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SZ-Adventskalender:Wenn das Ersparte aufgebraucht ist

Die wenigen schönen Momente in diesem Jahr beschert der 20 Monate alte Henry (Namen geändert) der Familie. Vater Martin S. würde 2020 nach der Krebserkrankung seiner Frau und der Corona-Krise am liebsten abhaken.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die Mutter erkrankt an Brustkrebs, der Vater kann wegen der Pandemie nicht als Schwimmlehrer arbeiten. Das Einkommen reicht der Familie nicht zum Leben, dabei sind dringende Anschaffungen nötig.

Von Carolin Fries

"Zum Abhaken." Viel mehr Worte hat Martin S. (Namen und Ort von der Redaktion geändert) nicht übrig für dieses sich neigende Jahr. Seine Frau Franka ist da nachsichtiger. "Es gab auch schöne Momente." Insgesamt aber hat es die Familie in den vergangenen Monaten nicht leicht gehabt. Erst erkrankt die 32-Jährige im Januar an Brustkrebs, dann kann ihr Mann coronabedingt seit Ende März nicht beziehungsweise nur kurzzeitig als Schwimmlehrer arbeiten. Dass die beiden an diesem Novembermorgen am Frühstückstisch in ihrer Wohnung trotzdem lachen, liegt an ihrem 20 Monate alten Sohn Henry, der die Marmelade großzügig über sein halbes Gesicht verteilt.

Franka kann sich noch genau erinnern, wie sie den Knoten in der Brust beim Stillen getastet hat. Zwei mal zwei Zentimeter groß, wie sich später im Krankenhaus herausstellen sollte. Die Ärzte geben der jungen Mutter eine gute Prognose. Im Februar beginnt die Chemotherapie, die bis Anfang Juli dauert. Franka S. ist geschwächt, ihr Immunsystem leicht angreifbar, als die erste Corona-Welle Deutschland Ende März in den Lockdown zwingt.

Wenn Franka S. nicht in die Klinik muss, bleibt sie zu Hause. Die Haushaltshilfe, die die Familie während der ersten Therapiewochen unterstützt hat, kommt jetzt nicht mehr. Es ist Glück und Unglück zugleich, dass die Bäder schließen müssen und Martin S. zu Hause bei seiner kranken Frau und Henry sein kann. Auch wenn der selbständige Unternehmer, der nur geringfügig bei einem Bäderbetrieb in München angestellt ist, damit kaum Geld verdient. 200 Euro Kurzarbeitergeld sind alles, was der Familie derzeit monatlich bleibt.

Wenn die Eltern arbeitslos werden, treffe es immer auch die Kinder, sagt Friedrich Büttner, Leiter des Starnberger Sozialamtes. Zwar sei die Armutsdichte in der Altersgruppe der Ein- bis 15-Jährigen 2019 leicht zurückgegangen, doch im Coronajahr würde sich das wieder ausgleichen. Von 10 000 Menschen in dieser Altersgruppe haben im vergangenen Jahr 370 Sozialleistungen bezogen, längst trifft es nicht mehr nur Migrationsfamilien. Der Landkreis versucht seit Jahren gegenzusteuern und unterstützt mit jährlich zuletzt knapp 270 000 Euro für Bildung und gesellschaftliche Teilhabe. "Geld, das wir gerne ausgeben", wie Büttner betont. Denn "Kinder haben das größte Armutsrisiko" und schafften es ohne Hilfe kaum aus der Armutsspirale.

Franka und Martin S. beziehen keine Sozialleistungen, sie haben lediglich das Angebot einer Familienhebamme in Anspruch genommen, die die Koordinierende Kinderschutzstelle vermittelt hat. Sie leben seit Monaten von dem, was sie angespart hatten und dem, was sie geschenkt bekommen. "Oft haben Freunde für uns eingekauft und uns die Einkäufe dann geschenkt", erzählt Franka S.

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Sie selbst geht nicht unter Leute. Die Gefahr, sich während der Therapie mit dem Coronavirus oder anderen Erregern anzustecken, wäre zu groß. "Die erste Zeit nach der Diagnose war am schlimmsten, ich stand so unter Schock." Die starken Medikamente verträgt sie mal besser und mal schlechter. Wenn genug Kraft da ist, genießt sie den Garten, wo sie Gemüse angebaut hat. Ihr Mann Martin verarbeitet die Äpfel, Henry liebt das Obst gedörrt.

Franka S. hat die Chemotherapie inzwischen überstanden und auch die operative Entfernung des Brustgewebes. Die Haare und auch die Zuversicht wachsen wieder. Eine OP steht vor Weihnachten noch an, im kommenden Jahr sind dann Eingriffe zu Aufbau und Rekonstruktion der Brust geplant. In ihren Job als Ergotherapeutin kann sie noch nicht zurück, die Chemotherapie hat ihre Gelenke angegriffen. Franka S. hat darum Frührente beantragt, zunächst bis Ende 2021. Sie will sich zurückkämpfen, braucht aber noch Zeit.

Martin S. hat für November und Dezember einen Minijob bei einem Freund gekriegt, er arbeitet von zu Hause aus am Computer. Das Ersparte ist aufgebraucht, Martin S. hofft, bald wieder in seinem Beruf arbeiten zu können - auch, um notwendige Anschaffungen bezahlen zu können. Momentan fehlt das Geld, um das Auto in Schuss zu halten, damit die Familie weiter mobil bleiben kann. Es fallen nämlich immer noch viele Fahrten in die Klinik oder zum Arzt an.

© SZ vom 28.11.2020
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