Kultur in SeefeldKaries und Kabarett

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Vorhang auf: Josef Hofmann, der Vorsitzende des Seefelder Kulturvereins "Räsonanz".
Vorhang auf: Josef Hofmann, der Vorsitzende des Seefelder Kulturvereins "Räsonanz". Nila Thiel

Josef Hofmann und der Verein "Räsonanz" holen die Größen der Szene auf die Bühne. Und profitieren davon, dass ein Zahnarzt in ihren Reihen ist.

Von Gerhard Summer, Seefeld

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Wenn Gerhard Polt zum Zahnarzt muss, haben alle was davon. Der Schlierseer, der so etwas wie der Inbegriff des böse funkelnden und eminent politischen bayerischen Kabaretts ist, setzt sich nämlich nicht in irgendeinen Behandlungsstuhl in seinem Heimatort oder in München, sondern gehört zu den Patienten des Seefelders Dr. Sebastian Schmidinger. Und wie es der Zufall will, arbeitet Schmidinger nebenbei im Team eines gemeinnützigen Kulturvereins mit, der eines der hochrangigsten Kabarettprogramme überhaupt im Fünfseenland bietet: "Räsonanz Seefeld." So kommt es, dass Polt zuweilen das Lästige mit dem Angenehmen verbindet: Erst die Behandlung oder Kontrolle in der Praxis Schmidinger, danach der Auftritt im Pfarrsaal Peter und Paul.

Karies und Kabarett, was für eine Kombination! Ob "Räsonanz", ein Kunstwort aus räsonieren und Resonanz, sonst noch irgendwie von Dr. Schmidinger profitiert? Vereinschef Dr. Josef Hofmann überlegt nur kurz und sagt dann mit einem Anflug von Grinsen: "Die Wellküren sind auch bei ihm." Die drei Schwestern aus der 15-köpfigen Musikerfamilie Well also, mit der Polt immer noch verbandelt ist, obwohl sich die eigentliche Erfolgsgruppe, die Biermösl-Blosn, längst aufgelöst hat.

Öfters zu Gast in Seefeld: Gerhard Polt, hier bei einer Lesung mit seiner früheren Satire-Partnerin Gisela Schneeberger und dem Altphilologen Stefan Merkle zu Umbrüchen in der Geschichte.
Öfters zu Gast in Seefeld: Gerhard Polt, hier bei einer Lesung mit seiner früheren Satire-Partnerin Gisela Schneeberger und dem Altphilologen Stefan Merkle zu Umbrüchen in der Geschichte. Nila Thiel

Natürlich treten die Wellküren und Polt nicht nur in Seefeld auf, weil das praktisch ist, sondern auch, weil sich Hofmann und seine Helfer den Ruf erarbeitet haben, ihre Künstler zu umsorgen, ordentlich zu bezahlen und nicht auf den Allerwelts-Spielplan zu setzen. Was das Publikum im Saal Peter und Paul zu sehen bekommt, ist gleichsam handverlesen. Hofmann geht nämlich nicht gleich bei jedem einigermaßen gelungenen Gag vor Lachen in die Knie. Der Informatiker, der zu den Pionieren auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz gehörte und seine Doktorarbeit zum Thema "Breitbandiger natürlichsprachiger Mensch-Rechner-Dialog" schrieb, ist nämlich ein äußerst kritischer Geist. Zu Bruno Jonas zum Beispiel, dem Altmeister des theaterhaften Kabaretts, fällt ihm ein: Der Mann, der einst auf dem Adalbert-Stifter-Gymnasium in Passau eine Klasse unter ihm war, sei inzwischen "zu geschmirgelt". Und an der grandiosen Luise Kinseher, der Mama Bavaria, stört ihn, dass sie zwischendrin immer wieder die ewig beduselte Mary gibt, die Figur finde er ein wenig zu billig. Deshalb mache er bislang auch einen Bogen um die Kinseher. Schade eigentlich, aber auch Hofmann ist eben nicht unfehlbar.

Irrwitzige Typenparade: Kabarettist Andreas Giebel bei seinem Gastspiel im Februar 2016 im Pfarrsaal Peter und Paul.
Irrwitzige Typenparade: Kabarettist Andreas Giebel bei seinem Gastspiel im Februar 2016 im Pfarrsaal Peter und Paul. Nila Thiel

Wie es ihm überhaupt gelingt, Größen der Szene wie Andreas Giebel, Hagen Rether, Claus von Wagner, Ulan & Bator, Rolf Miller und Georg Ringsgwandl an Land zu ziehen? "Beharrlichkeit und Geld", sagt Hofmann. Der 69-Jährige sitzt an einem Tisch im großen leeren Pfarrsaal. Der Pulli schwarz, die Hose schwarz. "Das macht schlanker", sagt er. Stellt man sich so einen Programm-Macher und Informatiker vor, der früher unter anderem als "eine Art Handlungsreisender" für Siemens in München gearbeitet hat? Der auch bei Flügen eine 70 Zentimeter lange und mindestens zehn Kilo schwere Gasturbinen-Schaufel mit sich herumschleppte, um zu demonstrieren, was sich mit KI alles optimieren lässt? Vielleicht ja: graue Haare, Brille mit runden Gläsern ohne Fassung, distanziert prüfender Blick, gewinnendes Lachen. Vor ihm liegen ein Laptop, falls man was googeln muss, und in einer Klarsichthülle seine ausgedruckten Notizen. Auf zwei Blättern hat er vorsichtshalber schon mal selber sechs Fragen und seine sechs Antworten darauf notiert. Man weiß ja nie!

