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Lager für Displaced Persons in Feldafing:Ignorierte Weltgeschichte

Leonard Bernstein dirigierte 1948 ein Konzert im Lager.

(Foto: Arlet Ulfers)

Von Ende April 1945 an kommen jüdische KZ-Häftlinge in Feldafing unter. Eisenhower und Ben-Gurion besuchen das Camp, der junge Leonard Bernstein dirigiert dort ein Konzert. Doch bisher hat es noch keine Gedenkfeier der Gemeinde gegeben.

"Ich wurde in Bayern befreit, zwischen Tutzing und Feldafing", erinnert sich Ernest Landau. Der 1916 in Wien geborene Journalist hatte mehrere Konzentrationslager überlebt. "Wir befanden uns gerade auf einem Transport, der irgendwo ins Tirolische gehen sollte, glaube ich, jedenfalls in die Berge, in eine sogenannte Werwolfstellung. Aber so weit kam es nicht. Es war der 1. Mai, der Abend des 1. Mai 1945, wir befanden uns zwischen Tutzing und Seeshaupt, auf der Bahnstrecke, in einem Zug, der aus lauter Güterwaggons bestand. Ungefähr hundert Menschen waren in jedem dieser Waggons eingepfercht."

Es war wohl nicht der 1. Mai, sondern der Abend des 30. Aprils 1945, als amerikanische Soldaten Ernest Landau und seine Mitgefangenen befreiten. Sie wollten die völlig entkräfteten, kranken oder schwer verletzten Menschen zunächst in Tutzing unterbringen, wurden dann aber auf die leer stehenden Gebäude der "Reichsschule der NSDAP" in Feldafing aufmerksam gemacht. Dort richteten sie eines der ersten Lager für sogenannte Displaced Persons (DP) ein - Überlebende des Holocaust, die durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und den Krieg entwurzelt waren. Sie fanden noch die Kleidung der NS-Schüler in den Schränken.

Erst 75 Jahre danach hätte es am Wochenende vom 8. bis zum 10. Mai die erste Gedenkveranstaltung zur Gründung des DP-Lagers geben sollen - das Programm fällt nun wegen der Corona-Pandemie aus. Federführend für die Organisation war ein Arbeitskreis um die Feldafinger Historikerin Eva-Maria Herbertz und die Künstlerin Claudia Sack. Herbertz hatte auch ein Projekt mit Schülern der Gymnasien in Tutzing und Starnberg angestoßen, das nun ebenfalls auf Eis liegt. Sack hatte über verschiedene Netzwerke Kontakt zu einigen der insgesamt 750 Menschen aufgenommen, die zwischen 1946 und 1951 im DP-Lager geboren wurden. Einige der ehemaligen "Feldafing-Babys", die heute in den USA und in Israel leben, wollten mit ihren Familien kommen. "Wir haben ungefähr 15 Gäste erwartet", sagte Sack.

Der Ortsplan des Lagers in Feldafing.

(Foto: Arlet Ulfers)

"Wir wollten ausdrücklich ein Ereignis feiern, durch das jüdische Mitbürger ins Leben zurückgefunden haben, und nicht an einen Krieg erinnern", sagt Bürgermeister Bernhard Sontheim. Er spricht aufgrund der Umstände eher von einer Absage als von einer Verschiebung: "Wir wissen nicht, wie es weitergeht, und können keinen neuen Termin nennen." Er habe vor, die NS-Geschichte Feldafings nach dem Vorbild der Nachbargemeinde Pöcking wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Er schränkte jedoch ein: "Wir müssen schauen, ob wir uns das nach Corona leisten können."

Mindestens 250 000 KZ-Häftlinge waren in den letzten Kriegstagen entweder ohne Nahrung und Wasser in Eisenbahnwaggons oder aber zu Fuß auf den sogenannten Todesmärschen unterwegs. Wenige Tage oder gar Stunden vor dem endgültigen Untergang des NS-Staates ermordeten die SS-Bewacher erschöpfte Häftlinge oder sie flüchteten und überließen die Eingesperrten ihrem Schicksal. Einer dieser Häftlingszüge blieb in Seeshaupt liegen und wurde erst am nächsten Morgen von einem Trupp der Panzerarmee General Pattons geöffnet. Ein weiterer Zug stand kurz vor Tutzing.

