Was Josef Wasensteiner in einer Schachthöhle des Mangfallgebirges zwischen Lenggries und Kreuth Anfang der 1980er-Jahre entdeckt hat, rückt vier Jahrzehnte später in einen größeren öffentlichen Fokus. Das verdeutlicht die etwas komplexe Berge- und Erforschungsgeschichte eines Fundes, dessen Bedeutung anfangs kaum klar war. Die Knochen des männlichen Elchs sind 2200 bis 2300 Jahre alt, stammen also aus der jüngeren Eisenzeit. Bemerkenswert wird der Fund, weil es sich nach Annahmen von Wissenschaftlern um das bisher vollständigste Skelett eines Elchs handelt, das in Bayern entdeckt worden ist.
Zudem stellten die Forscher um die Archäozoologin Kerstin Pasda von der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) in Erlangen-Nürnberg ein Projektilloch im linken Schulterblatt und Schnittspuren an den Knochen fest. Menschen mussten das Tier also gejagt haben, so die Wissenschaftler. Gleichzeitig wiesen sie erstmals für die vorrömische Zeit nach, dass innerhalb der Grenzen des heutigen Bayern auf Elche gejagt wurde.
Von einem „Sensationsfund“ hat der frühere Gemeinderat Hans Proisl senior also zurecht gesprochen, als er in der Lenggrieser Bürgerversammlung im April beantragte, die Knochen im Heimatmuseum auszustellen. Bürgermeister Stefan Klaffenbacher (FWG) kündigte an, dass sich der Gemeinderat in einer der kommenden Sitzungen damit befassen werde.
Auf Nachfrage gibt die Kommunalverwaltung an, dass nun geklärt werde, wie hoch die Kosten für weitere Untersuchungen von Knochen und Höhle seien. Im Jahr 2015 sei eine Summe von 35 000 Euro im Gespräch gewesen, sagte Birgit Kirstein, die in der Gemeinde für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.
Damals sei vorstellbar gewesen, dass sich Lenggries, Kreuth und die Bayerischen Staatsforste die Kosten teilten. Zudem sei auf Zuschüsse von Sparkassen- und Landesstiftung gehofft worden. Doch die Staatsforste und die Kommune Kreuth, auf deren Flur die Schachthöhle liegt, hätten jegliche Finanzierung abgelehnt. Darüber habe der damalige Bürgermeister Werner Weindl den Gemeinderat am 15. Juni 2015 informiert.

Die Elchschaufel – also das Geweih – hatte Josef Wasensteiner 35 Jahre bei sich zu Hause aufbewahrt. Inzwischen liegen sämtliche geborgenen Knochen im Depot des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Nach so langer Zeit würde er sich wünschen, dass die Skelettreste im Lenggrieser Heimatmuseum zu sehen seien. „Wenn nicht irgendwann etwas weitergeht, schläft das ein“, sagt er auf Nachfrage am Telefon. Neugierig sei er schon immer gewesen und daher auf Entdeckunsgtouren in Höhlen wie diese zwischen Lenggries und Kreuth gegangen. Im Schotterboden sei ihm damals ein Teil der Elchschaufel aufgefallen.
Wie alt die Knochen genau sind, war zunächst unbekannt. Laut Angaben der Gemeinde Lenggries datierten Paläontologen der Münchner Ludwigs-Maximilians-Universität (LMU) die Knochen Anfang der 2010er-Jahre. Damals sei das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege eingeschaltet worden. Die Einrichtung plante, mit der Universität Erlangen-Nürnberg zusammenzuarbeiten.
Weitere Elchknochen fanden sich bei Bad Heilbrunn und im Walchensee
2012 und 2013 stiegen Forscher in die senkrecht nach unten führende Höhle hinab und bargen Knochen zahlreicher Tiere: von Hasen, Rehen, Rothirschen, Schafen, Gemsen und Rindern bis zu denen des Elchbullen sowie Unterkiefer dreier weiterer junger Elchexemplare. Davon hat Christoph Mayr vom Institut für Geografie und Geowissenschaften an der Universität Erlangen-Nürnberg 2024 in einem Vortrag für den Historischen Verein in Bad Tölz berichtet. Der Wissenschaftler zählte zum Team um Kerstin Pasda, das die Funde aus der Schachthöhle zwischen 2018 und 2020 genauer ausgewertet hatte.
Für Mayr ist der Fund aus der Schachthöhle im Mangfallgebirge durchaus bemerkenswert, besonders im Zusammenhang mit weiteren Entdeckungen aus der Region. Bereits um 2002 hat ein Taucher das Schädelfragment mit Gehweihansatz aus der Zeit von 9290 bis 9240 vor Christus in 20 bis 25 Metern Tiefe aus dem Walchensee geborgen. Damit stammen sowohl das älteste Fragment eines Elchs sowie das vollständigste Skelett eines Exemplars, das in Bayern bisher gefunden wurde, aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Weiterhin entdeckten Kinder beim Spielen in einem Bachbett bei Bad Heilbrunn den Schaufelrest eines Elchs aus der späten Bronzezeit von 1110 bis 910 vor Christus.
Im süddeutschen Alpenraum gilt der Elch seit dem Mittelalter als ausgestorben. Alle drei Knochenfunde liegen in einem Dreieck im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen nahe beinander. Zum Elchfund bei Lenggries bleiben laut Mayr„einige Fragen offen“. Dass Jäger die Höhle als Fallgrube nutzten, sei eher unwahrscheinlich, da diese zu tief und der Eingang zu schmal sei, sagt der Wissenschaftler. Womöglich könnte der Kadaver des Elchs entsorgt worden sein.
Laut Mayr sei auffällig, dass fast alle Langknochen fehlten, etwa die der Füße, der Schnauze und die Lendenwirbel. Darum herum befänden sich die besonders wohlschmeckenden Fleischteile eines Elchs. Es könnte durchaus sein, dass die Jäger das Tier zerteilt und nur diese Stücke mitgenommen hätten, so Mayr. Denn einen ausgewachsenen Elch von bis zu 550 Kilogramm Gewicht im Ganzen wegzuschaffen, sei viel zu beschwerlich.

