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Kunst:Emotionen aus schwarzer Kohle

Gauting: BHF:  Else Streifer Schröck

"Die kalten Winde bliesen, der Hut flog mir vom Kopfe." Solche Liedzeilen inspirieren Else Streifer-Schröck.

(Foto: Nila Thiel)

Else Streifer-Schröck setzt den Liederzyklus "Die Winterreise" von Franz Schubert in eindrucksvolle Zeichnungen um

Eine Schülerin hatte die Anregung gegeben, die "Winterreise" des Komponisten Franz Schubert in Gemälde umzusetzen. Eine große Herausforderung für die Malklasse von Else Streifer-Schröck, die seit 20 Jahren ein Atelier in der Reismühle bei Gauting hat. Sechs Wochen hielten die Malschüler durch, dann gaben sie auf, denn die Aufgabe war einfach zu schwierig, der melancholische Liederzyklus, den Schubert mit 30 Jahren, nur ein Jahr vor seinem Tod komponiert hatte, ging zu sehr an die Nieren. Doch dann entschied sich die Malerin, selbst einige der Sujets zu zeichnen. Aus 24 Liedern hat sie elf ausgewählt. Im Rahmen der Kulturplattform 12 in den Räumen der ehemaligen Pizzeria im Gautinger Bahnhof zeigte sie am Mittwoch ihre Bilder aus der "Winterreise", untermalt mit Musikbeispielen von einer CD von Dietrich Fischer-Dieskau und Herbert Brendel.

Etwa 30 Gautinger sind zu der kleinen Schau gekommen, die nur an diesem Abend zu sehen war. "2008 hatte ich Ölbilder zur Gletscherschmelze gemalt. In Schwarzweiß, was ich vorher nie gemacht hatte, und habe festgestellt, wie farbig das sein kann", sagte die Malerin. Darum habe sie für die Zeichnungen hauptsächlich schwarze Kohle benutzt. Nur ein Bild unterscheidet sich: Im berühmtesten Lied des Zyklus' "Der Lindenbaum" (bekannt als "Am Brunnen vor dem Tore") besteht der Hintergrund aus Schraffuren in Grün, Lila und Blau. Die zentrale Figur, ein Mann in einem langen schwarzen Mantel, in kräftigen Strichen gezeichnet, ist in zwei Situationen zu sehen. Einmal sitzt er an einen Baumstamm gelehnt, in Erinnerungen versunken ("Ich träumt in seinem Schatten, so manchen süßen Traum"), und einmal wegrennend ("Die kalten Winde bliesen, der Hut flog mir vom Kopfe, ich wendete mich nicht"). Es ist eine bewegende Zeichnung, die wie Streifer-Schröck erläutert, auch Schuberts Todessehnsucht ausdrückt, die in Versen enthalten sei. "Und seine Zweige rauschten, als riefen sie mir zu: Komm zu mir Geselle, hier find'st du deine Ruh'!" Wobei die Liedertexte nicht von Schubert stammen, sondern von Wilhelm Müller.

Der wehende Mantel, ein breitkrempiger Hut und Wanderstab kennzeichnen die Figur als Wanderer, fast wie auf der Flucht. Interessant sind auch die beiden Zeichnungen "Die Wetterfahne" und "Erstarrung", in denen der Wanderer dem Betrachter sein Gesicht zuwendet. Es gelingt der Künstlerin, mit wenigen Strichen die Emotionen zu zeigen; einmal die Sehnsucht nach der unerreichbaren Geliebten, dann die Erkenntnis, dass die Liebe erkaltet, sein Herz "wie erstorben ist". Das letzte Bild zeigt den "Leiermann", den Streifer-Schröck aus dem Text des Liedes als Tod interpretiert. Barfuß auf dem Eis, keiner mag ihn hören, keiner sieht ihn an, und die Hunde knurren.

Nach einer guten halben Stunde war Schluss. Das sei das Konzept von Kultur-Plattform 12, sagt Organisatorin Elke Groebler. Die Bilder werden jedoch bei den Ateliertagen in der Reismühle im Gauting zu sehen sein.

© SZ vom 15.02.2020
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