Süddeutsche Zeitung

Offene Werkstatt Gilching:Paradies für Werkzeug-Fetischisten

Lesezeit: 3 min

Wer hat schon eine CNC-Fräse, ein Sandstrahlgerät oder einen 3-D-Drucker bei sich zuhause? Hobbybastler finden nun in einer ehemaligen Apotheke einen Platz, an dem es sich hervorragend werkeln lässt.

Von Patrizia Steipe, Gilching

Wer hat schon Platz für einen CNC-Frästisch in seiner Wohnung? Oder für 3-D-Drucker, Werkbank, Kreissäge, Standbohrmaschine, Elektro- sowie Metallwerkzeuge? Und wer hat dazu noch das nötige Knowhow, um alle Geräte sachgerecht zu bedienen? Darüber braucht man sich demnächst keine Gedanken mehr zu machen: In der Gilchinger Römerstraße 26 eröffnet ab Donnerstag, 14. Juli, in den Räumen der ehemaligen St.-Vitus-Apotheke jeweils von 17 bis 20 Uhr eine "Offene Werkstatt". Hier können Besucher traditionell oder mit computergesteuerten Fertigungsmethoden etwas bauen oder reparieren, wofür ihnen zu Hause Platz oder Ausrüstung fehlt oder wofür sie fachliche Unterstützung brauchen.

Reparieren statt wegwerfen: Basteln macht nicht nur Spaß, sondern ist auch nachhaltig

Die Idee ist nicht neu. In München feiert beispielsweise das "Haus der Eigenarbeit" (HEi) 35-jähriges Bestehen. Im Landkreis Starnberg gibt es zwar in einigen Gemeinden Repair-Cafés, bei denen sich Bastler Tipps holen können, doch eine eigene Werkstatt fehlt bisher. "Ich plane so etwas schon seit längerem", erklärt Markus Gaja. Der Gilchinger ist nicht nur gelernter Automechaniker und Berufsschullehrer, sondern bezeichnet sich auch als Bastler und Werkzeug-Fetischist. Abgesehen davon, dass Basteln Spaß macht, könne man damit viel sparen. Reparieren statt wegwerfen, Maßanfertigung statt "Billigzeug", Upcycling von überflüssig gewordenen Dingen - das habe alles auch mit Nachhaltigkeit zu tun, weiß Gaja. Nicht zuletzt könne man sich durch handwerkliches Können unabhängig machen. "Alle Menschen profitieren, wenn sie in die Lage versetzt werden, selbst Dinge zu schaffen und Kompetenzen sowie Erfahrungen in handwerklichen Bereichen zu sammeln", heißt es folgerichtig im Konzept der "Offenen Werkstatt".

Am schwierigsten war die Suche nach geeigneten Räumen. Bis September 2023 hat die Raiffeisenbank Gilching nun einen Teil der ehemaligen Apotheke als Zwischennutzung überlassen. Das Werkstatt-Team - bestehend aus etwa sieben Ehrenamtlichen des Gilchinger und des Weßlinger Repair-Cafés - verwandelt die Räumlichkeiten seit Wochen in eine Profiwerkstatt mit verschiedenen Abteilungen. Dazu wurden nicht nur die alten Elektroleitungen erneuert, sondern das Ganze auch mit einem Notfallknopf ausgestattet, mittels dessen in einer Gefahrensituation der Strom zentral ausgeschaltet werden kann.

"Wir sind sicherer und besser ausgestattet als jede private Werkstatt."

Am Eingang steht bereits die Empfangstheke. Eine Wand wurde durchbrochen, und die über Wochen zusammen gesammelten Spenden an Werkbänken, Regalen, Werkzeugen und Maschinen - ein Teil stammt aus dem Fundus der Mitglieder - eingeräumt. "Wir sind sicherer und besser ausgestattet als jede private Werkstatt", freut sich Gaja. Allerdings gibt es auch eine lange Wunschliste mit Dingen, die noch fehlen. Das reicht von Beilagscheiben bis zum Schweißgerät, "gerne auch als Leihgabe", um die Werkstatt zu komplettieren. "Am Anfang starten wir mit Holz- und Metallbearbeitung und Elektronik", sagt Gaja.

Sicherheit geht vor: Bevor die Besucher an die Maschinen dürfen, gibt es eine ausführliche Einweisung, die dokumentiert wird. Auch beim Werkeln steht das Team mit Rat und Tat zur Seite. Wer Lust auf Basteln, aber keine Ideen hat, kann sich vom Werkstatt-Team inspirieren lassen. Bastelzeitschriften und das Internet sind voller Anleitungen für Do-it-yourself, weiß Gaja. Als Beispiel zeigt er seinen selbstgebauten Nistkasten mit integrierter Kamera, mit der man den Bruterfolg von Gartenvögeln verfolgen kann, oder die kleinen Pappmaché-Schachteln, für die zuvor eine 3-D-Form angefertigt wurde. "Das ist eine schöne Bastelarbeit, die man mit Kindern machen kann", erklärt Gaja. Eine andere Idee ist eine selbst gebaute Fotovoltaikanlage - und zwar mit gebrauchten Paneelen. Dafür hat er bereits eine Anleitung gefunden. Und als Gemeinschaftsprojekt plant das Team einen XXL-Schwerlastanhänger für das Fahrrad zu konstruieren, der dann in der Gemeinde für Großtransporte mit dem Radl ausgeliehen werden könnte. Auch einfache Projekte - eine Nut in ein Brett zu fräsen, ein Stuhlbein zu reparieren oder eine verlorene Spielfigur im 3-D-Drucker nachzubauen - sind möglich. Gaja selbst hat einen computergesteuerten CNC-Frästisch gebaut, den er bereitwillig vorführen wird. Zuhause hatte er keinen richtigen Platz für das große Teil. Da ist es praktisch, dass er es als Dauerleihgabe in der "Offenen Werkstatt" aufbauen konnte.

Im ersten Stock der offenen Werkstatt gibt es im "Fablab" (Fabrikationslabor) die 3-D-Druckerei. Die Software, um kleine Einzelstücke oder Ersatzteile zu konstruieren und drucken zu lassen, ist bereits auf den gespendeten Computern geladen. Die Erfolge können dann beim Fachsimpeln im Aufenthaltsraum mit den gemütlichen Sitzmöbeln gefeiert werden.

Der Besuch der "Offenen Werkstatt" ist kostenlos. Material-, Abnutzungs- und anfallende Stromkosten müssen gezahlt werden. Die Werkstatt finanziert sich über die Nutzungs- und Mitgliedsbeiträge sowie Spenden und Förderungen. Demnächst soll es auch einen eigenen Verein mit Namen "Ausgepfuscht" geben: Er ist derzeit in der Gründungsphase.

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