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Landkreis Starnberg:Raus aus dem Keller

Landrat Karl Roth (rechts) heißt Friedrike Hellerer offiziell als Nachfolgerin für den bisherigen Kreisarchivpfleger Gerhard Hertlein willkommen.

(Foto: Landratsamt)

Der Herrschingerin Friedrike Hellerer ist zur Kreisarchivarin ernannt worden. Die Historikerin gilt als Netzwerkerin unter ihren Kollegen in den Gemeinden und entwirft derzeit eine neue Ausstellung

"Wir Archivare sind Einzelkämpfer, Exoten", sagt die neue Kreisarchivarin Friedrike Hellerer über ihren Berufsstand. Und die Gründe nennt sie auch gleich: "Wir sitzen meist im Keller, befassen uns - anders als sonst im Rathaus üblich - mit der Vergangenheit und nicht mit der Zukunft, und unter unseren Aufgaben kann sich kaum jemand etwas vorstellen."

Dass die 63-jährige Historikerin jetzt von der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns für fünf Jahre zur Kreisarchivpflegerin bestellt wurde, ist nur folgerichtig. Zum einen hat sie eine kürzlich veröffentlichte und vielfach gelobte Chronik über den Nationalsozialismus im Landkreis verfasst. Zum anderen ist Hellerer seit 1995 Gemeindearchivarin von Herrsching und durch die langjährige Tätigkeit dort mit den Archivaren in den anderen Landkreisgemeinden bestens vernetzt. Der regelmäßige Austausch ist ihr ein großes Anliegen. Darum hat sie vor längerem auch einen Archivstammtisch gegründet, der sich regelmäßig sechs mal pro Jahr trifft. Es werden Projekte und Fortbildungen besprochen und Fragen der Archivwürdigkeit von Dokumenten geklärt.

Oft gehen die Zusammenkünfte auch mit gemeinsamen Besichtigungen einher. "Die Kreisarchivpflegerin ist damit Ansprechpartnerin für alle Fragen der Archivierung", teilt des Landratsamt mit. Der Job ist ein Ehrenamt, während die Archivare der allermeisten Landkreisgemeinden bereits hauptamtlich tätig und damit fest eingebunden in die jeweilig Verwaltung sind. Einzig Berg und Inning beschäftigen noch ehrenamtliche Archivare. Problematisch erscheint Hellerer auch die Situation in Weßling, wo die Archivarin zugleich das Einwohnermeldeamt mitbetreut. Die Folge: "Damit fällt das Archiv meist hinten runter", findet Hellerer und kündigt an: "Natürlich werde ich versuchen, durch gutes Zureden in den besagten Gemeinden etwas zu erreichen. Denn auch wenn die ehrenamtlichen Archivpfleger sehr engagiert sind, ist es laut der Bayerischen Verfassung eine Pflichtaufgabe der Gemeinden", argumentiert die neue Kreisarchivarin. Natürlich findet sie es "ehrenvoll", nun die offizielle Nachfolge des bisherigen Kreisarchivars Gerhard Hertlein anzutreten, doch sie weiß auch, dass sie jetzt viele ihrer Aufgaben nicht mehr freiwillig machen kann, sondern "ganz offiziell in der Verantwortung" ist.

Derzeit bereitet Hellerer eine Wanderausstellung zum Thema "Euthanasie-Opfer des NS-Regimes im Landkreis Starnberg" vor. "Von dieser Problematik wissen bislang nur ganz wenig Leute etwas," sagt sie. Mehr als 40 Fälle hat sie schon ausfindig gemacht, "und wann immer ich in Archiven und Kirchenbüchern stöbere, werden es mehr". Die Ausstellung soll am 3. Mai im Landratsamt eröffnet werden. Danach kann sie von den Gemeinden und auch den Schulen gebucht werden.

Hellerer lebt mit ihrer Familie bereits seit 1980 in Herrsching. Auch wenn sie sich von Jugend an leidenschaftlich für Geschichte interessierte, arbeitete sie viele Jahre in ihrem erlernten Beruf als Restauratorin. Im Alter von 52 Jahren entschloss sie sich dann doch noch zum Studium der Bayerischen Geschichte mit Schwerpunkt Neuzeit in München. Seither hat sie der Nationalsozialismus auf lokaler und regionaler Ebene nicht mehr losgelassen. Kein Wunder, dass sie als Thema ihrer Dissertation die NSDAP im Landkreis Starnberg gewählt hat. Stolze sieben Jahre hatte sie hierzu geforscht. Am Ende stand nicht nur ihre Doktorarbeit, sondern auch das Buch "Die NSDAP im Landkreis Starnberg - von den Anfängen bis zu Konsolidierung der Macht 1919-1938".

Auch ihr Vorgänger wird sich übrigens noch nicht ganz aus der Archivarbeit zurückziehen. Das Thema "Bibliografie der Ortsgeschichte" will er laut Landratsamt noch zu Ende führen, damit jeder Interessierte über die Homepage der Archivare und Historiker unter www.arhista.de recherchieren kann, welche Bücher und Abhandlungen es zum Landkreis Starnberg gibt. Auch die historische Postkartensammlung mit Bildern aus dem Landkreis wird Hertlein noch eine Weile betreuen.

© SZ vom 18.02.2020
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