Ein Colonel der US-Armee befahl dem Feldafinger Bahnhofsvorsteher Georg Karl, die Weiterfahrt des Zuges nach Feldafing zu veranlassen. Der aber schlug vor, ihn schon vor dem Bahnhof, direkt oberhalb des Schulgeländes anzuhalten. Noch bis kurz vor Kriegsende hatten die Nazis dort ihre "Reichsschule" betrieben, eine Eliteeinrichtung der NSDAP. Die letzten Schüler reisten erst Ende April ab. Wenige Tage später kamen auf dem Schulgelände die befreiten Häftlinge aus Konzentrationslagern unter. Die Überlebenden, die nicht mehr selbst gehen konnten, wurden über notdürftig zusammengebaute Rutschen über den Bahndamm transportiert.

In jener Nacht Ende April wurden in Feldafing schlagartig die dunkelsten Seiten des NS-Regimes sichtbar. Ruth Koch, die ganz in der Nähe auf dem "Sonnenhof" lebte, schrieb an Allerheiligen 1945 in einem Brief, der heute im Archiv der Gemeinde Feldafing liegt, die Häftlinge in ihren schmutzigen Sträflingskleidern seien über den Bahndamm "gekrochen". Sie waren "struppig, verkommen, unheimliche und finstere Gestalten, Ursache und Sinnbild des deutschen Schicksals, und uns, die wir dies erkannten, stieg das Entsetzen und Grauen gewaltig vor dem sehenden inneren Auge auf!"

Auf Feldafing war während des Zweiten Weltkriegs keine einzige Bombe gefallen. Man sei nachts oft im Freien gestanden und habe sich "das Feuerwerk über München angeschaut", erinnerte sich Jahrzehnte später eine Bewohnerin der Villenkolonie. Von den Baumaßnahmen, aber auch vom laufenden Betrieb der Reichsschule hatten Handwerker und Geschäftsleute im Ort gut gelebt. Der Einmarsch der US-Truppen, der vielerorts als Befreiung empfunden wurde, versetzte die Bewohner Feldafings in Angst und Schrecken. Bei Androhung schlimmster Repressalien wurden sie gezwungen, innerhalb von zwölf Stunden 2000 Betten in den sogenannten Sturmblockhäusern auf dem Gelände der Reichsschule aufzustellen. Vorher mussten die Gebäude - in einigen waren gegen Ende des Krieges Münchner Industriebetriebe ausgelagert gewesen - geräumt und geputzt werden. Alle privaten Haushalte mussten Decken und Bettwäsche abgeben, einige Tage später auch Zivilkleidung. Herbertz berichtet von 400 Herrenanzügen, die gesammelt wurden. Die befreiten Häftlinge sollten auf Anweisung der US-Armee vor dem Betreten der Unterkünfte duschen und mit DDT behandelt werden. Dabei kam es zu schrecklichen Szenen. In einer Gruppe von ungarischen Frauen brach vor den Duschräumen Panik aus, weil sie dachten, sie würden in die Gaskammer getrieben, berichtet Ruth Koch, die als Rotkreuzhelferin dabei war.

Für seine Bewohner wurde "Camp Feldafing" zum Sinnbild für den Beginn eines neuen Lebens. Ernest Landau schreibt, dass die Bewohner selbst versuchten, die anfangs chaotischen Zustände zu ordnen. Sie stellten eine Lagerpolizei auf, später legten sie eine Kartei mit den Namen aller Bewohner an, um im Austausch mit anderen Lagern Familienangehörige und Freunde zu finden. Die Namenslisten wurden als Buch unter dem Titel "She'erit Hapletah" herausgegeben: "Die letzten Überlebenden", so nannten sich die Juden, die den Holocaust überstanden hatten. Als im Lauf des Sommers immer mehr jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa ankamen, entstand in Feldafing das erste ausschließlich jüdische DP-Lager in der US-Zone Deutschlands. Das Zentralkomitee der befreiten Juden wurde hier gegründet. In Feldafing wurde in diesen Jahren nicht nur Weltgeschichte geschrieben, es gab auch eine blühende jüdische Kultur.

Nach einem Wasserschaden in einem der Sturmblockhäuser tauchte 2011 das Wandbild auf. Die Übersetzung aus dem Buch Jesaja lautet: "Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn."

