Kunst:Die Schönheit der Vergänglichkeit

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Doris Trummer hat "Im vergangenen Sommer" Blüten, Blätter und Samen gesammelt und daraus filigrane Kunstwerke geschaffen, die jetzt im B1 in Utting Sehnsüchte wecken

Von Katja Sebald, Utting

Draußen fallen dicke Schneeflocken. Büsche und Bäume stehen wie Schattenrisse schwarz vor der weißen Landschaft. Die Menschen tragen Mützen, Schals, Handschuhe und haben es eilig. Drinnen aber, hinter den großen Scheiben im ehemaligen Fremdenverkehrsamt am Uttinger Bahnhofsplatz, hat jemand einen duftigen Tellerrock, eine Schirmkappe und ein Paar leichte Ballerinas an einem schwarzen Eisengestell wie zum Lüften aufgehängt. Fast könnte man meinen, die wundersame Garderobe wäre dort an einem der letzten schönen Tage im vergangenen Sommer vergessen worden. "Im vergangenen Sommer" - so heißt auch die von Harry Sternberg kuratierte Ausstellung mit Arbeiten der Künstlerin Doris Trummer, die noch bis Mitte Februar im großen Schaufenster des Ausstellungsraums "B1" zu sehen ist.

Diesmal dient die Scheibe nicht nur der Kunstbetrachtung unter Einhaltung aller Abstands- und Zugangsregeln, sie dient auch dem Schutz der zarten Kunstwerke selbst, in denen Doris Trummer den Sommer eingefangen hat: Rock, Kappe und Schuhe bestehen nämlich aus Tausenden von Hortensienblüten, die einzeln von den Dolden abgezupft, vorsichtig glattgebügelt und dann eine nach der anderen mit Hilfe von Acrylbinder auf eine Klarsichtfolie aufgebracht wurden. Auf der leicht aufgeplusterten Oberfläche dieses höchst ungewöhnlichen Kleiderstoffs ergibt sich durch Licht und Schatten ein Farbspiel in zartesten Nuancen, verstärkt noch durch die gleichsam changierende Wirkung der unterschiedlichen Töne, die weiße oder rosafarbene Hortensienblüten im Trockenzustand annehmen.

Filigrane Objekte von Doris Trummer

Diese Schuhe bestehen aus Tausenden von Hortensienblüten, die Doris Trummer einzeln von den Dolden abgezupft, vorsichtig glattgebügelt und dann eine nach der anderen mit Hilfe von Acrylbinder auf eine Klarsichtfolie aufgebracht hat.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die feinen Blätter- und Blütenkleider, die Doris Trummer seit vielen Jahren anfertigt, haben nichts Marktschreierisches und Lautes. Es gibt flauschige Babyjäckchen aus Löwenzahnsamen, die ein Lufthauch davon wehen könnte, und weite Schutzmäntel aus knisternd trockenen Eichenblättern, große Tafeln aus Wespennestern oder das jetzt im Raum "B1" gezeigte Bild, das die Natur selbst geschaffen hat: Die Künstlerin legte dafür ein mit Wachs bestrichenes Papier unter einen Jasminstrauch und fing damit die herunterfallenden Blüten auf. Auch wenn es einer unvorstellbaren Geduld bedarf, um solche fragilen Kunstwerke entstehen zu lassen, so sind sie alles andere als Fleißarbeiten: Sie sind mit liebevoller Hingabe geschaffene Sinnbilder für das Werden, Wachsen und Vergehen in der Natur, dem auch der Mensch unterworfen ist - der das so gerne verdrängt. Mit ihren aus der Natur entnommenen und vorsichtig verarbeiteten Materialien macht Doris Trummer jedoch nicht das Sterben sichtbar, sondern die Schönheit, die der Vergänglichkeit innewohnt.

Doris Trummer wurde 1960 in Nördlingen geboren und studierte von 1980 bis 1986 an der Akademie der bildenden Künste in München bei Franz Bernhard Weißhaar und Rudi Tröger. Sie lebt seit mehr als dreißig Jahren als freischaffende Künstlerin am Ammersee, zuerst in Utting und dann in Schondorf. Die Inspiration für ihre künstlerische Arbeit findet sie zumeist in ihrer unmittelbaren Umgebung: Das kann eine Kletterrose an der Veranda sein, ein Wespennest unter dem Dach, ein Baum im Garten - oder "im vergangenen Sommer" die üppigen Blüten der Bauernhortensien, für die es nur ein kurzes Zeitfenster gibt, um sie körbeweise nach Hause zu tragen und sie dann zu sommerlichen Kunstkleidern zu verwandeln.

Filigrane Objekte von Doris Trummer

Auf der leicht aufgeplusterten Oberfläche des höchst ungewöhnlichen Kleiderstoffs ergibt sich durch Licht und Schatten ein Farbspiel in zartesten Nuancen.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die Ausstellung "Im vergangen Sommer" ist bis zum 13. Februar 2022 im Raum B1 zu sehen, in den Abendstunden wird sie beleuchtet.

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