Hofmann überlässt ungern etwas dem Zufall. So geht er wohl auch vor, wenn er eine Agentur davon überzeugen will, dass Seefeld für ihn der ideale Auftrittsort in dieser Republik ist und den "Anfangswiderstand" überwinden muss. Eloquent ist der Passauer ohnehin, seinem Hochdeutsch ist so gut wie keine niederbayerische Färbung anzuhören. Manchmal benutzt er Wendungen, die selten zu hören sind, manchmal neigt er zum Bonmot. Er sagt: "Wir sind immer im Kometenschweif von München unterwegs". Oder: Wer in diesem Metier arbeitet, "muss Spaß daran haben, mit Leuten zusammenzuarbeiten und was zum Fliegen zu bringen". Und: "Die Welt ist voll von Leuten, die gute Ideen haben und sie dann wieder vergessen."

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Ende 2015 hatten er und seine zwölf Mitstreiter "Räsonanz" gegründet, vormals war Hofmann für das Kabarettprogramm von "Kultur im Schloss Seefeld" verantwortlich gewesen. An die 70 Musik-, Literatur- und Kabarettabende sind seither vor allem im Saal Peter und Paul über die Bühne gegangen. Die Befürchtung, dass zwei Kulturvereinigungen in Seefeld zu viel sein könnten, hat sich nicht bewahrheitet. Laut Hofmann arbeiten die beiden Vereine gut zusammen, auch wenn es anfangs Knatsch und später schon mal die eine oder andere Terminkollision gab. Ohnehin habe er von Anfang an auf ein "Programm für ein breiteres Publikum" abgezielt. Die Grundidee: "Wir nehmen große Namen, und mit dem Geld, das übrig bleibt, finanzieren wir Experimente."

Handverlesenes Programm: Vereinschef Josef Hofmann.
Handverlesenes Programm: Vereinschef Josef Hofmann. Nila Thiel

"Räsonanz" muss nämlich für Peter und Paul keinen Cent Miete zahlen und generiert trotz niedriger Kartenpreise hohe Einnahmen. Denn in den Pfarrsaal passen - je nach Bestuhlung - 300 bis 350 Besucher. Seitdem aber Corona die Welt regiert, kann Hofmann von solchen Zahlen natürlich nur träumen. Auf einem der Zettel hat er notiert: "Die Menschen mittleren Alters sind nachvollziehbar vorsichtig und müssen sich erst wieder an Präsenzveranstaltungen gewöhnen. Dazu kommt der Krieg in der Ukraine, der die Prioritäten neu sortiert hat."

Mit Vorstellungen, die aus der Reihe tanzen, lief es bisher nicht so rund. Ja, es gab Eigenproduktionen wie "Mitbürger im Gespräch" mit Fußballspieler Klaus Augenthaler und Lesungen zu Umbrüchen in der Geschichte, unter anderem mit Polt und seiner früheren Satire-Partnerin Gisela Schneeberger. "Aber mich stört, dass wir zu wenig experimentieren. Da brauchen wir auch neue Leute", sagt Hofmann, "dass Großväter die Enkel bespaßen, macht keinen Sinn". Der Altersdurchschnitt im Verein, der bemerkenswert viele Mitglieder mit Doktortitel in seinen Reihen hat, liege nämlich bei 60 Jahren. Die Konzerte in der Alten Fabrik Hechendorf musste "Räsonanz" wieder aufgeben, hauptsächlich weil der Raum "sicherheits- und heizungstechnisch grenzwertig war". Und der Versuch, den Bürgerstadl Hechendorf zu bespielen, ist bisher gescheitert. Denn die Gemeinde verlange für den Festsaal eine Miete, die der Verein nicht erwirtschaften könne, so Hofmann. Nun will er mit dem Jugendhaus Seefeld kooperieren und dort junge Bands auftreten lassen. "Die Hoffnung ist, dass der ein oder andere Jugendliche dann auch bei uns aufschlägt".

Einer hat das schon mal geschafft: Schauspieler und Möchtegern-Gitarrist Helmfried von Lüttichau ("Hubert und Staller"). Als er im Juni 2021 in Seefeld gastierte, saßen ganz vorne zwei seiner Fans. Nein, keine Zahnarzthelferinnen und keine angehenden Polizisten. Josef Hofmann schaut immer noch ein wenig verdutzt drein, wenn er sich die Szene in Erinnerung ruft: Es waren 14 oder 15 Jahre alte Burschen, die "haben eben nicht das Jimi-Hendrix-Poster im Zimmer hängen, sondern den Helmfried".

Die nächsten Termine: Django Asül kommt am 9. April mit "Offenem Visier" und die Wellküren am 30. April mit "Des werd scho wieder" (beides 20 Uhr). Info und Karten: raesonanz-seefeld.de

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