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Kunst:"Diese herrliche Ruhe"

Die 90-jährige Malerin Ruth Kohler trotzt der Corona-Krise mit Farbe, Pinsel und lieben Nachbarn. Das Einzige, was ihr gerade fehlt, sind Leinwände - aber auch das ist für die Künstlerin kein wirkliches Problem

Die Kultur legt derzeit eine Zwangspause ein. Nicht so Ruth Kohler. Die 90-jährige Malerin hat als eine der ersten Frauen nach dem Krieg an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert und war Schülerin, später Assistentin von Professor Franz Nagel. Sie stellte ihre Kunst in New York und Berlin, in Paris und London aus. Seit 1972 lebt sie in Münsing, wo sie auch in Corona-Zeiten jeden Tag in ihrem Atelier steht und malt - außer sie wird gerade von ihrem Smartphone abgelenkt.

SZ: Frau Kohler, woran arbeiten Sie gerade?

Ruth Kohler: An einem absoluten Problembild. Ich nutze diese herrliche Ruhe, indem ich Bilder erlöse, die längst darauf warten, fertig- oder umgemalt zu werden. Das passt auch deshalb, weil mir gerade die Leinwände ausgehen. (Sie schickt ein Foto aufs Smartphone). Das ist das Problembild, von dem ich immer noch nicht weiß, ob es fertig ist.

Es sieht toll aus!

Das denke ich jeden Abend, und am Morgen finde ich es schrecklich. Mit Rotwein ist es gut, mit Kaffee schlecht, und mittags hab ich keine Meinung dazu. So geht das nun schon seit 14 Tagen. Einen Moment, ich schicke Ihnen den Leidensweg. (Sieben weitere Bilder laufen im Smartphone ein.) Es hatte schon alle Farben.

Dieser Leidensweg ist ja das reine Vergnügen.

Für mich nicht. Weil da unheimliche Zweifel aufkommen.

Das aggressive Orange hat etwas Corona-mäßiges.

Ja, das haut einen einfach um. Vielleicht sollte ich noch ein zweites Bild in Flammenrot malen. Feuer verträgt das Virus nicht, habe ich gelesen.

Macht Ihnen die Krise in Ihrem Alltag zu schaffen?

Nein, für mich hat sich nicht viel verändert. Ich bin immer allein bei der Arbeit, das ist gut so, das muss so sein. An den Wochenenden habe ich sonst immer Besuch bekommen von Freunden oder Bekannten. Das läuft jetzt alles übers Telefon und Internet. (Eine Nachricht geht ein.) Jetzt hat es eben schon wieder geklickt! Zur Zeit nimmt das schon ein bisschen überhand, diese ganzen Sachen, die man sich so zuschickt. Man könnte den ganzen Tag an diesem Kasterl verbringen.

Aber Sie können noch über Corona-Witze lachen?

Natürlich!

Sie zählen zur Hochrisikogruppe. Wie versorgen Sie sich?

Das ist unglaublich. Meine Nachbarn lassen mich nicht mehr raus! Eine Nachbarin erledigt die Einkäufe und hängt mir die Semmeln an die Tür. Der Altwirt hat mich mit Salat und Gemüse eingedeckt - so große Kartoffeln habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen! Er musste ja seine Gastwirtschaft vorübergehend schließen und hatte frische Vorräte, die sonst verdorben wären. Aber er hat mir auch Fleisch gebracht, Hühnercurry in Gläsern. Dann bekomme ich Anrufe von Kulturschaffenden aus der Gegend, die mich fragen, ob ich Hilfe brauche. Ich muss schon sehr alt wirken. Aber ich brauche ja nichts.

Kontaktpflege via Smartphone: Ruth Kohler in ihrem Atelier in Münsing. "Für mich hat sich nicht viel verändert", sagt sie.

(Foto: privat)

Außer Leinwänden.

Ja, die Leinwände! Zum Friseur habe ich es gerade noch geschafft vor der Ausgangsbeschränkung. Aber zum Künstlerbedarf Boesner bin ich dann nicht mehr gekommen. Ärgerlich. Abgesehen davon geht es mir rundum gut. Die Prioritäten verschieben sich gerade. Ich nutze die Zeit, um mich auf andere Dinge zu besinnen. Manchen Leuten ist langweilig. Mir nicht.

Sie haben schon schlimmere Zeiten erlebt?

Natürlich. Im Krieg. Vor dem Krieg. Nach dem Krieg. Da ging es den Leuten wirklich schlecht. Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, davon können wir zehren. Was ist dabei, ein bisschen bescheidener zu sein? Wenn ich mir dieses Gschieß ums Klopapier anschaue - als ob die Welt untergehen würde. Ich wüsste gar nicht, was ich hamstern sollte. Das einzige Problem ist, dass man an diesem Virus sterben kann. Ich will noch nicht sterben. Ich muss noch einiges machen. Ich denke, das überstehen wir.

© SZ vom 07.04.2020

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