(Foto: Arlet Ulfers)

Ernest Landau, der später unter anderem Chefredakteur der deutsch-jüdischen Zeitung "Neue Welt" wurde, heiratete im Mai 1945 im DP-Camp Feldafing. Manche Familien fanden hier wieder zusammen, bald wurden Kinder geboren. Auf dem Schulgelände entstanden eine Synagoge, eine Mikwe, ein rituelles Tauchbad, und eine Jeschiwa, ein jüdisches Krankenhaus, ein Kindergarten und mehrere Schulen. Die Bewohner gaben Zeitungen heraus, spielten Theater, machten Musik und gründeten Sportvereine. Es kursierte sogar eine eigene Währung, der "Feldafinger Dollar".

Für die einheimische Bevölkerung Feldafings aber begannen mit dem Kriegsende die Jahre, die "den Ort an den Rand des Ruins gebracht" haben, so zumindest die Einschätzung von Ruth Koch. Gleich in den ersten Maitagen sei es zu Plünderungen in einigen Läden und zu Zusammenstößen gekommen, berichtet sie: "Mit Genehmigung des Commanders wird eine Einwohnerwehr gebildet, die, mit Armbinden versehen, Posten vor die Geschäfte stellt. Diese sollen bei künftigen Übergriffen die 'Security-Police' benachrichtigen, welche mit einigen Jeeps dauernd auf den Straßen zwischen Lager und Dorf unterwegs und somit erreichbar ist." Trotzdem seien die "plündernden Rotten" kaum zu bändigen gewesen.

Sie schreibt: "Man geht mit Rucksack, da man Taschen und Netze sehr leicht loswerden kann, und man meidet die Straße. In den Nachbargärten findet eine heftige Schießerei statt, und die Amerikaner jagen die Juden, die versucht haben, Vieh aus einem Stall zu stehlen, kurzerhand mit scharfen Schüssen die sehr steile Bahnböschung hinunter. Am Nachmittag kommt endlich etwas Ruhe über das Ganze, denn das Schweizer Rote Kreuz hat an jeden Häftling ein 5 kg Lebensmittelpaket verteilt."

Als Währung kursierte der "Feldafinger Dollar.

(Foto: Arlet Ulfers)

Der Umgang mit den Überlebenden der Konzentrationslager war alles andere als einfach. In einer Zeitschrift, die das War Department herausgab, wird beschrieben, wie schwierig es war, "Leute zu verstehen und zu mögen, die schubsten, schrien, um Essen rauften, schlecht rochen, Befehlen weder gehorchen konnten noch wollten; die in Kellern, KZ-Baracken oder primitiven Höhlen saßen, einen abgestumpften Ausdruck hatten und sich weigerten, auf Befehl herauszukommen." Viele DPs konnten in den ersten Wochen nichts anderes tun, als essen und schlafen. Sie mussten sich erst wieder an normale Nahrung gewöhnen, oft wurden sie krank davon. Eine Typhusepidemie breitete sich aus.

Eva-Maria Herbertz wies auch darauf hin, wie schwer Feldafing im Mai 1945 von französischen Panzerverbänden heimgesucht wurde, die drei Wochen lang Quartier am Starnberger See bezogen. Bei ihrem Abzug hinterließen sie eine "verwüstete Ortschaft", wie Ruth Koch schreibt. Sie hatten mit ihren Panzern Straßen zerfurcht, Hecken durchbrochen und Gärten zerstört.

Und nicht nur das: "Überall liegen Munition, Gewehre, Patronengürtel, Maschinengewehrteile, Panzerketten, Geschirr und vieles andere. Durch die erlaubten Quartier-Plünderungen brauchten die Soldaten Platz innerhalb ihrer Fahrzeuge für ihre Beute, deshalb warfen sie ihr Kriegsmaterial kurzerhand hinaus. (...) In der letzten Nacht haben sie sich barbarisch benommen." Ruth Koch verlor ihren zwölfjährigen Sohn, der auf einer Wiese aus den Hinterlassenschaften der Soldaten einen "Stock" herauszog - der jedoch eine Phosphor-Handgranate war und explodierte. Er starb wenige Tage später an seinen schweren Verbrennungen.

