Kunst:Ohnmacht und Kreativität

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Kunst: Bilder des 2009 verstorbenen Malers Walter Raum werden im Marstall Berg gezeigt. Organisiert hat die Ausstellung sein Sohn Tobias, hier neben einem Selbstbildnis seines Vaters.

Bilder des 2009 verstorbenen Malers Walter Raum werden im Marstall Berg gezeigt. Organisiert hat die Ausstellung sein Sohn Tobias, hier neben einem Selbstbildnis seines Vaters.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Im Berger Marstall sind Bilder des großen Malers Walter Raum zu sehen, der nach seinem Tod 2009 vom Kunstmarkt vergessen worden ist. Zu Unrecht, wie die Ausstellung zeigt.

Der Kunstmarkt hat Walter Raum so gut wie vergessen. Schon in seinen letzten Lebensjahren war es still geworden um diesen großen Maler, der in Achmühle bei Wolfratshausen lebte und 2009 starb. Jetzt würdigt ihn sein Sohn Tobias Raum abseits des Münchner Galeriegeschehens noch einmal mit einer Ausstellung: Unter dem Titel "The Roaring Sixties" zeigt er im Berger Marstall eine Auswahl großformatiger Arbeiten aus den 1960er Jahren.

Kunst: Verknotete Seile...

Verknotete Seile...

(Foto: Franz Xaver Fuchs)
Kunst: ...und Schriftspuren: Bilder von Walter Raum.

...und Schriftspuren: Bilder von Walter Raum.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Walter Raum, 1923 in Hersbruck geboren, wurde mit noch nicht mal 18 Jahren unfreiwillig Soldat. Das Trauma des Fronteinsatzes sollte wie bei so vielen seiner Generation sein gesamtes weiteres Leben bestimmen. In der unmittelbaren Nachkriegszeit studierte er Malerei, zunächst in Nürnberg, dann in Karlsruhe und schließlich bis 1954 bei Xaver Fuhr in München. Es folgte ein beinahe kometenhafter Aufstieg: 1958, er war gerade 34, waren seine Bilder in der Gruppenausstellung "Junge europäische Kunst" auf der 29. Biennale von Venedig im italienischen Pavillon zu sehen. Einladungen zur 1. Biennale de Paris von 1959, zur 21. International Watercolor Biennale in New York im Jahr 1960 und zu zahlreichen weiteren, auch internationalen Ausstellungen ergaben sich daraufhin. Seit 1963 verheiratet, verließ Walter Raum Mitte der Sechzigerjahre München und zog in ein Haus mit Atelier nach Achmühle, wo 1967 der einzige Sohn Tobias zur Welt kam.

In der Abgeschiedenheit des Loisachtals entstand in den folgenden vier Jahrzehnten ein umfangreiches Werk, das die Zeitströmungen zwar keineswegs ausblendet, aber dennoch vom fortwährenden Ringen um einen eigenen Weg geprägt ist. "Sichtbarmachung existenzieller Hintergründe ist das, worum es mir als Maler geht", sagte Walter Raum selbst über seine Arbeit: "Es sind meine ganz persönlichen Bedingtheiten im Leben, die in meiner Bildwelt zur Sprache kommen." Das Malen, oft in langen, thematisch verbundenen Werkreihen, war für den Künstler eine Möglichkeit der "Selbstvergewisserung", Ausdruck von Zweifel und Verzweiflung ebenso wie Suche nach dem ganz eigenen Standpunkt. Es sei eine "Malerei ohne Haut", schrieb Doris Schmidt vor Jahren in der SZ über die Bilder von Walter Raum.

Und das gilt auch und besonders für die jetzt in Berg versammelten Werke, die zwar nicht streng chronologisch geordnet sind, aber die Jahre von 1963 bis 1969 umfassen und für diesen Zeitraum gleich mehrere verschiedene Schaffensphasen aufzeigen. Um das Jahr 1963 hatte sich Raum von den düsteren Materialbildern abgewandt, die ihn zu Beginn des Jahrzehnt beschäftigt hatten. Es sind immer noch die erdig-dunkle Farben, mit denen der Maler nun in spontaner großer Geste und zeichenhaft verschlüsselt die Leinwand bearbeitet. Handschriftliche Notationen tauchen erstmals auf, zuweilen formatfüllend. Auch wenn es sich dabei nicht um lesbare Mitteilungen handelt, so muss man sie wohl als Metaphern für die Welt außerhalb des Bildes verstehen, die auf den Maler eindringt.

Um die Mitte des Jahrzehnts verändert sich seine Palette grundlegend: Die Grundfarben kontrastieren nun mit heftigem Schwarz und dem Weiß der Leinwand. Immer dringlicher sind sie Botschaften, immer größer und emotionaler die zum Zeichen verkürzten Bildelemente, etwa in Form von Totenköpfen oder Pfeilen, die wie laute Hilferufe wirken. Und schließlich folgt zum Ende des Jahrzehnts eine Werkreihe, in der sich Raum ganz offensichtlich mit den Einflüssen der Popart auseinander setzt. Ein Bestreben nach Ordnung des Bildraums löst nun die explosiv-expressive Bildsprache ab. Auf den riesigen, oft mehrteiligen Leinwänden ist Platz für ruhige freie Flächen, Linien und geometrische Formen. Gemalte Filmrollen oder immer wieder ein verschlungenes und geknotetes Seil verweisen jetzt auf die Welt der Dinge. Vietnam-Krieg, Studentenunruhen und die tiefgreifenden gesellschaftliche Umwälzungen dieser Jahre drängen mittels plakativer Schlagzeilen ins Bild. Collagierte Zeitungsartikel und Schriftspuren sollen von jetzt an bestimmend im Werk von Walter Raum bleiben. "Die Ohnmacht des Malers" wird er viele Jahre später eine Werkreihe betiteln. Diese Ohnmacht aber ist schon jetzt Bedingung für seine schöpferische Kraft und macht diese Bilder aus: In jedem einzelnen geht es um die großen Fragen des Menschseins. Vielleicht haben sie deshalb keinen Platz mehr in unserer Welt der eitlen Oberflächlichkeiten.

Bis 9. Oktober, Freitag, Samstag und Sonntag von 15 bis 19 Uhr.

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