Starnberger Kulturpreis„Dinge, die andere nicht sehen“

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Landrat Stefan Frey (links) und die Kulturbeauftragte Barbara Beck (rechts) mit den Preisträgern Daria Kuschev und Raphael Silas Christoph.
Landrat Stefan Frey (links) und die Kulturbeauftragte Barbara Beck (rechts) mit den Preisträgern Daria Kuschev und Raphael Silas Christoph. (Foto: Franz Xaver Fuchs)

Der Starnberger Landrat Stefan Frey zeichnet die Filmemacherin Daria Kuschev und den Naturfotografen Raphael Silas Christoph mit dem Kulturpreis des Landkreises aus. Den Anerkennungspreis erhält ein integratives Filmprojekt.

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Starnberg

Bereits im Juli sind die Kulturpreisträger des Landkreises Starnberg bekannt gegeben worden, aber nun ist es offiziell. Im Rahmen eines Festaktes sind die Auszeichnungen am Donnerstag in der Sparte Foto-, Film- und Videokunst an Daria Kuschev, Raphael Silas Christoph und die Kulturgruppe der Nachbarschaftshilfe Weßling überreicht worden. „Die Kulturpreisverleihung ist Teil unserer Wertschätzung der Kultur im Landkreis“, sagte Landrat Stefan Frey (CSU) vor etwa 120 geladenen Gästen, darunter Bürgermeister, ehemalige Preisträger sowie Freunde und Angehörige der aktuellen Preisträger.

„Wir brauchen Optimismus in schwierigen Zeiten“, sagte Frey. Darum werde der Landkreis Starnberg trotz der finanziell angespannten Lage auch nicht an der Kultur kürzen, versprach er. Den Kulturpreis gibt es seit 2002 in wechselnden Kategorien. In dieser Zeit sind laut Frey 53 Preise vergeben worden. Die Veranstaltung wurde musikalisch untermalt von der Gruppe Yellow Box.

Mit Tränen der Rührung in den Augen nahm Daria Kuschev den Kulturpreis in Empfang. Der Preis sei mehr als eine Auszeichnung, sagte sie. Er sei auch eine Anerkennung für die Menschen, die ihr beim Filmen ihr Vertrauen geschenkt hätten. Kuschev hat einen Film über eine krebskranke junge Frau gedreht, einen über Klinik-Clowns und einen über die Nonnen in dem russisch-orthodoxen Kloster in Buchendorf.

Kuschev stammt aus Kasachstan. Sie kam 2005 als russische Aussiedlerin nach Würzburg. Nach ihrem Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen in München hat sie 2018 nach langer Suche eine Wohnung in Starnberg gefunden. Ihr Anliegen ist es, den Menschen am Rande der Gesellschaft eine Stimme zu geben.

„Der Mensch steht im Mittelpunkt ihres Schaffens“, sagte ihre Laudatorin Christine Haupt, die mit Kuschev an der Filmhochschule studiert hat. Der Ausschnitt ihres Dokumentarfilms über eine krebskranke Frau ist gerade deshalb tief berührend, weil „Nadeschda“ so schlicht und ruhig über den Tod spricht. Manchmal frage sie sich, wo die Barmherzigkeit Gottes bleibe, sagt Nadeschda im Film. Den Glauben habe sie aber dennoch nicht verloren.

