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Wirtschaft:Crashtest aus dem Landkreis Starnberg

Mehr Licht: Hochleistungs-LEDs der Firma Messring ermöglichen die genaue Dokumentation von Crashtests.

(Foto: Leo Lara/oh)

Das Unternehmen Messring entwickelt und montiert Testanlagen für fast alle namhaften Autohersteller. Nun ist die Firma von Krailling nach Gilching umgezogen, auch weil der Strom für die Elektromotoren am alten Standort zu schwach war.

Von Michael Berzl

Autos kaputt machen. Darum geht es hier also. Deutlich sichtbar ist das gleich im Eingangsfoyer am neuen Hauptsitz der Firma Messring im Gilchinger Gewerbegebiet, wo an der Wand ein großes Relief von einem Wagen mit eingedrückter Front und berstender Motorhaube dargestellt ist. Das Unternehmen montiert und verkauft weltweit Versuchsanlagen, auf denen untersucht wird, was genau bei einem Aufprall passiert, was sich wie verformt.

Dazu gehören extrem starke Elektromotoren zum Beschleunigen, grelle LED-Scheinwerfer und Hochgeschwindigkeitskameras, um alles aufzunehmen, wenn es kracht. Die Nachfrage ist groß, das Unternehmen braucht mehr Platz und ist deshalb von Krailling nach Gilching umgezogen. Zugleich sieht sich Geschäftsführer Dierk Arp vor einer neuen Aufgabe: Nicht nur die Insassen eines Fahrzeugs stehen im Fokus, sondern immer mehr auch Menschen, die versehentlich in den Weg geraten. Dem 60-jährigen Chef in Gilching macht seine Arbeit sichtlich Spaß. "Das Schrauben, das muss man schon mögen, aber ich war immer schon fürs Praktische", sagt er. Den gebürtigen Kieler, der nun mit seiner Familie in Oberhaching lebt, hat das Elektrotechnik-Studium nach München verschlagen. Nach dem Abschluss hat er als Selbstständiger gearbeitet, ist durch freiberufliche Aufträge zu Messring gekommen und hat es dort bis zum Gesellschafter und Geschäftsführer gebracht.

In Jeans, weißem Hemd und bunten Outdoor-Schuhen kommt er zur Führung durch den neuen Unternehmenssitz. Dort ist noch alles neu, an den Wänden hängen Zettel, der Türöffner funktioniert noch nicht, und Google-Maps ist der neue Standort unbekannt. Ende November wurden die letzten Umzugskisten in den "Air-Tech-Campus" transportiert, im Januar ist die Übergabe der bisher gemieteten Räume in Krailling.

Seit zwei Jahren gehört das 1968 gegründete Unternehmen der Dieter Murmann-Beteiligungsgesellschaft in Düsseldorf. Die beiden Messring-Geschäftsführer Robert Weber und Dierk Arp haben ihre Anteile verkauft, aber ihre Führungspositionen behalten. "Das ist ein Gesellschafter, der respektiert, was wir tun", sagt Arp über den neuen Eigentümer.

Oberpfaffenhofen: Messring: Dierk Arp & Igor Doric

Test mit Dummies: Dierk Arp (rechts) und Igor Doric, Geschäftsführer der Active Safety GmbH, mit Puppen, die Fußgänger und Kind nachbilden.

(Foto: Nila Thiel)

Bisher geht es auf den Crashtest-Bahnen vor allem darum herauszufinden, was in einem Auto bei einem Unfall passiert. Nun kommt die Aufgabenstellung hinzu, was ein Auto können muss, um einen Unfall zu vermeiden. Auch dafür entwickelt Messring nun Anlagen. Dazu gehören zum Beispiel Dummys, die möglichst lebensecht die Bewegungsabläufe von Fußgängern imitieren. "Active Safety", heißt diese Sparte, die eine immer größere Bedeutung gewinnt. Zusammen mit Mercedes wurde eine laufende Puppe mit blauer Hose und schwarzer Jacke entwickelt. Zum Simulieren von Gefahrensituationen gibt es außerdem ein Kind auf einem Bobby-Car und eine Frau auf einem Tretroller in der bundesdeutschen Durchschnittsgröße von 1,66 Metern.

Messring ist weltweit tätig, fast alle namhaften Autohersteller sind Kunden. Die Anlagen stehen in Europa, den USA, Südamerika und Asien; etwa 140 sind es mittlerweile. Ein Schwerpunkt ist in China, wo es eine Tochtergesellschaft gibt. Zu den Auftraggebern zählen nicht nur Automobilhersteller, sondern beispielsweise auch der ADAC, die Allianz-Versicherung oder eine Behörde wie die Bundesanstalt für Straßenwesen. Auch "Euro NCAP", ein Zusammenschluss von Verkehrsministerien, Automobilclubs und Versicherungsverbänden, der eine Art Gütesiegel vergibt, hat seine acht Anlagen von Messring bauen lassen.

Bisher hatte die Firma ihren Sitz im Kraillinger Gewerbegebiet, doch da reichten der Platz und die technische Ausstattung nicht mehr aus. Sogar der Strom war zu schwach. Die rot lackierten Elektromotoren, die ein Auto in kurzer Zeit auf bis zu 100 Kilometer pro Stunde beschleunigen können, brauchen sehr viel Energie, mehr als im Kraillinger Gewerbegebiet zur Verfügung steht. "Da mussten wir einen Stromgenerator in einen Container stellen", berichtet Arp. Darum der Umzug nach knapp 20 Jahren. In Gilching ist das anders, auch räumlich. Dort gibt es fast doppelt so viel Platz wie bisher, Werkstätten, Büros, zahlreiche Besprechungsräume. Die neue Halle ist neun statt vier Meter hoch, die Teststrecke 100 Meter lang. In dem Neubau mit einer Nutzfläche von insgesamt 7200 Quadratmetern, den die Eigentümer des Flughafens, die Immobiliengesellschaften Beos und Triwo, nach den Wünschen des Unternehmens innerhalb eines Jahres aufgestellt haben, ist Platz für bis zu 200 Mitarbeiter; da ist noch Luft nach oben.

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie arbeiten sie wegen der eingeschränkten Reisemöglichkeiten unter besonderen Bedingungen. Die Anlagen werden mehr als bisher in Deutschland vormontiert, damit der Zusammenbau beim Kunden im Ausland möglichst schnell über die Bühne gehen kann. Nun gebe es einen Rückstau von Aufträgen, der noch abgearbeitet werden müsse, berichtet Arp. Bisher sei er etwa zehn Mal im Jahr nach China geflogen, heuer war er erst einmal dort, zuletzt im Februar. Durch die Reisebeschränkungen setzt allerdings auch eine Entwicklung ein, der Arp durchaus einen positiven Aspekt abgewinnen kann: Mehr als bisher kommen bei der Montage einheimische Techniker zum Zug: "Das kann man lernen, dass es auch anders geht." Arbeitsabläufe müssten nun eben genauer dokumentiert werden, damit auch andere damit umgehen können. "Nicht mehr einfach alles rein in die Kiste und ab, weil wir ja eh dabei sind."

Zum Schluss des Gesprächs möchte Arp eines noch deutlich machen: "Wir machen nichts fürs Militär. Das lehnen wir grundsätzlich ab. Das wollen wir nicht." So steht das auch im Firmenporträt im Internet unter dem Punkt "Menschlichkeit und Verantwortung". Anfragen habe es schon geben, sagt Firmenchef Arp.

© SZ vom 29.12.2020
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