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Politik im Landkreis Starnberg:Wenn Sieger zu Verlierern werden

Die Grünen haben kräftig zugelegt, trotzdem gelingt es ihnen nicht immer, ihre Kandidaten für Stellvertreterposten durchzusetzen.

Sie strotzen nur so vor Kraft, die Grünen im Landkreis. In vielen Kommunen konnte die Ökopartei bei den Kommunalwahlen im März kräftig zulegen. Doch wie die ersten Gemeinderatssitzungen am Dienstag zeigten, gelingt es den Grünen bislang nicht, die neu gewonnenen Kräfte koordiniert einzusetzen und in kommunalpolitische Posten umzumünzen. So konnte Bernd Pfitzner in Tutzing nicht das angestrebte Amt des zweiten Stellvertreters von Bürgermeisterin Marlene Greinwald erobern - und in Krailling stolperte das mehrheitsfähige Bündnis aus Grünen, SPD und FBK ebenfalls bei der Stellvertreter-Wahl über seine eigenen Füße.

Dabei hatten die Bündnispartner in Krailling taktisch agiert und sich im Vorfeld der Sitzung auf zwei Kandidaten aus ihren Reihen festgelegt. Die vergangenen Jahre hatten Grüne, SPD und FBK stets eine Stimme weniger als CSU, FDP und UWK. Nun hatte sich das Blatt gewendet, und das erstarkte grün-rote Bündnis wollte mit Hilfe der FBK am Dienstag erstmals triumphieren und die CSU - immer noch stärkste Fraktion im Gremium - alt aussehen lassen.

Doch nachdem im ersten Wahlgang wie erwartet die 52 Jahre alte Juristin Ricarda Weimar (Grüne) eine Stimme mehr als die CSU-Kandidatin Pia Muhs erhielt, war man sich in der zweiten Runde offenkundig nicht mehr einig: Der FBK-Kandidat Andreas Zeitlberger unterlag Pia Muhs bei der Wahl des Dritten Bürgermeisters knapp mit einer Stimme. Ein Gemeinderat der Bündnispartner war ausgeschert. Das eben noch kraftvolle Trio war binnen weniger Minuten regelrecht zerbröselt. Noch in der Nacht wurden wütende E-Mails geschrieben, von einem "Vertrauensbruch" ist die Rede und von "menschlicher Enttäuschung".

Eiskalt ausgebremst wurden die Grünen indes in Tutzing. Dabei hatten sich in der Seegemeinde ihre kühnsten Träume erfüllt. Waren sie zuvor nur mit zwei Gemeinderäten vertreten, konnten sie bei der Wahl ihre Mandate auf vier verdoppeln. Damit sind sie nach der CSU, die sechs Gemeinderäte stellt, zur zweitstärksten Kraft in Tutzing aufgerückt - weshalb die Grünen diesmal einen der Stellvertreter-Posten für sich reklamierten. Bürgermeisterin Marlene Greinwald (Freie Wähler) hatte allerdings schon im Vorfeld klar ihren Wunsch geäußert, mit ihrem bisherigen Stellvertreter-Team weiterzumachen. Dementsprechend schlug sie in der Sitzung selbst - "Ich presche da jetzt mal als Bürgermeisterin vor" - Elisabeth Dörrenberg (CSU) und Franz Matheis (Unabhängige Wählergemeinschaft Traubing) vor. CSU-Sprecher Thomas von Mitschke-Collande machte deutlich, dass er natürlich nicht nur die Frau aus den eigenen Reihen für die Richtige hält, sondern auch Matheis. Traubing als "wichtigster Ortsteil mit eigener Tradition und Identität" und mehr als 1000 Einwohnern solle an der Spitze des Rathauses angemessen vertreten sein. Das sieht der neue Gemeinderat der Grünen, Michael Ehgartner, ganz anders. Es gehe um demokratische Verhältnisse im Gemeinderat. Es sei "kein Zeichen des Aufbruchs, wenn die Bisherigen wiedergewählt werden." Seine Parteikollegin Christine Nimbach schlug den 51 Jahre alten Wirtschaftsmathematiker Bernd Pfitzner vor. Der habe vor zwei Jahren als grüner Bürgermeisterkandidat ein zukunftsfähiges Programm für Tutzing vorgelegt. Öffentliche Unterstützung erfuhr Pfitzner von Caroline Krug (ÖDP), der Witwe des 2017 gestorbenen früheren Bürgermeisters Rudi Krug, dessen man vor der Sitzung bei einem ökumenischen Gottesdienst gedacht hatte. Pfitzner selbst, seit sechs Jahren Gemeinderat, Kreisrat und Sprecher der Grünen im Landkreis, verzichtete auf ein Statement.

Während die 68-jährige Elisabeth Dörrenberg ohne Gegenkandidat glatt mit 17 von 21 Stimmen durchging, fiel das Ergebnis in der Kampfabstimmung zwischen Pfitzner und Matheis denkbar knapp aus. Der 55 Jahre alte Tierarzt aus Traubing schaffte mit elf Stimmen nur eine hauchdünne Mehrheit. Auf Pfitzner entfielen sechs Stimmen, einer hatte auf dem Stimmzettel Caroline Krug notiert, drei Stimmen waren ungültig. CSU, Freie Wähler und UWG hatten sich offenbar darauf verständigt, die erstarkten Grünen lieber klein zu halten. Zumal sich Pfitzner auf dem Vize-Posten die Chance geboten hätte, sich so zu profilieren, dass er bei der nächsten Bürgermeisterwahl 2024 Greinwald gefährlich werden könnte. "Es gibt eine große Sorge, sich hier die Konkurrenz für die nächste Wahl heranzuziehen", weiß Grünen-Kreissprecherin Kerstin Täubner-Benicke. Pfitzner vermutet, dass sich das Bündnis der Konservativen gegen die Grünen bei der Wahl der Landrats-Vizeposten fortsetzt.

In Gauting will die CSU auch keinen Grünen Stellvertreter ihrer Bürgermeisterin Brigitte Kössinger - obwohl die Grünen bei den Wahlen fast gleichgezogen waren. Lange bevor der neue Gemeinderat am kommenden Dienstag zur konstituierenden Sitzung erstmals zusammenkommt, plädierte der CSU-Vorstand dafür, den bisherigen Zweiten Bürgermeister Jürgen Sklarek der Gruppierung "Miteinander-Füreinander" im Amt zu bestätigen. "Wir sind jetzt große Fraktionen, wir machen ein bisschen Angst", sagt Grünen-Vorstand Täubner-Benicke. Doch auch wenn die Grundwerte ihrer Partei mitunter unbequem wirkten - "wir waren bislang in allen Gremien an konstruktiven Lösungen interessiert." Und: "Auch die Grünen müssen Mehrheiten finden."

© SZ vom 07.05.2020

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