Kulturpreis, Förderpreis und Anerkennungspreis vor der Verleihung.
Kulturpreis, Förderpreis und Anerkennungspreis vor der Verleihung. (Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die 33-jährige Filmemacherin hatte Nadeschda kennengelernt, als sie ehrenamtlich als Dolmetscherin in einem Krankenhaus gearbeitet hat. Dort hat sie auch die Klinik-Clowns getroffen, über die sie ebenfalls einen Film gedreht hat. „Ich versuche zu zeigen, wie die Menschen wirklich sind“, sagte Kuschev bei der Preisverleihung. Wie sie am Rande der Veranstaltung verriet, hat Nadeschda den Krebs besiegt. Und von der Arbeit der Klinik-Clowns sei sie so beeindruckt, dass sie ihnen einen Teil des 3000 Euro betragenden Preisgeldes spenden will. Mit einem weiteren Teil des Geldes will sie einen Film über ihre eigene Geschichte drehen, die Geschichte einer Russland-Deutschen. Ein Projekt mit der Schlossbergschule Starnberg, die ihr achtjähriger Sohn besucht, schwebt ihr ebenfalls vor. „Ich möchte etwas zurückgeben“, sagte sie.

Mit seinen 17 Jahren ist Raphael Silas Christoph der bislang jüngste Träger des mit 2000 Euro dotierten Kulturförderpreises. Er habe nie einen Naturfotografen in diesem Alter getroffen, der ein derartiges Gespür und ein derartiges Auge für Naturbilder gehabt habe, sagte sein Laudator Karl Seidl, Vorsitzender der Gesellschaft für Naturfotografie Bayern-Süd. „Er ist nicht nur ein Fotograf, er erzählt Kunstwerke.“

Christoph, der seit seinem sechsten Lebensjahr fotografiert, hat einen außergewöhnlichen Blick für Details. Seine Bilder zeigen Nahaufnahmen von Spinnen oder Ameisen. Weil das Foto von der Wasseroberfläche eines Gartenteichs, in dem Blütenpollen schwimmen, aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel fotografiert wurde, ist das Motiv zunächst nicht zu erkennen. Das meiste habe er sich selbst beigebracht, erklärt der Stockdorfer. Den Blick für Details habe er zum Teil aber schon immer gehabt. „Auch im Alltag sehe ich Dinge, die andere nicht sehen.“

Ulrike Roos von Rosen nahm für die Kulturgruppe des Integrationspunktes Weßling der Nachbarschaftshilfe den Anerkennungspreis entgegen.
Ulrike Roos von Rosen nahm für die Kulturgruppe des Integrationspunktes Weßling der Nachbarschaftshilfe den Anerkennungspreis entgegen. (Foto: Franz Xaver Fuchs)

Der Anerkennungspreis ging an die Kulturgruppe des Integrationspunktes der Nachbarschaftshilfe Weßling. Angefangen hatte die Gruppe mit zwei Personen. Inzwischen wirken manchmal bis zu 80 Personen an einem Projekt mit. Die ehemalige Lehrerin für Deutsch und Französisch, Ulrike Roos von Rosen, hat die Gruppe ins Leben gerufen, weil sie überzeugt war, dass Geflüchtete mithilfe eines Filmprojekts die deutsche Sprache leichter erlernen können. Dabei sei das Lachen sehr wichtig, sagte sie. „Es lockert auf, wenn man sich miteinander amüsiert.“ So hätten sie beispielsweise beim Dreh des letzten Films über Friedrich August Kaulbach sehr viel gelacht, bis die Darsteller das Wort „Simplicissimus“ aussprechen konnten. In dem Film wirkte auch Gerd Holzheimer mit, der den Maler und Simplicissimus-Karikaturisten Olaf Gulbransson darstellte. In seiner Laudatio lobte Holzheimer Roos von Rosen: „In einem Land, in dem so viel von Spaltung geredet wird, führt ihr so viele zusammen.“

In dem Film hatten rund 30 Personen mitgespielt. Für das Gelingen waren zudem viele Ehrenamtliche verantwortlich. So hat der Filmemacher Tjark Lienke aus dem Filmmaterial von acht Drehtagen noch einen Tag vor der Preisverleihung einen einstündigen Film zusammengeschnitten. Das Preisgeld in Höhe von 1000 Euro will Roos von Rosen in ihr nächstes Filmprojekt stecken. Das Thema soll die „Kulturhauptstadt Starnberg“ sein.

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