Literatur Niederbayerisches Elend

Ein Mann, vier verschrobene Typen: Sigi Zimmerschied zieht bei seiner Romanlesung im Saal des Oberen Wirts in Gilching schauspielerisch alle Register.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Der Kabarettist Sigi Zimmerschied liest auf Monis Brettl in Gilching aus einem Roman "Der Komparse" und macht mit viel Schauspielkunst ein irrwitziges Ein-Mann-Drama daraus

Von Gerhard Summer, Gilching

Dieser Betriebsausflug ist eine einzige Katastrophe, aber Sigi Zimmerschied feiert das Fiasko. Die Mitarbeiter des städtischen Katasteramts fahren also in einem Reisebus in die Wachau, mit dabei ist der Würstl-Harry, der sich auch mit Wein auszukennen glaubt. Der Mann hat blöderweise einen Zwölferkarton Euro-Cuvée erstanden. Auf der langen, langen Heimfahrt entfaltet der Fusel übelste Wirkung: Der ganze Bus übergibt sich auf wechselnden Parkplätzen. Und Stephan Fadinger, der Antiheld dieser Geschichte, hat sich für den Fall, "dass der Entleerungsreiz seine Richtung ändert", bereits eine Rolle Klopapier beschafft. Jedenfalls: Zwei Wochen später sind sich alle einig, dass dieser Ausflug einer der schönsten überhaupt war.

Geht es so zu in Niederbayern? Gibt es dort Leute wie den "hantigen Gust", der erstaunliche Sätze von sich gibt ("Braucht ma koana kemma, der wo glaubt, dass er wer is") und im Endeffekt alle für Ausländer hält? Der seine Frau schon mal "wassert" (die Fortsetzung der Watschn) und geübt ist im "Zamfallenlassen" (das erweiterte Wassern)? Kann es sein, dass einer erst eine Ich-AG gründet, sich dann selbst entlässt und letztendlich dagegen protestiert? Oder ein Familienvater namens Wimmer auf die schöne Idee kommt, seine drei kleinen Kinder in die Schubladen einer Kommode vom Sperrmüll zu legen, in deren Seitenwände er Luftlöcher gebohrt hat? Womöglich schon.

Zimmerschied jedenfalls malt das düstere Elend und den unaufhaltsamen Niedergang seiner Hauptfigur in dem Roman "Der Komparse" immer wieder wahnsinnig witzig, sprachgewaltig und mit Hang zu Aphorismus aus: Stark sezierend und so plastisch, dass man sich gelegentlich fragt, wie viel Autobiografie in diesem Buch stecken mag. Er macht gleichsam aus Scheiße Gold und hebt das Grauen nebenbei auf eine andere Ebene, die durchaus etwas Manisches, etwas Besessenes hat. Nein, das ist nicht mehr Kabarett, sondern Literatur und erinnert in seinem Wahnwitz an die Anselm-Kristlein-Trilogie des jungen Martin Walser.

Die eigentliche Überraschung ist natürlich, was der Passauer Kabarettist und Schauspieler aus diesem niederbayerischen Psychogramm auf Monis Brettl in Gilching macht. Denn Zimmerschied rezitiert nicht brav vor sich hin, sondern hat es auf eine Mischung aus Schauspiel und Lesung abgesehen, mit einem Prolog, den er mitten im Publikum hält. Der Katarrh der kränkelnden Mutter Fadinger, die erst sachte den Arm hebt und dann den Zeigefinger auf den Mund legt - ein Minidrama mit infernalischem Husten. Zimmerschied grunzt mit bebenden Nasenflügeln, zieht fiese Grimassen, lässt die Stimme hochschrillen, übersetzt brutale Gust-Sätze in feinstes Hochdeutsch, fuchtelt, japst, brüllt und flüstert. Leider hat er auch die Eigenart, stark zu nuscheln und Silben zu verschlucken, was den heftig beklatschten Abend im voll besetzten Wirtshaussaal ein wenig anstrengend macht.

Die schönsten Szenen finden sich in der ersten Hälfte. Teil zwei beginnt zwar stark mit Stephan Fadingers Komparsen-Karriere in der Kioskgruppe, verabschiedet sich dann aber mit einer Comedy-Kandidatenshow bald in den puren Klamauk. Dafür gibt es wieder einen herrlichen Showdown in Fadingers Elternhaus samt grindigem Fredl und hantigem Gust, der zwei Lieblingsbilder der längst gestorbenen Mutter im Fallen zu Boden reißt und sich an den Glasscherben schneidet. Was macht er? Er desinfiziert die Wunde mit Schnaps und säuft weiter. Ja, so ist er wohl, der Niederbayer.