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Lebensgeschichten:Was wichtig ist

Die Herrschingerin Astrid Thalmaier hat alte Menschen aus dem Landkreis gefragt, was sie an die nächste Generation weitergeben wollen. Fotograf Jörg Reuther steuerte Porträts bei. Herausgekommen ist ein Buch, das für mehr Gelassenheit plädiert

Von Patrizia Steipe, Herrsching

Manchmal ist es ein Vorteil, wenn man unbedarft an eine Sache herangeht, so wie Astrid Thalmaier an ihr Buchprojekt. "Wenn ich geahnt hätte, wie viel Arbeit dahinter steckt, hätte ich es sonst nie angefangen", erklärt die Herrschinger Heilpraktikerin und Traumatherapeutin. Vier Jahre voller Begeisterung, aber auch Frustration und vielen Fragezeichen liegen zwischen der Idee und dem Ergebnis.

Nun ist das Fotobuch "Lived - Leben ist Kunst" herausgekommen. Auf 176 Seiten erzählen acht alte Menschen, fünf davon aus dem Landkreis Starnberg, aus ihrem Leben. Der Herrschinger Fotograf Jörg Reuther hat die ausdrucksstarken Porträtbilder beigesteuert. Das kunstvolle Layout stammt vom Herrschinger Roland Althammer (Institut für Form und Farbe).

Nachdem Thalmaier das Buch "die Weisheit Afrikas" von Malidoma Somé gelesen hatte, in dem die Schriftstellerin aus Burkina Faso von der gelebten Symbiose aus der Weisheit der alten Menschen und der Kraft der Jungen erzählt, kam ihr die Idee, die Bedeutung von Alt und Jung auch in unserer Gesellschaft herauszustellen. Mit der Frage "Was wollen Sie gerne an die nächste Generation weitergeben?" ist Thalmeier auf die Suche nach Interviewpartnern gegangen. Schnell hatte sie unterschiedliche Typen gefunden, deren Geschichten sie mit ihrem Handy aufzeichnete.

Peter Nössing, geboren 1929 und ehemalige Betriebswirt, hat ein besonders interessantes, zerfurchtes, vom Leben gezeichnetes Gesicht.

(Foto: Jörg Reuther)

Die meiste Arbeit machte es anschließend, die Texte mit Hilfe einer Lektorin so in Form zu bringen, dass die Persönlichkeit der Interviewten nicht verloren geht, Fotos passend auszuwählen und im Layout darauf zu achten, dass Bilder und Text sich nicht gegenseitig in der Wirkung behindern. "Es ist ein Kunstbuch" findet Reuther.

Jeder Interviewte ist auf seine Art ein besonderer Mensch. Da gibt es den Schlosser, die Richterin, den Buchhalter Josef Hollacher, Schwiegervater des Fotografen, den Tennistrainer oder Edita Jung (Jahrgang 1922), ehemalige Handelskauffrau in Nigeria und Kongo. Spannend sind ihre Berichte von den Krokodilen, die am Ufer des Kongos lauerten, von den Juju-Medizinmännern, den englischen Kolonialherren. "Wir waren auch in Neuseeland, in Indien, in Ceylon, und dann waren wir. . .ach, überall und Amerika und Russland. Ich machte gerne Geschäfte und hatte bei den Geschäften auch immer Erfolg". Ihr Resümee lautete: "Ich kann nur sagen, ich hab' viel mitgemacht und jetzt fühl' ich mich eigentlich wieder jung".

Es sind lustige Anekdoten, Alltagserlebnisse, aber auch Berichte aus schweren Zeiten, von Verlusten, von Träumen und von Dingen, die Halt und Kraft gegeben haben. Allen Interviewpartnern gemein ist der Optimismus, der Pragmatismus und das Akzeptieren von Dingen, die man nicht ändern kann. Den erhobenen Zeigefinger sucht man vergeblich. "Ich finde, wenn man sich Mühe gibt, kann man ein ganz schönes Leben führen und es dem anderen leicht machen", erzählt beispielsweise Helga Budde (Jahrgang 1932). Ihren Beruf hatte die studierte Juristin zugunsten der Kindererziehung aufgegeben. Viele hätten das nicht verstanden. "Ich sag zu denen dann immer: Ich weiß gar nicht, wie streng ihr seid. Lasst doch jedem Menschen, was er für richtig empfindet!".

Ratschläge an die Jugend: Astrid Thalmaier und der Fotograf Jörg Reuther (unten rechts) haben die Lebensgeschichte von Peter Nössing (oben) und von anderen alten Menschen aus dem Landkreis festgehalten. Roland Althammer (unten links) kümmerte sich um das Layout ihres Buchs.

(Foto: Arlet Ulfers)

Thalmaiers Interviewpartner waren so vertieft in ihre Erzählungen, dass sie ihr Umfeld komplett ausgeblendet hatten. Das ermöglichte es Reuther, authentische, intime Bilder zu machen. "Ich habe mich sogar für Fotos auf den Boden geworfen, und sie haben mich nicht bemerkt", erzählt er. 5000 Fotos sind entstanden, 120 wurden teilweise großformatig für das Buch ausgewählt. Für Reuther war es von vornherein klar, dass die Porträts in Schwarz-Weiß sein müssen. "Farbe lenkt ab", sagt er. Durch die Beschränkung auf Grautöne stehen Mimik und Gestik im Fokus, die Persönlichkeit, die gelebte Geschichte ist in den Gesichtszügen erkennbar. Zum Beispiel bei Peter Nössing (1929). Der ehemalige Betriebswirt hat ein besonders interessantes, zerfurchtes, vom Leben gezeichnetes Gesicht. Freundlich sieht er aus und altersweise.

Sein Ratschlag für die Jugend: "Was wirklich wichtig im Leben ist, ist die Freiheit, eine Frau und zwei bis drei wichtige Menschen und sich nicht mehr so viel über Kleinigkeiten aufregen". Und dann ist da noch Otto Melichar, der mit 86 mit Paragliding begonnen hat. "Was ist für mich gefährlich? Jetzt doch nichts mehr!"

"Lived - Leben ist Kunst" ist erhältlich in der Bücherinsel in Herrsching oder unter www.lived-dasbuch.de, Preis: 48,50 Euro.

© SZ vom 12.03.2021
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