Landtagswahl im Landkreis Starnberg Kummer gewohnt

Die Kandidaten im Porträt (III): Das Leben ist kein Zuckerschlecken für Sozialdemokraten, 1860er-Fans und Polizistinnen wie Christiane Kern. Die 45-Jährige will trotzdem bis zum Wahltag kämpfen

Von Christine Setzwein, Starnberg

"Gut!" Christiane Kern antwortet ohne zu zögern auf die Frage, wie es ihr geht. Auch wenn die Umfrageergebnisse für ihre Partei in den Keller rutschen, bleibt die SPD-Direktkandidatin für den Stimmkreis Starnberg gelassen. "Ich bin im Polizeidienst, wenn ich mich da ständig aufregen würde, hätte ich viel zu tun", meint sie. Außerdem ist sie Kummer gewohnt. Als eine der ersten uniformierten Polizistinnen in Bayern, als Gewerkschafterin und SPD-Mitglied, als Hauptpersonalrätin der bayerischen Polizei und als 1860er-Fan ist das Leben nicht immer ein Zuckerschlecken. Da werfen einen schlechte Umfrageergebnisse nicht gleich aus der Bahn. Aufregen ist nicht, lieber macht sie weiter ihren Wahlkampf, tingelt von Gemeinde zu Gemeinde, verteilt in aller Herrgottsfrüh an den S-Bahnhöfen Flyer und Gummibärchen, diskutiert an Info-Ständen und postet emsig auf Facebook. Seit Januar ist Kern SPD-Landtagsdirektkandidatin im Stimmkreis Starnberg. Julia Ney, SPD-Kreisvorsitzende und persönliche Referentin des SPD-Fraktionsvorsitzenden Markus Rinderspacher, hatte sie angesprochen, ob sie nicht in Starnberg antreten wolle. Christiane Kern wollte und macht jetzt Wahlkampf im "schönsten Stimmkreis Bayerns", sagt sie.

Geboren und aufgewachsen in Laufen an der Salzach, ist Kern mit Vater, Mutter und Schwester in einer dörflichen Idylle im malerischen Rupertiwinkel groß geworden. Schön und gut, aber zu beschaulich sollte das Leben nach der Realschule dann doch nicht werden. "Ich wollte nicht in ein langweiliges Büro", erzählt sie. Und den Mund konnte sie ohnehin nie halten. Der Papa war bei der Bundespolizei und riet ihr, sich bei der Polizei zu bewerben. 1990 herrschte Personalnot, und Franz Josef Strauß, strikter Gegner von Frauen in Uniform, war zwei Jahre zuvor gestorben. Der Weg war frei, Christiane Kern wurde eingestellt. Ihre Ausbildung absolvierte sie in Eichstätt, ein halbes Jahr war sie in Dachau, dann wurde sie nach München versetzt, in die Großstadt. Mit einer Kollegin nahm sie sich eine Wohnung in Poing. "Wir Landeier fühlten uns dort wohler", sagt sie. Ihren Arbeitsplatz hatte sie in der Inspektion 13 in Schwabing.

Christiane Kern lebt in München und geht im Stimmkreis Starnberg für die SPD ins Rennen. Im Landtag will sie sich für sozialen Wohnungsbau und die Gründung einer staatlichen Wohnbaugesellschaft einsetzen.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Als Frau in einer Männerdomäne, das hat Christiane Kern geprägt. "Wenn es um Auftritte vor der Presse ging, mussten wir ran", erinnert sie sich. Im alltäglichen Dienst aber hatten und haben Frauen oft das Nachsehen. Kolleginnen mit Kindern, die Teilzeit arbeiten müssen, hätten kaum Chancen auf Karriere. Sie müssen pünktlich gehen, können keinen Schichtdienst machen. Für Gleichberechtigung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat sich Christiane Kern sehr bald eingesetzt. Sie ist Personalrätin, Vorsitzende der Landesfrauengruppe der Gewerkschaft der Polizei Bayern, Vorstandsmitglied des DGB-Bezirksfrauenausschusses und im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) in München. Im Bezirksausschuss Untergiesing-Harlaching ist sie SPD-Fraktionsvorsitzende.

