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Kunst:Ein Traum in 22 Sprachen

Mit Pinsel und Kalk trägt Andreas Kloker den Text auf. Auch wenn der Wortsinn identisch ist, stecken ganz verschiedenen Botschaften dahinter.

(Foto: Arlet Ulfers)

Andreas Kloker hat die Fassade seines Skriptoriums mit einem Zitat von Martin Luther King neu gestaltet

Sorgfältig malt Andreas Kloker mit dem Pinsel die geschwungenen Buchstaben ab, die er auf einem Spickzettel notiert hat. "Es ist schön, völlig andere Zeichen zu schreiben und dabei zu spüren, wie sich beim Kopieren ein Bild erschließt", sagt der vielseitige Künstler, dessen Berufsweg vor vielen Jahren mit einer Lehre als Schriften- und Fassadenmaler begann. Mit dem Schriftzug aus armenischen Buchstaben ist Klokers neuestes Werk komplett - aber dennoch nicht abgeschlossen. 22 Mal hat er den gleichen Satz an Süd- und Westmauer des von ihm gemieteten Häuschens am oberen Ende von Schondorfs Bahnhofstraße angebracht, das er als Skriptorium nutzt. An seiner Schreibstube ist der Titel der berühmten Rede von Martin Luther King zu lesen, die er 1963 als Appell für Gleichberechtigung in Washington hielt: "I Have a Dream", "Ich habe einen Traum" in 22 verschiedenen Sprachen.

"Armenisch hat interessanterweise ganz ähnliche Zeichen wie Eritreisch", stellt Kloker fest, als der Schriftzug fertig ist. Ob auf Arabisch, Nepali oder Vietnamesisch, Türkisch, Englisch oder Deutsch: Die Bedeutung der Wörter ist immer dieselbe. Und doch stecken viele verschiedene Botschaften dahinter: Kloker hat das Zitat Freunden und Bekannten vorgelegt, von ihnen übersetzen oder transliterieren lassen und sie dabei zu ihren Träumen befragt.

Die Antworten seien zum Teil tief berührend gewesen, werden vom Künstler aber vertraulich behandelt: "Man ist angekommen, aber träumt noch in der Muttersprache." Die siamesischen Zeichen musste er aus dem Internet abmalen, denn Aree aus Thailand ist Analphabetin. "Es ist doch erstaunlich, wie viele Menschen aus verschiedenen Ländern hier leben", findet Kloker. Das neue Werk ist die logische Fortführung der Aktion von 2016, als Kloker schon einmal sein Skriptorium mit Schriften verzierte: Unter dem Titel "Die Sprache meiner Mutter ist meine Muttersprache" kamen schon damals Mitmenschen aus verschiedenen Nationen und Kulturkreises zu Wort: Sie gaben Auskunft über ihre Heimat und darüber, wie lange sie schon in Schondorf lebten. Für den deutschen Beitrag hatte er damals Franz Menhart ausgewählt, der bis dato 95 Jahre in Schondorf gelebt hatte und inzwischen gestorben ist.

Während die alten, von 2017 an allmählich beseitigten Beschriftungen in die Vergangenheit gerichtet waren, zielen Träume in die Zukunft. Deshalb hat Kloker diesmal die deutsche Version dem kleinen Philippo zugeschrieben, der nebenan wohnt und noch kein Jahr alt ist. Wieder hat Kloker seine Protagonisten nur mit Vornamen und erstem Buchstaben des Nachnamens kenntlich gemacht. Aber dass die hebräische Schrift und der ungarischen Satz Van egy álmom seine Künstlerfreunde Noah Cohen und Janos Fischer wiedergeben, liegt auf der Hand. Auch der Nigerianer Danda N. wurde erkannt: "Der spielt bei uns Fußball, hat ein Passant bemerkt," erzählt Kloker. Überhaupt hätten sich viele schöne Gespräche ergeben, während er in den vergangenen Monaten an der Fassade arbeitete.

2016 malte er noch mit Dispersionsfarbe, entsprechend schwer fiel es, die Schriften abzukratzen. Nun nimmt Kloker sehr dunklen Kalk, der mit dem Kohlendioxid aus der Luft carbonatisiert: "Er darf nicht trocknen, sondern muss versteinern, das braucht Zeit", erklärt der Künstler, der auch für seine flüchtigen Elementarzeichnungen aus Wasser bekannt ist. Verdunsten oder verwittern: Natürliche Vergänglichkeit ist ein immer wiederkehrendes Motiv im Werk Klokers. Er will den Betrachter zum Nachdenken einladen, ihm aber keine Einsichten aufdrängen.

"Ich bin nicht nur ein Freund des Kalkes, sondern auch ein Freund der Schuppen und Nebengebäude", sagt er. Vor 22 Jahren hat er das kleinste Häuschen von Schondorf in Besitz genommen. Seitdem haben im vormaligen Fremdenverkehrsbüro im Herzen des Orts viele Ausstellungen von Gastkünstlern stattgefunden, regelmäßig nutzt es der Hausherr als Werkstatt und das Schaufenster als minimalistische Galerie. Das Fassadenprojekt "Ich habe einen Traum" wird Andreas Kloker weiter beschäftigen: Er möchte noch den Hintergrund um die Texte herum gestalten. Mit welchen Mustern oder Farben wird sich zeigen, auch diese Entscheidung braucht Zeit.

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