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Leutstetten:Mystisch - und voller Keime

Die Bethen-Quelle im Mühltal ist für Esoteriker ein besonderer Ort. Sie zapfen Wasser und glauben an dessen Kraft. Das Gesundheitsamt stellt indes Koli-Bakterien fest und rät vom Trinken ab. Doch die Warnung bleibt wirkungslos

Von Michael Berzl, Leutstetten

Bunte Bänder hängen ringsum in den Zweigen, auf einer Säule steht eine kleine Marienstatue, zu ihren Füßen eine Zigarette und eine Sonnenbrille, zwischen den Wurzeln der mächtigen Buchen liegen bunt bemalte Steine. "Liebe ist Leben", steht auf einem Kiesel. Es ist nicht zu übersehen: Hier vermischen sich zwanglos Marienverehrung, verschiedene Spielarten der Esoterik und Raucherentwöhnung. Ein mystischer Ort soll die kleine Quelle im Mühltal sein, von dem Wasser versprechen sich viele eine heilende Wirkung. Die Brille deutet darauf hin, dass sich hier jemand Linderung eines Augenleidens erhofft. Täglich pilgern Freunde des frischen Trunks aus dem Hang oberhalb der Würm mit Kanistern und leeren Flaschen dorthin, um ihre Vorräte aufzufüllen. Wenn es allerdings noch den Behörden geht, sollten sie das lieber bleiben lassen. Die Stadt Starnberg warnt auf Schildern, dass das Wasser nicht zum Trinken geeignet ist, nachdem das Gesundheitsamt in Proben Verunreinigungen festgestellt hat. Doch die Warnhinweise bleiben ziemlich wirkungslos.

Josef Güntner kommt jeden Tag zur Quelle und gönnt sich einen Schluck

"Das interessiert mich gar nicht", sagt zum Beispiel Simone Emmerich aus Olching, als sie am Mittwoch zwei große Plastikflaschen auffüllt. "Mir geht es wunderbar, und das Wasser schmeckt mir einfach viel besser als das aus dem Wasserhahn". Seit fünf Jahren kommt sie zu der Quelle; das Warnschild, das dort seit ein paar Wochen steht, beachtet sie nicht weiter. Und so reagieren alle, die an dem Vormittag zum Nachfüllen kommen. Daniela Tilka aus Hadorf kennt sogar noch zwei weitere Quellen ganz in der Nähe, die sie je nach Verwendungszweck fürs Trinken, Kochen oder Waschen anzapft. Die positive Kraft aus dem kostbaren Nass vermeint sie sogar in ihren Adern zu verspüren. Auch sie kommt schon seit Jahren regelmäßig und behauptet, das Wasser sei gut gegen Nierenleiden. Aber, räumt sie ein: "Man muss schon dran glauben". Bei Männern im Bekanntenkreis habe das Wasser dazu beigetragen, Prostatakrebs zu heilen, erzählt Josef Güntner aus Feldafing. Er kommt jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad an der Quelle vorbei, gönnt zuerst einen Schluck und nimmt dann noch zwei Flaschen mit. Es habe einen "hohen Energiewert".

Drei-Bethen-Quelle

Wohl bekomm's! Robert Ludwig kommt aus Eurasburg, um im Mühltal seine Flaschen mit frischem Quellwasser zu füllen.

(Foto: Michael Berzl)

Um den Transport zum Auto zu erleichtern, stehen zwei Handkarren bereit, wo der Weg von der Straße abzweigt. Sie sind zwar mit Zahlenschlössern abgesperrt, aber Insider kennen die Nummernkombination. Zu ihnen zählt Robert Ludwig aus Eurasburg, der gleich zweimal fährt, um den Kofferraum seines Autos vollzuladen, zuerst mit elf Getränkekisten, dann noch mal mit sechs großen Weinflaschen. Ohne Gefährt wäre die Strecke an dem alten Haus zum Kapeller vorbei eine arge Schlepperei. 75 Jahre ist Ludwig alt, aber das sieht man ihm kaum an. Schließlich ernähre er sich ja gesund, beteuert er.

Im Starnberger Gesundheitsamt dürfte das Treiben im Mühltal dagegen leichtes Magengrimmen auslösen, denn aus Sicht der Behörde müsste ein Schluck von der Quelle eher die Gesundheit gefährden als stärken. Schließlich tummeln sich darin diverse Bakterien. Unter anderem wurden coliforme Keime, Escherichia coli und Enterokokken festgestellt. Diese Bakterien kommen im Darm von Mensch und Tier vor und gelten daher als Indikator für Fäkalien. Jeder Zweckverband müsste solche Mikroorganismen sofort mit Chlor bekämpfen.

Quelle im Mühltal

Simone Emmerich transportiert ihre Kanister auf einem Handkarren.

(Foto: Fuchs, Berzl)

Getestet wurde das Wasser im Mai, nachdem sich mehrere Anrufer beim Landratsamt über dessen Qualität erkundigt hatten, berichtet Behördensprecher Stefan Diebl der SZ. Als das Gesundheitsamt die Ergebnisse auf dem Tisch hatte, musste es zwangsläufig die Stadt informieren, auf deren Grund sich die Quelle befindet. Deshalb wurden zwei Schilder mit der ausdrücklichen Warnung aufgestellt, dass das Wasser nicht zum Verzehr geeignet sei. Wegen der Bakterien solle es auch nicht zur Behandlung von Wunden oder zum Spülen der Augen verwendet werden, heißt es auf der Tafel.

Bakterien hin oder her, für viele Mystiker und Esoteriker ist die Drei-Bethen-Quelle im Moränenhang gegenüber des Karlsbergs ein "Wohlfühlort", ein "energetischer Platz", ein "magischer Ort". In Internetforen wird geschwärmt von dieser Stelle am Radweg, auch der einschlägig bekannte Fritz Fenzl zählt sie zu seinen "Kraftorten". Auf Youtube gibt es ein Video von "Mystica TV", in dem der Astrologie-Gläubige Christopher Weidner, die "heilige Quelle" vorstellt. In manchen Vollmondnächten soll es dort rundgehen.

Drei-Bethen-Quelle im Mühltal

Die Warnung der Stadt interessieren Robert Ludwig und Simone Emmerich wenig.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Und so lange der kräftige, kühle Schwall aus dem Eisenrohr strömt, das unter dem Fahrradweg hindurch führt, werden dort wohl auch weiterhin Flaschen und Kanister aufgefüllt. Die größte Sorge der Frischwasser-Liebhaber ist, dass ihnen diese Quelle eines Tages ganz versperrt werden könnte.

© SZ vom 06.11.2014
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