"Kunst fährt auf Sicht":Spektakel der Kreativen

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"Kunst fährt auf Sicht": Erdmännchen in Quarantäne: Das Werk von Felix Maizet ist nur eine von vielen schrägen, skurilen und nachdenklich stimmenden Arbeiten auf dem ehemaligen Herrschinger Werksgelände der Firma Heine Optotechnik

Erdmännchen in Quarantäne: Das Werk von Felix Maizet ist nur eine von vielen schrägen, skurilen und nachdenklich stimmenden Arbeiten auf dem ehemaligen Herrschinger Werksgelände der Firma Heine Optotechnik

(Foto: Georgine Treybal)

Das Kollektiv "Künstler aus dem Einbauschrank" hat mit mehr als 30 Kollegen in monatelanger Arbeit eine Zwischennutzung für ein aufgegebenes Firmengelände erarbeitet. Die viertägige Schau in Herrsching ist nur noch dieses Wochenende zu sehen.

Von Armin Greune

Die beiden schlechten Nachrichten gleich vorweg: Dieses einzigartige Kultur-Spektakel lässt sich nur noch an diesem Wochenende erleben. Und "Kunst fährt auf Sicht" im ehemaligen Herrschinger Firmengelände von Heine Optotechnik ist dermaßen faszinierend und facettenreich, dass schon nach zwei Stunden akute Reizüberflutung droht. Wer die gesamte, mehr als 50 Räume umfassende Schau erfassen will, sollte sie also mehrmals besuchen - oder zwischendurch Ohren und Augen bei einem Spaziergang im Kiental auslüften.

Vermissen aber darf man den neuesten Streich der inzwischen siebenköpfigen Gruppe "Die Künstler aus dem Einbauschrank" auf keinen Fall. Was Witz und Einfallsreichtum betrifft, übertrifft diese Ausstellung mit Festivalcharakter sogar noch das inzwischen legendäre "Kunst geht baden"-Event 2019 im Warmbad Greifenberg. Neben dem Dkade-Team Gesine Dorschner, Monika Roll, Nina Fritzsche, Dirk Eckert, Christof Jenauth, Felix Maizet und Enno Müller-Spaethe nehmen mehr als 30 weitere Künstler teil. Darunter sind manche Live-Acts wie Konzerte, Lesungen, Poetry-Slams und Comedy noch nicht mal eingerechnet.

"Kunst fährt auf Sicht": Auch Comedy mit Anton Grübener gehört zum Programm des temporären Herrschinger Kulturzentrums.

Auch Comedy mit Anton Grübener gehört zum Programm des temporären Herrschinger Kulturzentrums.

(Foto: Georgine Treybal)

Angesichts der überwältigenden Vielfalt an beeindruckenden oder erheiternden Exponaten fällt es schwer, einzelne Werke selektiv hervorzuheben. Zu den sehenswerten und überwiegend ernst gemeinten Arbeiten zählt sicherlich "Flucht - was würdest Du tun?" der "Ästheten-WG" Jenauth und Eckert: Die mit Details üppig ausgestattete Raum-Installation beginnt mit einem beängstigenden Darkroom. Von dort erlaubt ein winziges Loch in der Wand einen kleinen Blick ins verheißungsvoll golden glänzende Nebenzimmer, das sich dann beim Betreten als fast noch ernüchternder erweist wie die Formular-Flut, die es auf dem Weg dorthin zu überwinden gilt. Auf eine subtilere, geradezu poetische Art beschwört Luzi Illustrella düstere Zeiten herauf: Sie hat in der vormaligen Heine-Buchhaltung morbide Plakate und Objektcollagen mit Fundstücken versammelt, die vom Sterben der Wälder und des Planeten künden oder mit verkohlten organischen Überresten einen "Burn Out" symbolisieren.