Wohnen, Innere Sicherheit und der Öffentliche Personennahverkehr sind ihre Hauptthemen im Wahlkampf. Als Polizistin hat sie natürlich Inspektionen im Landkreis besucht und war entsetzt über den maroden Zustand der PI Gauting. Sie weiß, dass das Fünfseenland eine der sichersten Regionen bundesweit ist. Die Zahl der Einbrüche ist trotz des Personalmangels zurückgegangen. "Aber warum? Weil jeder Inspektionsleiter schaut, dass alles läuft, mit der Folge, dass mehr Streifen gefahren werden und immer mehr Überstunden anfallen." Bevor Reiterstaffeln oder Grenzpolizei geschaffen werden, sollte erst einmal das Personalproblem in den Dienststellen gelöst werden, meint Kern. Im Landtag würde sie sich für mehr uniformierte Polizisten, Staatsanwälte und Richter einsetzen.

SZ-Grafik

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Das Thema Wohnen beschäftigt Kern sehr. In München ist sie teure Preise gewohnt, aber was im Landkreis Starnberg für Mietwohnungen und Wohneigentum bezahlt werden muss, "hat mich schon geschockt". Wo es hakt in den Kommunen, lässt sie sich auf Radtouren zeigen und erklären. Dass es kaum Ein-Zimmer-Appartements gibt, sei ein echter Mangel. An Infoständen ist ihr klar geworden, dass im Landkreis Starnberg nicht nur Reiche wohnen. "Wenn man da länger steht, sieht man auch die, denen es nicht so gut geht, aber auch die müssen anständig untergebracht werden", sagt Kern. Sie fordert mehr Investitionen in den sozialen Wohnungsbau, plädiert für Genossenschaften und die Gründung einer staatlichen Wohnbaugesellschaft. "Bezahlbaren Wohnraum zu schaffen", meint die 45-Jährige, "ist die Herausforderung der Zukunft."

Die Kriminalhauptkommissarin wohnt in Untergiesing. Sie hat kein Auto, dafür drei Fahrräder, ein E-Bike, ein Mountainbike und ein rotes Stadtrad. Sie radelt und wandert gerne. Wenn sie zum Wahlkampf in den Landkreis kommt, fährt sie mit der S-Bahn. Und hat schnell gemerkt, dass es auch beim Öffentlichen Personennahverkehr viel zu tun gäbe. "Die S6 geht ja noch, aber die S8 ist der Wahnsinn", sagt sie. Ständig Verspätungen, Zugausfälle und eine Reihe von Bahnhöfen, die immer noch nicht behindertengerecht ausgebaut sind. "Da müssen wir was machen."

Entweder – oder

- Starnberger See oder Ammersee?

Ammersee - kein Kini, dafür viel Natur und ruhige Plätzchen.

- Frühaufsteher oder Nachtmensch?

Frühaufsteher - macht für mich die Frühverteilungen an den Bahnhöfen leichter.

- Klassik oder Rock?

Rock - am liebsten live mit Freunden in einer Kneipe.

- Sushi oder Surhaxe?

Surhaxe - gegrillt mit Knödel und Soße.

- Wald oder Wiesn?

Wiesn - ein Leben ohne die Wiesn ist möglich, aber sinnlos. csn

Wenn Christiane Kern als SPD-Direktkandidatin für den Stimmkreis Starnberg in den Landtag einziehen könnte, müsste schon ein Wunder geschehen. Auf Platz 19 der oberbayerischen Liste stehen die Chancen bei den derzeitigen Umfrageergebnissen auch nicht besonders hoch dafür. Trotzdem macht sie bis zum Wahltag unverdrossen weiter, an S-Bahnhöfen und Infoständen, auf Radtouren und Podiumsdiskussionen. Im schönsten Stimmkreis Bayerns, in dem sie auch gerne leben würde - wenn sie denn eine bezahlbare Wohnung finden würde.