Süddeutsche Zeitung

Leutstettener Moos:Wie der Leibhaftige

Der Pudel auf der Würmbrücke: Bei einer geführten Wanderung durch das Leutstettener Moos hört man unglaubliche Geschichten - nicht nur von Hunden.

Lärm und Stau an der Starnberger Autobahn haben wohl das Gespenst vertrieben. Denn seit Jahrzehnten ist der kohlschwarze Pudel nicht mehr gesehen worden, der früher die alte Würmbrücke bei Percha bewacht hat. Mitten auf der Brücke soll er gestanden haben mit feurig-glühenden Augen, so wird es erzählt.

Wehe dem, der in Starnberg zu lange gezecht hatte und nach Mitternacht noch nach Hause auf die andere Würmseite wollte. Dem hat sich dieser fürchterliche Gespensterhund in den Weg gestellt. Mit einem unheimlichen Knurren und einem Rasseln der langen Kette, die er hinter sich hergeschleift hat, soll er sogar die mutigsten unter den Zechern dazu gebracht haben, den Rückzug anzutreten. Sie alle mussten entweder in der Herberge übernachten oder einen langen Umweg in Kauf nehmen.

Dies ist nur eine von vielen "sagenhaften" Geschichten aus der Region, mit denen der Naturschutzwächter und Biber-Berater Franz Wimmer von der Gebietsbetreuung Starnberger See die Wanderung durch das Leutstettener Moos würzt.

Und sie passen in der Tat zur schaurig-schönen Stimmung, die das Moor verbreitet. Bei schlechtem Wetter begegnet man nur sehr wenigen Menschen. Der Dunst liegt tief über der Streuwiese am Eingang zum Leutstettener Moos. Weil es früher in der Region nur wenig Getreideanbau gab, haben die Bauern damals das Schilf und Gras dieser Orchideenwiese gemäht und es als Alternative für das fehlende Stroh in die Viehställe gestreut, klärt Wimmer auf.

Im Herbst wurde gemäht und im Winter, wenn der Boden gefroren war, konnte das Moor mit dem Ochsenwagen befahren und die Streu abgeholt werden. Über Holzstege geht die Gruppe hinein in den Schwarzerlenwald. Dunkel und undurchsichtig steht das Wasser zwischen den Bäumen. Wie in einem Horrorfilm ziehen sich weiße Spinnweben über Baumkronen. Diese unheimliche Kulisse ist der Traubenkirschen-Gespinnstmotte zu verdanken. Sie spinnt oft ganze Bäume ein. "Es sieht brutal aus, ist aber für den Baum nicht besonders schädlich", sagt Wimmer. Zumindest nicht in diesem Jahr, denn dieses Wetter mögen die Motten gar nicht. Es sind jahrhundertealte Huteeichen zu sehen oder ein stinkender Faulbaum, aus dem früher Schießpulver hergestellt wurde. Auch Heilkräuter gibt es hier wie die Mädesüß-Pflanze, die natürliches Aspirin enthält.

Etwas abseits des offiziellen Weges führt der Naturschutzwächter die Teilnehmer tiefer in den Wald hinein, mitten in die feuchte Düsternis. Dazu gibt es die Geschichte von der "Mooskuh", die nächtliche Wanderer in die Irre geführt hat. Zwar war sie vorwiegend am Ammersee beheimatet, aber auch hier kann sich der Wanderer gut vorstellen, wie sich das verzweifelte Muhen einer verirrten Kuh anhört, die langsam im Moor versinkt. Wenn Bauern die Kuh retten wollten und sie nirgends finden konnten, versanken sie am Ende selbst im Moorloch, "Vor diesem Gespenst hatten die Leute großen Respekt", erzählt Wimmer. Heute weiß man, dass es sich bei der "Mooskuh" in Wirklichkeit um den Balzruf einer Rohrdommel gehandelt hat.

Auf dem rund 2,5-stündigen Rundweg von Percha über die Villa Rustica erfahren die Teilnehmer viel über die Entstehung des Niedermoores und seine Nutzung im Lauf der Jahrhunderte und über den hier praktizierten Naturschutz und die oft im Verborgenen blühenden Pflanzen. "Es sind nicht immer die spektakulären Blütenpflanzen, die selten sind. Oft sind gerade die unscheinbaren Gräser vom Aussterben bedroht", sagt Wimmer. Informationen zu den Wanderungen im Internet unter www.alpenvorland-natouristik.de oder www.lbv-starnberg.de.

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SZ vom 12.08.2010/bica
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