Moderne Landwirtschaft:"Wir sind mehr als nur Lebensmittelproduzenten"

Lesezeit: 3 min

Pflügen, säen, ernten - aber auch noch viel mehr. Das ist Landwirtschaft heute. (Foto: Franz Xaver Fuchs)

An der Landwirtschaftsschule in Herrsching machen dieser Tage wieder Jungbauern ihren Abschluss. Um Werbung für ihren Beruf zu machen, ziehen sie zum Finale auf den Münchner Marienplatz - und skizzieren dort ihre Vorstellung von der Landwirtschaft der Zukunft.

Von Luzi Power-Feitz, Herrsching

Ein großer, grüner Traktor steht mitten auf dem Marienplatz in München. Drumherum tummelt sich eine Menschenmasse. Sogar zwei Kühe haben sich unters Publikum gemischt - natürlich keine echten, es sind die Maskottchen der Junglandwirte des 128. Herrschinger Grundkurses. Unter dem Motto "Blick der Landwirtschaft ins Auge - mit jungen Landwirten im Dialog" haben die 44 Absolventen der Landwirtschaftsschule Passanten zu einem Gespräch über ihre Visionen und Wünsche für die Zukunft der Landwirtschaft eingeladen.

Das Haus der bayerischen Landwirtschaft in Herrsching bietet jedes Jahr eine zehnwöchige Weiterbildung für junge Menschen mit landwirtschaftlichem Hintergrund an. Die Kernthemen des Kurses kreisen um Persönlichkeitsentwicklung, Rhetorik und politische Bildung. Die Informationsveranstaltung auf dem Marienplatz ist der Höhepunkt, bevor die Schulung am 17. März endet.

Newsletter abonnieren
:SZ Gerne draußen!

Land und Leute rund um München erkunden: Jeden Donnerstag mit den besten Freizeittipps fürs Wochenende. Kostenlos anmelden.

An verschiedenen Informationsständen gewähren die Absolventen den Verbrauchern einen Einblick in bestimmte Bereiche der Landwirtschaft wie Energieerzeugung, Klima- und Artenschutz oder mögliche Ausbildungswege. "Es ist wichtig, mal hinter die Kulissen zu blicken, zu erklären was hinter der Landwirtschaft steckt", sagt Franziska Finauer, die Pressebeauftragte des Kurses. "Wir wollen die Leidenschaft, die wir für unseren Berufsstand haben, weitergeben. Ein Gespräch von Mensch zu Mensch macht das Thema greifbarer", ergänzt ein weiterer Junglandwirt.

Ein Stand am Marienplatz fällt besonders auf: Auf dem Plakat zum Thema Klima und Artenschutz prangt ein riesiges Fragezeichen. "Wir wollen Verbraucher sensibilisieren für die zukünftige Nutzung unserer Flächen", sagt Simon Herrmann, der Betreuer des Standes. Der 23-Jährige aus dem Landkreis Ansbach hat an seine landwirtschaftliche Ausbildung ein Studium drangehängt und übernimmt nach Ende des Lehrgangs in Herrsching den fränkischen Familienbetrieb.

"Um dem Klimawandel entgegenzuwirken, wäre die Aufforstung von unseren Äckern ein ideales Instrument", so der 23-Jährige. Gleichzeitig würde das aber Flächen wegnehmen, wo Lebensmittel angebaut werden können. Die Förderung der Biodiversität und des Klimaschutzes gelinge also nur mit gewissen Ertragseinbußen. "Wir wollen das Klima und die Artenvielfalt schützen, wir wollen aber auch ernähren", erklärt Herrmann. "Da stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis das in Zukunft stattfinden soll."

"Wir wollen das Klima schützen, wir wollen aber auch ernähren": Simon Herrmann an seinem Informationsstand. (Foto: Luzi Power-Feitz)

Viele Besucher bleiben neugierig an den Pavillons stehen und studieren die Plakate und Flyer, die ausliegen. Die Stimmung ist gut: Es wird gelacht, gegessen und diskutiert. Auf einem der Biertische steht eine durchsichtige Plastiksäule, die gefüllt ist mit Brotabfällen. "Mithilfe einer Biogasanlage kann man mit diesen Brotabfällen eine Zehn-Watt-Energiesparlampe fünf Tage lang brennen lassen", erklärt einer der Landwirte einer älteren Dame, die erstaunt mit dem Kopf nickt. In Zeiten der Energiekrise sei man mit Biogas sehr gut abgesichert, erklärt der junge Mann weiter.

"Ein Faktor, der oft übersehen wird, ist, dass wir inzwischen viel mehr sind als nur Lebensmittelproduzenten - wir sind eben auch Energieproduzenten", erklärt Christoph Götz, ein weiterer Absolvent. Viele Landwirte betrieben Biogasanlagen und hätten große Flächen zur Verfügung für Photovoltaikanlagen. "Als Landwirt muss man sich heutzutage fachlich breit aufstellen und auf einem Topniveau sein, um seinen Betrieb wirtschaftlich gestalten zu können", erklärt der 19-Jährige aus dem Landkreis Donau-Ries. Der Betrieb seiner Familie ist spezialisiert auf den Anbau von Kartoffeln für die Pommes-Produktion. Im Hinblick auf die Erzeugung von Lebensmitteln wünscht sich Götz, dass Verbraucher sich zukünftig bewusster ernähren, mehr Wert auf Regionalität und Saisonalität legen.

Christoph Götz aus dem Landkreis Donau-Ries. (Foto: Luzi Power-Feitz)
Christian Schmid betreut den Stand zur Zukunft der Landwirtschaft. (Foto: Luzi Power-Feitz)

Ein weiterer Stand beschäftigt sich mit der Zukunft der Tierhaltung und der in der Landwirtschaft verwendeten Technik. "Mittlerweile sind die Geräte, mit denen wir arbeiten, wie fahrende Computer", erzählt Christian Schmid aus dem Landkreis Deggendorf. Roboter, die mithilfe von Solarpaneelen Zuckerrüben aussähen; Drohnen, welche die genaue Position von Unkraut bestimmen können; und Streuer, die anhand dieser Information nur dort düngen, wo es nötig ist - es gibt nichts, was es nicht gibt. In der Tierhaltung werde der Auslauf immer wichtiger, so der 20-Jährige. "Das kann für kleinere Betriebe, die mitten im Ort angesiedelt sind, ein Problem werden", erklärt Schmid. Oft hätten sie keinen Platz, um sich zu vergrößern, und müssten aussiedeln.

Christian Schmid ist nicht der einzige Absolvent, der erwähnt, dass es vor allem die Kleinbetriebe sind, die in Zukunft auf große Herausforderungen treffen werden. Auch Christoph Götz wünscht sich ein Entgegenkommen der Politik: "Tierwohl ist uns sehr wichtig. Aber die vielen Auflagen und die Bürokratie sind für Kleinbetriebe kaum zu stemmen."

Da wäre es kein Wunder, wenn viele Höfe verschwinden. Doch trotz der zukünftigen Herausforderungen sprudeln die 44 Absolventen der Landwirtschaftsschule vor Leidenschaft, wenn sie von ihrem Beruf erzählen. Die Zukunft der Landwirtschaft, so scheint es, liegt in guten Händen.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusUkrainischer Meisterkoch
:Vier Gänge für ein neues Leben

Volodymyr Raikov galt als einer der besten Köche der Ukraine. Nach der Flucht starten er und seine Frau im Tutzinger Yachtclub von vorn. Werden sie akzeptiert? Zu Besuch bei der Generalprobe.

Von Viktoria Spinrad

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: