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Landkreis Starnberg:Die Blaukraut-Revolutionärin

Fermentierungsspezialistin Erika Drechsel

Wenn sie Kraut oder Karotten fermentiert, ist das für Erika Drechsel wie "Konservieren ohne Kochen".

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die Gautingerin Erika Drechsel hat sich im Alter von 81 Jahren aufs Fermentieren verlegt - und bringt diese Form des Konservierens von Lebensmitteln auch anderen Menschen näher. Für sie ist dies Ausdruck ihres persönlichen Kampfes gegen den Klimawandel.

Erika Drechsel steht in ihrer Wohnküche. Sie gießt schwarzen Tee in zwei Schüsseln, ganz so wie ihn die Franzosen gern servieren. Auf der Anrichte stehen Keramiktöpfe und Einmachgläser, gefüllt mit Karottenstücken, Blaukraut, Kimchi oder Zitronen. Das ist ihre Art, mit dem Klimawandel umzugehen: Erika Drechsel fermentiert. "Das ist Konservieren ohne Kochen", sagt die 81-Jährige. Sie vermische das jeweilige Gärgut, zum Beispiel die geraspelten Karotten in dem großen Keramiktopf, mit Salz. "Das muss man dann gut unter die Karotten kneten, das bricht die Struktur des Gemüses auf. Das Salz zieht die Mineralien aus den Karotten raus, dadurch entsteht ein Saft. Das Gemüse muss man dann unter diesen Saft drücken, denn nur was unter der Lake ist, wird nicht schimmlig", erklärt sie.

Vor drei Jahren habe sie damit angefangen, erzählt sie, nachdem sie das Buch "Kochen" von Michael Pollan gelesen hatte. "Das Buch geht darum, sich in dem Klimawandel selbst zu retten", sagt sie in ernstem Ton, "es geht also ums Überleben." Ihr Gemüse baut sie selbst an, statt Dahlien hat sie Erbsen im Garten. Das Fermentieren ist für Drechsel eine Möglichkeit, den Überschuss bei der Ernte länger haltbar zu machen und nichts wegzuwerfen. Dieses Denken habe sie schon in der Nachkriegszeit gelernt, sagt sie. Damals habe die Köchin ihrer Familie noch alles eingekocht, um es zu konservieren. Dabei aber gingen viele Nährstoffe verloren, so Drechsel - beim Fermentieren eben nicht.

Neben dem praktischen habe das Fermentieren aber auch einen politischen Aspekt, erklärt die 81-Jährige. Man untergrabe dadurch die Lebensmittellobbys, die es nur auf Profit und nicht auf die Gesundheit der Menschen abgesehen hätten. Die Gesundheit, das ist beim Fermentieren auch ein wichtiger Punkt: "Durch das Fermentieren wird das Gemüse verdaulicher. Zum Beispiel die Schärfe von Zwiebeln: Die bleibt, aber sie beißt nicht mehr."

Ihr gesamtes Wissen hat Drechsel aus einem Stapel Bücher, der neben ihr liegt. "Die habe ich alle in einem Jahrhundert gelesen, in dem ich eigentlich gar nichts neues mehr ausprobieren wollte", sagt sie halb bedauernd, halb verschmitzt. Vor der Fenstertür, die zum Garten hinausführt, steht ein Huhn. "Ich darf nicht vergessen, die Hühner um halb fünf zu füttern", sagt sie. "Am liebsten essen sie Hirse." Trotz ihrer 81 Jahre wirkt Drechsel munter. Sie habe ihr ganzes Leben lang gelesen, erzählt sie, einen Fernseher habe sie nie gehabt. Die Belesenheit merkt man ihr an, sie wählt ihre Worte präzise und bewusst, zwischendurch blitzt immer wieder unerwartet recht trockener Humor hervor.

"Auf einem Greenpeace-Magazin habe ich einen Satz gesehen, der in mir was ausgelöst hat: 'Tu' was!' stand da", erzählt sie, "und ich hab mich gefragt: Ja, was tu' ich denn eigentlich?". Also beschloss sie, ihr Wissen um die Kunst des Fermentierens an andere weiterzugeben. Dafür organisierte sie an drei Wochenenden hintereinander Workshops. Das Referieren und Erklären liege ihr, ihr ganzes Leben habe sie als Lehrerin gearbeitet, vier Jahre davon in Frankreich. Zu Zeiten der 1968-er Bewegung ist sie zurück nach Deutschland gekommen, "hier war sie lebendiger als in Frankreich."

Aber auch nach dieser Zeit engagierte sie sich politisch und gesellschaftlich: In den 1970-er Jahren war Drechsel deutschlandweit einer der führenden Köpfe bei der Anti-Apartheid-Bewegung der Pfarrfrauen. Die leisteten Boykott, indem sie etwas Profanes und durchweg Alltägliches politisierten: Das Einkaufen. Sie kauften kein südafrikanisches Obst und Gemüse mehr, um Kritik an der Zusammenarbeit der Bundesregierung mit dem Apartheid-Regime zu üben, bis einzelne Läden die Waren aus dem Sortiment nahmen. Die Bewegung der Pfarrfrauen arbeitete eng mit Bischof Desmond Tutu zusammen, einem südafrikanischen, anglikanischen Geistlichen und Menschenrechtler, der in der Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika eine wichtige Rolle spielte. Auch mit Nelson Mandela standen die Pfarrfrauen in Kontakt. Dabei mussten sich viele Frauen gegen ihre Männer durchsetzen, die oftmals gegen die politische Betätigung ihrer Ehefrauen waren, erzählt Drechsel. "Aber so ist das, jede Revolution muss auch in der eigenen Familie passieren."

Das ist ihrer Ansicht nach die Quintessenz jedes politischen Handelns. Das müssten auch die Kinder verstehen, die sich in Gauting für Fridays for Future engagieren, so Drechsel. "Ich kann mich doch nicht von den Eltern im SUV zu einer Klimaschutzdemo fahren lassen, das ergibt doch keinen Sinn, da müssen die Kinder ihre Eltern auch mal boykottieren." Ob sie am Freitag den Kindern auf der Demo beistehen wird? "Nein, ich würd' ja bloß heulen, wenn ich mir deren Zukunft vor Augen halte. Und dann würd' ich wieder nur dastehen und nichts bewirken."