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Sieben-Tage-Inzidenz steigt:Landkreis Starnberg plant schärfere Corona-Regeln

Coronavirus - München - Maskenpflicht

Eine Maskenpflicht im Freien - wie hier in München - könnte es im Landkreis Starnberg etwa an den Seepromenaden geben. Gemeinden und Polizei prüfen, welche Orte in Frage kommen.

(Foto: dpa)

Maskenpflicht etwa auf Seepromenaden bei schönem Wetter und weniger Gäste bei Treffen: Landrat und Behördenvertreter beraten am Freitag über eine neue Allgemeinverfügung. In den Kliniken werden wieder Patienten stationär behandelt.

Von Astrid Becker und David Costanzo

Claudia Aumiller klingt verzweifelt. Seit Wochen plant die Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands die Hochzeit ihres Sohnes an diesem Freitag. Insgesamt 20 Gäste - nur die engsten Angehörigen von Braut und Bräutigam - will sie an diesem Tag bei sich zu Hause in bewirten. Doch die Betreiberin der Pension "Jakl-Hof" im Wörthseer Ortsteil Steinebach befürchtet, ihre Familienfeier ganz kurzfristig absagen zu müssen: "Das Landratsamt hat uns am Donnerstag noch gesagt, dass die Hochzeit in dieser Form möglich ist, aber es gut sein könne, dass sich das schon am Freitagmorgen ändere."

Weniger Gäste bei Feiern, Maskenpflicht zum Beispiel auf Seepromenaden und Plätzen, Sperrstunden und Alkoholverbote: Nachdem die Staatsregierung strengere Corona-Auflagen vorgibt, plant der Landkreis eine weitere Verschärfung seiner Regelungen - und die müssen noch strikter gefasst werden, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz über den Risikowert von 50 Infektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb einer Woche steigt.

"Wir laufen mit voller Fahrt darauf zu", sagt der Starnberger Pandemiebeauftragte und Klinikchef Thomas Weiler. Denn aufgrund der Inkubationszeit seien die Fälle der kommenden fünf Tage programmiert, die Menschen seien bereits infiziert - strengere Vorgaben könnten erst danach wirken. Nach einem praktisch Coronavirus-freien Sommer in den Kliniken würden derzeit wieder zwei Infizierte und zwei Verdachtsfälle im Landkreis stationär behandelt. In Nachbarlandkreisen lägen auch Patienten auf der Intensivstation.

Am Donnerstag hat das Landratsamt 15 neue Fälle in acht Gemeinden registriert. Die Inzidenz wächst um eineinhalb Punkte auf 42,44 und nähert sich dem Risikowert. Bereits am Montag hatte der Landkreis den Warnwert von 35 überschritten, darum gelten seit Mittwoch neue Regeln: Schüler müssen von der fünften Klasse an Masken im Unterricht tragen, das gilt auch für Erzieherinnen und Erzieher in Kitas. Private Treffen sind auf 25 Teilnehmer beschränkt, Feiern in öffentlichen, geschlossenen Räumen auf 50 Teilnehmer und 100 im Freien.

An diesem Freitag bereits beraten Landrat Stefan Frey (CSU), Gesundheitsamtsleiter Lorenz Schröfl und Klinikchef Weiler zusammen mit Behördenvertretern in der Koordinierungsgruppe über eine weitreichendere Allgemeinverfügung. Zwingend umgesetzt werden müssten die Vorgaben der Staatsregierung ab dem Warnwert von 35 Infektionen, sagt Landratsamtssprecher Christian Kröck. Gemeinden und Polizeiinspektionen prüften bereits, an welchen belebten Orten die Maskenpflicht auch im Freien vorgegeben werden könnte. Herrschings Bürgermeister Christian Schiller hält diese in seiner Gemeinde "am ehesten" an der Seepromenade bei schönem Wetter oder am Bahnhof während des Wochenmarkts für möglich. Maskenpflicht soll künftig auch bei Sport- und Kulturveranstaltung herrschen.

