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Kunst:Ein Leben in Bildern

Harry Sternberg zeigt in seinem Raum B 1 in Utting die Ausstellung " Hans Dumler - 99 Jahre", die alle Schaffensperioden des 2017 gestorbenen Uttinger Künstlers beleuchtet

Von Katja Sebald, Utting

Am Ende seines langen Lebens war der Künstler Hans Dumler fast so etwas wie ein Uttinger Original. Bekannt war er zuletzt für wundersam heitere, farbenfrohe und vitale Bildwelten, in denen eine höchst eigenwillige Ordnung der Dinge herrschte. Im hohen Alter hatte sich der Maler noch einmal ganz neu erfunden und einen unverwechselbaren Stil entwickelt. In den kommenden Wochen aber sind am Uttinger Bahnhofsplatz Arbeiten aus allen Schaffensperioden von Hans Dumler zu sehen. Sein ehemaliger Nachbar und guter Freund Harry Sternberg kuratiert die Ausstellung "Hans Dumler - 99 Jahre", die durch die Fenster im "Raum B1" zu sehen ist. Die Exponate werden im Wochenrhythmus ausgetauscht.

Eröffnet worden ist die Ausstellung am 20. April, an dem der 2017 gestorbene Dumler 99 Jahre alt geworden wäre. 1922 in Köln geboren, hatte er 1939 eine Ausbildung zum Gebrauchsgrafiker an den Kölner Werkschulen begonnen. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft verschlug es ihn nach Bayern, an der Akademie der Bildenden Künste in München konnte er sein Studium fortsetzen. Er wurde Meisterschüler und später auch Assistent von Franz Nagel. Ein Stipendium ermöglichte ihm Mitte der 1950er Jahre einen Studienaufenthalt in Paris.

Utting, Galerie B1, Ausstellung Hans Dumler

Hans Dumlers "Portrait" aus dem Jahr 1956.

(Foto: Georgine Treybal (Repro))

Seine vielversprechende Karriere wurde 1976 durch den Tod des renommierten Münchner Galeristen Günther Franke, der ihn mehrere Jahre lang vertreten hatte, jäh unterbrochen. Dumler lebte fortan sehr zurückgezogen auf Gut Memming bei Landsberg, malte fast ausschließlich die Äcker, Wiesen und Felder vor seiner Haustür und bestritt seinen Lebensunterhalt mit Kunst-am-Bau-Aufträgen. Gesundheitliche Probleme und eine gescheiterte Beziehung taten ein Übriges. Als ihm die Vermieter kündigten, musste er sein Eremitendasein aufgeben. 1992 konnte er ein von Wolf-Eckard Lüps geplantes Atelierhaus in Utting beziehen. 2004 heiratete er seine dritte Frau Ruth Denk - und kehrte mit über 80 Jahren noch einmal ins Leben zurück.

Das traumatische Erlebnis des Krieges wie auch die persönlichen Lebensumstände und Einschnitte in späteren Jahren haben deutliche Spuren im Werk des Malers hinterlassen. Und genau das macht diese Retrospektive so spannend: Im Lauf der kommenden Wochen soll anhand von fünf unterschiedlichen Werkgruppen auch noch einmal das Leben von Hans Dumler Revue passieren. Die ironisch-erzählerischen und farbstarken Frauendarstellungen seiner letzten Schaffensphase hätte sich der junge Maler in den Fünfziger- und Sechziger Jahren wohl selbst niemals vorstellen können.

Utting, Galerie B1, Ausstellung Hans Dumler

Gemälde, aus denen Verzweiflung und Verletzung sprechen: das Bild "Hiob" von 1961.

(Foto: Georgine Treybal (Repro))

Die fünf Gemälde, die den Auftakt der Wechselausstellung bilden, entstanden zwischen 1956 und 1961. Dumler war gerade aus Paris zurückgekehrt. Ein Frauenporträt ist deutlich von Picasso inspiriert, auch der starke Einfluss von Dubuffet ist unverkennbar. Ein Bild ist mit "Hiob" überschrieben, ein weiteres trägt den Titel "Engel". Nichts ist zu ahnen von der selbstverständlichen und freundlich-sinnlichen Darstellung von Nacktheit in den späten Bildern, hier zeugen die nackten Frauenfiguren von Scham, Verletzung und Verzweiflung. Aus der düsteren Farbskala, der schroffen Malweise und den schmerzhaft verzerrten Körpern tritt dem Betrachter die verwundete Seele des Künstlers, ja der gesamten Menschheit entgegen: Die Grauen des Zweiten Weltkriegs, die Dumler als junger Mann erleben musste, lagen noch nicht einmal zwanzig Jahre zurück, als diese Bilder gemalt wurden.

Man darf sehr gespannt sein auf die weiteren Einblicke in ein langes und facettenreiches Künstlerleben, die Harry Sternberg mit dieser Ausstellung verspricht. Von 1. Mai bis 6. Juni 2021 wird er immer samstags die Exponate auswechseln. Sein für den kleinen Ausstellungsraum mit den großen Schaufenstern entwickeltes Konzept erscheint wie geschaffen für eine Zeit, in der man Kunst nur en passant erleben kann.

© SZ vom 24.04.2021
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