Kunst:Die Pöckinger Wald-Menschen

Kunst: Kunst mit Kettensäge und Beil: Jozek Nowak neben einer seiner neuen Skulpturen.

Kunst mit Kettensäge und Beil: Jozek Nowak neben einer seiner neuen Skulpturen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Jozek Nowak fertigt Skulpturen von Jugendlichen und Obdachlosen an

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Pöcking

Der Mann steht gebeugt da, in sich zusammengesunken, als ob er kein Rückgrat hätte. Die Kleidung ist ihm viel zu groß und wirft viele Falten. Er wirkt, als ob er frieren würde unter den Bäumen am Hofgut Schmalzhof in Pöcking. Aber es scheint ihm nicht viel auszumachen, seine Freiheit ist ihm wohl wichtiger als der Komfort einer warmen Wohnung.

Es ist die Skulptur eines Mannes ohne festen Wohnsitz, der ernst, aber nicht verzweifelt in die Ferne blickt. Obdachlose faszinieren den Bildhauer Jozek Nowak, weil sie in Freiheit leben, sich nicht einengen lassen. In den vergangenen Monaten hat er vor seinem Pöckinger Atelier am Maxhofkreisel mehrere Skulpturen von wohnsitzlosen Menschen geschaffen. Sie wirken lebendig, die faltigen Gesichter sind fein ausgearbeitet. Aber auch junge Menschen interessieren Nowak. Die lebensgroßen Figuren von Jugendlichen stehen ebenfalls gebeugt da. Doch nicht die Schwere des Lebens drückt ihre Glieder nach unten. Ihre Haltung mit den Händen in den Hosentaschen ist salopp, selbstbewusst und ein wenig trotzig. In der vergangenen Woche zeigte der Holzkünstler, der seit 1994 in Pöcking lebt, insgesamt 40 seiner aktuellen Skulpturen.

Ob Sommer oder Winter: Nowak arbeitet grundsätzlich im Freien. Er gestaltet seine Holz-Skulpturen mit Motorsäge und Beil und trägt bei seiner Arbeit schallisolierende Kopfhörer. Der Lärm von der B 2 stört ihn daher nicht. Das Material für seine Figuren sucht sich der Künstler in seinem Heimatland Polen aus. Es sind dicke Baumstämme aus einem Wald, in dem er ebenfalls ein Atelier hat. Jahrelang hat er mit Eiche gearbeitet, jetzt bevorzugt er Pappel. Dieses Material sei "gummiartig" und habe den Vorteil, dass es in der Sonne eine schöne Patina bekomme, erklärt er.

Nowak arbeitet ausschließlich mit Holz. Der Werkstoff wurde ihm quasi in die Wiege gelegt, denn er wurde im Wald geboren. Seine Mutter hatte es bei seiner Geburt nicht mehr bis zum Krankenhaus geschafft. Mehrmals im Jahr fährt der international anerkannte Künstler, von dem Werke in Polen, Deutschland, China und Italien stehen, in sein Heimatland. Dass etwa 1000 Kilometer zwischen seinen beiden Ateliers liegen, genießt er. Während der Fahrt vergesse er seine Probleme und komme frisch und ausgeruht zum anderen Platz, sagt er. Bei seinen Autofahrten holt er sich auch die Ideen für seine Werke. Nowak beobachtet die Menschen genau, studiert Ausstrahlung, Haltung und Charakter. Er vergisst nie ein Gesicht und macht auch keine Skizzen, höchstens Fotos. Er zeichnet weder Struktur noch Größe oder Proportionen auf den Rohling. "Ich habe ganz klare Vorstellungen." Er habe jedes Detail im Kopf. Der Absolvent der Bildenden Künste in Krakau legt sofort los mit der Kettensäge. Mit sicherer Hand bearbeitet er die rund einen Meter dicken Baumstämme. Schnitzwerkzeuge lehnt er ab.

Er besitzt mehrere Motorsägen in verschiedenen Größen. Die Kleinste komme für die Feinheiten zum Einsatz, aber auch sein Beil, das ein Schmied aus Shanghai für ihn hergestellt hat. Dann beginne der Kampf mit Materie und Zeit, erklärt Nowak, der stets an mehreren Objekten gleichzeitig arbeitet. Derzeit sind es zehn Figuren, denen der Künstler Leben einhaucht, indem er Körperhaltung, Faltenwurf, Mimik, Gelassenheit oder Freude herausarbeitet.

© SZ vom 26.07.2021
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