"Discop" ermittelt "in der Tradition der Hexenverbrennungen der katholischen Kirche"

Eher dem komischen, satirischen Lager sind die Arbeiten des unter dem Pseudonym "Discop" operierenden Künstlers zuzurechnen: In fünf Räumen hat er eine auf den ersten Blick authentisch wirkende Sicherheitsdienststelle samt Büros, Zellen und Vivisektions-Labor eingerichtet. Als Leiter der "paranormalen Ermittlungseinheit" informiert er beflissentlich über deren Aufgaben, die "nach bayerischen Traditionen und Grundsätzen sowie des katholischen Exorzismus und der Hexenverfolgung" operiere. Bei ihren "Säuberungsaktionen" und dem Einfangen von "Apparationen", "Kreaturen" oder "Fremdkörpern im Ökosystem" bediene sich seine Behörde ähnlicher Methoden wie die aus Hollywood bekannten "Ghostbusters". Zu Gute käme den Ermittlern aber auch die Antenne auf dem Dach des Gebäudes, das vor der Medizintechnik-Firma eine NS-Funkerschule beherbergte, referiert Discop. Als der Münchner Streetart-Künstler kurz aus seiner Rolle fällt, erklärt er, mit seiner Mischung aus Performance, Installation und Galerie den enormen Ermittlungseifer karikieren zu wollen, den bayerische Strafverfolgungsbehörden bei geringfügigen Drogenverstößen oder Graffiti an den Tag legen.

"Kunst fährt auf Sicht": Auf der "Polizeistation" wird im Kulturzentrum ermittelt, wer bei Tag und Nacht was Kriminelles macht.

Auf der "Polizeistation" wird im Kulturzentrum ermittelt, wer bei Tag und Nacht was Kriminelles macht.

(Foto: Georgine Treybal)
"Kunst fährt auf Sicht": "Geister-Bannsiegel, nicht entfernen" steht auf einer Polizeiabsperrung zu einem besonderen Tatort: ein verschmutzter Kühlschrank

"Geister-Bannsiegel, nicht entfernen" steht auf einer Polizeiabsperrung zu einem besonderen Tatort: ein verschmutzter Kühlschrank

(Foto: Georgine Treybal)

Auf mehr als 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche finden sich bei "Kunst fährt auf Sicht" freilich unzählige komische Details, von denen hier nur noch zwei weitere erwähnt werden können: Gesine Dorschners "Pest und Cholera" stellt zwei koffeinhaltige Brausen in beinahe vertrautem Design gegenüber; Plakate, Gläser und Flaschen sind übrigens wie viele andere Werke auch käuflich zu erwerben. Und Moni Roll hat über den Schreibtischen der früheren Sekretärinnen ihre im Stil alter Cartoons gestaltete Collage "Bubi-Krawatten" aufgehängt.

Der Rathauschef lobt die "sagenhafte Leistung der Künstlergruppe, die mir sehr ans Herz gewachsen ist."

Im Vergleich zu den vorhergehenden Dkade-Aktionen habe man bei diesem Event "ein bisschen größere Löcher gebohrt", sagte Müller-Spaethe bei der Eröffnung am Donnerstagabend vor mehreren hundert Besuchern. Dies sei vor allem den "vielen Leuten, die Energie, Material und Geld gegeben haben" zu verdanken. Müller-Spaethe hob auch die Unterstützung durch Herrschings Bürgermeister Christian Schiller hervor. Nachdem man seit Februar an der Aktion gearbeitet hatte, drohte "Kunst fährt auf Sicht" noch am Abend vor der Eröffnung an den feuerschutzrechtlichen Genehmigungshindernissen zu scheitern - was durch Schillers Einsatz in buchstäblich letzter Minute abgewendet werden konnte. Der Rathauschef wiederum lobte die "sagenhafte Leistung der Künstlergruppe, die mir sehr ans Herz gewachsen ist."

"Kunst fährt auf Sicht" im ehemaligen Firmengelände an der Herrschinger Kientalstraße ist nur noch am Samstag von 10 bis 24 und am Sonntag von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei; Getränke, Kaffee und Kuchen, Crêpes und Wraps sind erhältlich. Das Rahmenprogramm sieht samstags unter anderem Konzerte der Rockbands "The Deed" und "Falschgeld" vor. Am Sonntag werden eigene Veranstaltungen für Kinder angeboten, außerdem tritt das Kabarettduo "Faltsch Wagoni" auf.

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