Süddeutsche Zeitung

Literatur:Pille, Twist und Abenteuer

Stephanie Schuster lässt ihre Romanfiguren in Teil zwei der Wunderfrauen-Trilogie in den Sechzigerjahren ankommen

Von Blanche Mamer, Starnberg

Die Starnberger "Wunderfrauen" sind in den 1960er-Jahren angekommen. Im zweiten Roman der Trilogie mit dem Titel "Von allem nur das Beste" verwebt die Pöckinger Autorin Stephanie Schuster die Schicksale ihrer vier Protagonistinnen mit dem Geschehen in Deutschland in den 1960er-Jahren und entwickelt ein pralles Zeitpanorama, das sich sehr spannend liest - ein echter Pageturner.

Es ist viel passiert seit dem 4. Juli 1954, als der erste Band mit dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft sein hochspannenden Finale findet. Hauptfigur ist immer noch Luise Dahlmann, die weiterhin ihren Gemischtwarenladen in der Ludwigstraße in Starnberg betreibt und alles tut, um ihren Kundinnen die beste Auswahl zu bieten. Wichtige Rollen spielen Marie Wagner, die mittlerweile mit Luises Bruder, dem Leutstettener Landwirt Martin Brandstetter, verheiratet ist und drei Kinder hat, und Annabel von Thaler, die Gattin des Klinikdirektor. Sie hat ein zweites Kind, ein kleines behindertes Mädchen, das ohne Arme geboren wurde. Sie macht sich auf die Suche nach der Ursache - deckt auf, dass viele Frauen betroffen sind und sehr schwer behinderte Babys zur Welt gebracht haben. Der Contergan-Skandal kommt langsam ins Bewusstsein. Dann ist da noch Helga Knaup, die junge fesche Krankenschwester aus Band eins. Sie hat in München Medizin studiert und arbeitet nun als einzige weibliche Frauenärztin in der Frauenklinik am See. Annabels Ehemann hat sie engagiert, um eine weibliche Sicht ins Männerteam zu bringen. Helgas unehelicher Sohn David geht zusammen mit Luises Tochter Josie in die Klasse.

Der Roman beginnt mit einer Episode im September 1963, um dann zwei Jahre zurückzublenden. Helga wurde festgenommen und sitzt in einer Zelle der Starnberger Polizeistation. Sie wird beschuldigt, eine Abtreibung vorgenommen zu haben. Und schon erinnern sich die älteren Leserinnen an den Paragrafen 218 im Strafgesetzbuch, der Abtreibung unter Strafe stellte und erst 1976 reformiert wurde. An den schwierigen Weg der Empfängnisverhütung und an die Antibabypille, die nur verordnet werden durfte, wenn es der Ehemann erlaubte. Die Autorin, Jahrgang 1967, schafft es, die langsame Aufarbeitung der NS-Verbrechen ebenso wie die Schwabinger Krawalle von 1962 in die persönlichen Geschichten einzuarbeiten. Ein wichtiger Baustein ist auch das Feeling der "Swinging Sixties" mit Songs der Beatles und der Stones. Nicht nur bei "Ku'damm 63" wird Rock 'n' Roll, Twist und Rumba getanzt, auch im Turnsaal des Starnberger Sportvereins werden neue Schritte geübt und Beziehungen geknüpft. Dabei wird die eher biedere Luise in ein Abenteuer katapultiert, das ihr ungeahntes Glück beschert. Aber nicht nur.

Die Autorin hat viel recherchiert, um den Zeitgeist zu treffen, hat alte Zeitungen gewälzt, Polizeimeldungen gesammelt und Zeitschriftenbände durchgeschaut, um den Modegeschmack zu erfassen, Radioprogramme studiert und im Starnberger Stadtarchiv Dokumente eingesehen. Wenn sich jede Leserin mit einem der Charaktere identifizieren könne, dann sei der Roman gelungen, das habe ihr eine ihrer Töchter gesagt, erzählt Stephanie Schuster, die mit ihrem Mann und Ziegen und Schafen auf einem Bauernhof am Pöckinger Ortsrand lebt.

Die Neugier der Leserinnen auf den Fortgang der Story hatte ihr so viele Vorbestellungen eingebracht, dass Band 2 gleich von Null auf Platz eins die Bestsellerliste Paperback kam. Wodurch auch das Interesse im Ausland geweckt wurde. Eine italienische Übersetzung sei vertraglich gesichert, so Schuster. Und wieder steigert ein Cliffhanger die Erwartung auf den dritten Band, der in den 1970er Jahren spielt und am 25. August erscheinen soll. Ein weiteres Projekt, wieder mit drei Bänden, ist in Vorbereitung.

Stephanie Schuster: Die Wunderfrauen, Von Allem nur das Beste, Fischer-Verlag, 480 Seiten, 15 Euro.

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SZ vom 15.05.2021
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