem Sammelband "Das Beste aus Starnberger Federn" vertreten sind. Der Herausgeber der "Starnberger Hefte", der frühere Deutschlehrer Ernst Quester", und der Geschäftsführer der Starnberger "Bücherjolle", Wolfgang Bartelmann, haben den Wettbewerb 2014 begründet. Inzwischen läuft die vierte Ausschreibung. Einsendeschluss ist der 30. September 2022. Weitere Infos unter https://buecherjolle-shop.buchkatalog.de/Veranstaltungen.

Unter Autoren mag es ein paar Selbstvermarktungs-Genies geben, oft aber ist das genaue Gegenteil der Fall: Zweifel, Scheu und Angst vor einer Abfuhr hindern Dichter daran, einen Verlag auch nur anzuschreiben. "Ich kann es nicht, ich kann mich selber nicht vertreten", sagt zum Beispiel die Lyrikerin Karin Schreiber, 80. Vor sechs Jahren hatte sie sich trotzdem einen Ruck gegeben und ihren Text "Der Hund" für den Starnberger Undine-Literaturwettbewerb eingereicht: die Geschichte einer höchst erfolgreichen Geschäftsfrau, die ihr für alle Mitmenschen unerreichbares Herz an einen Hund hängt, ausgerechnet an einen Kampfhund. Ernst Quester, der Herausgeber der "Starnberger Hefte", in denen sie seit Jahren mit Gedichten vertreten ist, hatte ihr gut zugeredet: "Versuchen Sie's einfach". Es kam wohl, wie es kommen musste: Die Herrschingerin gewann mit ihrem Prosatext den ersten Preis.

Karin Schreiber ist gebürtige Österreicherin und in Aschau am Chiemgau und in Bregenz aufgewachsen, einer damals "furchtbar engstirnigen Stadt". Nach der Matura, dem Abitur, sei sie getürmt und nach München gekommen. "Ich war ein unfolgsames junges Mädchen, ich hab' was erlebt", sagt sie dazu. Über den zweiten Bildungsweg wurde sie Lehrerin und unterrichtete 20 Jahre lang unter anderem bei den Dominikanerinnen im Kloster Dießen. Ihre Fächer waren Deutsch, Französisch - und evangelische Religion. Das Kultusministerium habe damals nämlich entschieden, dass die Klosterschwestern auch evangelische Schülerinnen aufnehmen müssten, weil es im weiteren Umkreis keine staatliche Mädchenrealschule gab. Noch nach ihrer Pensionierung gab Schreiber an der Volkshochschule Herrsching Sprachkurse für Migranten. In "Wegmarken einer Flucht" hat sie die Geschichte zweier junger Eritreerinnen im Stil von Homer beschrieben, Begründer des Heldenepos und Verfasser der beiden wichtigsten altgriechischen Epen, der "Ilias" und der "Odyssee".

Schreiben bedeute für Schreiber mühsame Arbeit. "Ich halte etwas fest, schaue nach einiger Zeit, ob es was taugt, mir fließt wenig zu", meint sie. In "Der Hund" gehe es um ein Problem ihrer "verletzten Generation". Sie selbst sei kurz vor Kriegsende geboren und kenne das aus eigener Erfahrung: keine Gefühle mehr empfinden zu können für die Mitmenschen. Die Erfolgsfrau in ihrer Geschichte projiziere alles, was sie bewegt, auf ihren Hund. "Tiere können ja ein Lied davon bellen oder jaulen, was Menschen mit ihren anstellen".

In ihrem Roman "Davon geht die Welt nicht unter" - benannt nach einem Zarah-Leander-Schlager - rollt sie das Schicksal ihrer Familie auf, allerdings nicht eins zu eins. Die Hauptfigur ist ihre Tante, die völlig aus der Reihe getanzt, glühende Nazi-Anhängerin gewesen und kurz vor Kriegsende erschossen worden sei. Noch ist das Buch nicht erschienen. Das Manuskript liegt beim Lektor Ernst Quester.

"Der Hund" - Textauszug aus Karin Schreibers Kurzgeschichte

"Als sie ungefähr zehn Jahre alt war, erzählte ihr ihre Mutter, eine bigotte, asketische Frau mit streng protestantischen Ansichten, dass sie bei dem großen Flüchtlingstreck aus den deutschen Ostgebieten, kurz vor Kriegsende, knapp dem Tod entkommen war. Sie war durch Zufall aus dem Berg, aufgetürmt mit den Leibern der an Ruhr und Typhus auf dem langen Marsch Zugrundegegangen, herausgezogen worden. Sie blieb mit der Mutter allein, wuchs ohne Vater auf, der im Krieg gefallen war. Sie selbst hatte keine Erinnerung an ihn, auch nicht an das Geschehen ihres rein zufälligen Überlebens; sie zeigte daran keinerlei Interesse.

Inzwischen hatte sie geheiratet, einen kompakten massigen Mann, ein Flüchtling wie sie, und schnell hintereinander zwei Söhne zur Welt gebracht. Schnell erfasste sie den Trend zur Geschäftsgründung in den sogenannten Wirtschaftswunderjahren. Sie pachtete eine Tankstelle, auf den Namen ihres Mannes, und bot als Besonderheit die Möglichkeit an, in einer daran angeschlossenen kleinen Kantine einzukehren. Eines Tages brachte einer der Söhne, der in ihren Augen an unheilbarer Gefühlslabilität litt, einen Hund aus dem Tierheim nach Hause. Ein Rottweilerverschnitt ,den keiner hatte haben wollen. `Zu alt, zu häßlich und frißt zuviel`, so sagten die kurz an ihm Interessierten. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie das Gefühl, dass sie nicht mehr allein war, sondern ein Wesen neben sich hatte, das ausschließlich ihr zugetan war.

Der Hund mochte, wie sich deutlich zeigte, keine Männer, was auch innerhalb der Familie dazu führte, dass er gegenüber den Söhnen eine drohende Haltung einnahm, ihr auf Schritt und Tritt folgte und keinen mehr an sie heranließ. Sie ging dazu über, spät am Abend noch einmal nach ihm zu schauen, im ausgebauten Keller, wo er sein Reich hatte. Sie sprach leise mit ihm, er legte seine prankenartige Pfote auf ihren Arm und blickte sie aufmerksam an. Dann geschah die Sache mit dem Kind; ohne Vorwarnung biss er sich in dem kleinen Gesicht fest; der Vorfall trug sich in einem ihrer Geschäfte zu. Einige Wochen darauf erhielt sie einen Einschreiber vom Ordnungsamt, der Hund müsse wegen Gemeingefährlichkeit, die anderen Geschädigten hatten sich inzwischen auch zu Wort gemeldet, eingeschläfert werden. In der Nacht, vor dem Morgen, an dem er abgeholt werden sollte, stieg sie nach langem Zögern zu ihm in den Keller, hielt ihn stundenlang im Arm. Später stellte sich heraus, dass sie in den frühen Morgenstunden in Begleitung des Hundes das Haus verlassen hatte. Erst jetzt verstand ihr Mann die Tragweite der Worte, die sie ihm auf dem Zettel in ihrer ordentlichen Schrift hinterlassen hatte. 'Heute gehe ich - ins Leben'."

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