Die Sperrstunde soll auf 23 Uhr vorgezogen werden, dann dürfen auch die Tankstellen keinen Alkohol mehr verkaufen. In der Öffentlichkeit darf dann auch kein Alkohol mehr getrunken werden.

Das Landratsamt wartet derzeit noch auf genauere Angaben zu privaten Treffen und Feiern. Da dürfen laut Staatsregierung künftig nur noch Mitglieder von zwei Haushalten oder höchstens zehn Personen zusammenkommen. Für die Menschen im Landkreis könnte das eine Verschärfung bedeuten, denn bislang sind je nach Veranstaltungsort 25 bis 100 Teilnehmer erlaubt. Die erweiterte Allgemeinverfügung soll am Freitagnachmittag veröffentlicht werden und von Samstag an gelten.

Sollte der Risikowert von 50 gerissen werden, hat Landrat Frey bereits am Montag noch strengere Vorgaben angekündigt. Dann sollen sich nur noch fünf Personen privat treffen dürfen. So sieht es auch die Staatsregierung vor. Sperrstunde und Alkoholverbot würden dann auf 22 Uhr vorgezogen. Auch Freys "dringende Empfehlung", dass Bewohner von Senioren- und Pflegeeinrichtungen nur noch von einer Person täglich besucht werden sollten, könnte dann zur Vorschrift werden.

Claudia Aumiller vom Jakl-Hof in Wörthsee, 2020

Claudia Aumiller vom Hotel- und Gaststättenverband kritisiert die Vorgaben für die Gastronomie.

(Foto: Franz-Xaver Fuchs)

Derzeit gelten 100 Menschen im Landkreis als erkrankt - von den 911 seit Beginn der Pandemie Betroffenen sind 811 genesen. Fünf der neu Infizierten stammen aus Gauting, darunter zwei vorherige Kontaktpersonen sowie zwei Reiserückkehrer aus Bosnien und dem Irak. Zwei Feldafinger waren dem Virus im Landkreis ausgesetzt. Zwei Infektionen gab es in Gilching, darunter eine Kontaktperson, in einem Fall ist der Übertragungsweg unbekannt. In zwei Fällen wohnen die Betroffenen in Tutzing, einer hat sich womöglich im Landkreis angesteckt, beim anderen ist der Ort unbekannt. Je eine Infektion wurden verzeichnet in Wörthsee, Pöcking und Krailling - alle haben sich wohl im Landkreis angesteckt. Bei einem Starnberger war dies vermutlich in Berlin der Fall.

Steigende Infektionszahlen und ein baldiges Überschreiten der Inzidenz im Landkreis auf mehr als 50 hält auch Claudia Aumiller für recht wahrscheinlich. Dennoch kritisiert sie die schärferen Regeln, die die Staatsregierung für die Gastronomie vorgibt: "Ich kann das nicht mehr nachvollziehen", sagt sie. Die vorgezogene Sperrstunde treffe zwar nicht viele Wirte im Kreis, weil ohnehin die meisten früher zusperrten. Aber: "Was bringt es denn, wenn die Leute dann trotzdem zu Hause weiter feiern: ohne Hygienekonzept, ohne Abstandsregeln, ohne Maske?" Sie wisse von niemandem, der sich in einer Gaststätte oder einem Hotel im Landkreis angesteckt habe: "Eben, weil wir unsere Hausaufgaben gemacht haben." Auch das Beherbergungsverbot kann sie schon allein aus wirtschaftlichen Gründen nicht gutheißen. In den kommenden Tagen sollte sie 30 Übernachtungsgäste bekommen: "Die haben jetzt storniert, diesen Verlust kann ich bald nicht mehr verkraften. Was jetzt geschieht, ist zwar auf dem Papier kein Lockdown, in der Praxis aber schon."

© SZ vom 16.10.2020

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