Mehr als 6000 Menschen lebten im Sommer 1945 auf engstem Raum im DP-Lager Feldafing. Im Juni inspizierte Earl G. Harrison, von Präsident Truman als Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen entsandt, die DP-Lager in der US-amerikanischen Besatzungszone. Er berichtete, dass die Überlebenden denkbar schlecht untergebracht und versorgt seien und dass viele auch drei Monate nach der Befreiung noch ihre Häftlingskleidung tragen müssten. Im September 1945 reiste General Dwight D. Eisenhower persönlich nach Feldafing, um sich ein Bild von den Lebensumständen dort zu machen. Im Oktober besuchte David Ben-Gurion das Camp.

Feldafing Kaserne Fernmeldeschule

Eines der Sturmblockhäuser.

(Foto: Georgine Treybal)

Im November übernahm die internationale UN-Hilfsorganisation United Nations Relief and Rehabilitation Administration die Verwaltung aller DP-Lager in der amerikanischen Besatzungszone. Im Herbst wurden daraufhin in Feldafing die Villen der Reichsschule und weitere Privathäuser zur Unterbringung von DPs beschlagnahmt. Die Feldafinger, die ihre Häuser verlassen mussten, konnten oft nur das Nötigste mitnehmen. Ruth Koch schreibt, dass von den 219 Häusern, aus denen Feldafing damals bestand, insgesamt 90 requiriert worden seien.

Der Unmut unter den Einheimischen wuchs. Waren sie anfangs nur über die bessere Versorgung der DPs mit Lebensmitteln verärgert, so mussten sie in den folgenden Monaten zusehen, wie sich auf der Zufahrtsstraße zum Lagergelände, der heutigen Siemensstraße, ein blühender Schwarzmarkt etablierte. Im kalten Winter 1945/46 mangelte es überall an Heizmaterial. Die DPs verheizten in ihrer Not Möbel, Böden und Türen, in die Außenwände der Häuser wurden Löcher für die Abzugsrohre provisorischer Öfen geschlagen.

Höhepunkt der in diesem Jahre geplanten Gedenkveranstaltung wäre ein Konzert gewesen, mit dem genau am Jahrestag an den 10. Mai 1948 erinnert werden sollte: Damals dirigierte der junge Leonard Bernstein im Feldafinger DP-Lager ein Matinee-Konzert mit Musikern der "She'erit Hapletah", am Abend fand eine zweite Aufführung in Landsberg statt. Wie Claudia Sack berichtet, hätte das Musikerpaar Raphaela Gromes und Julian Riem Teile des Programms von damals gespielt, außerdem Musik von Gershwin und das "Kol Nidrei" von Max Bruch.

Eva-Maria Herbertz, Bernhard Sontheim und Claudia Sack arbeiteten an einer Gedenkveranstaltung, die abgesagt werden musste.

(Foto: Arlet Ulfers)

Wenige Tage nach dem Konzert von 1948 wurde der Staat Israel gegründet. Auch für andere Länder wurden bald darauf die Einwanderungsbedingungen gelockert. Das Feldafinger Lager leerte sich nach und nach. Im April 1951 hatte es noch 1585 Bewohner. Als jüdisches DP-Lager bestand es vermutlich nur bis Ende Mai 1951, danach kamen auch wieder nicht-jüdische DPs verschiedener Nationalitäten nach Feldafing. Im Dezember 1951 wurde das Lager einer deutschen Verwaltung unterstellt und in "Regierungslager für heimatlose Ausländer" umbenannt. Ende Februar 1953 wurde es endgültig geräumt und aufgelöst. 1959 übernahm die Bundeswehr das Gelände und nutzte es als Fernmeldeschule, heute dient die Kaserne als Schule für Informationstechnik.

Ursprünglich wollte die Bundeswehr Ende dieses Jahres abziehen, die Gemeinde plant hunderte Wohnungen auf dem 32 Hektar großen Areal - das entspricht 45 Fußballfeldern. Unter anderem sollen in den acht denkmalgeschützten Sturmblockhäusern aus dem Jahr 1938 kleine Appartements und Stadtvillen entstehen. Doch nun ist der Zeitplan wieder offen. 2011 fand sich nach einem Wasserschaden in einem der Häuser eine Wandzeichnung mit einem Davidstern und einer Menora, dem siebenarmigen Leuchter. Die Bundeswehr hat dort eine Dokumentation eingerichtet. In Feldafing selbst gibt es immer noch keinen Erinnerungsort für das DP-Lager.

© SZ vom 30.04.2020

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