Süddeutsche Zeitung

Kultur in der Corona-Krise:"Es ist wie ein Aufatmen"

Nach 30 Konzertabsagen spielt die Feldafinger Cellistin Raphaela Gromes am Freitagabend beim Open Air in Starnberg.

Von Jessica Schober

Ausgerechnet China. Auf der chinesischen Halbinsel Macau spielte die Cellistin Raphaela Gromes im Januar noch Schumanns Cello Concerto. Es sollte eines ihrer letzten Konzerte für lange Zeit sein. "Ich hatte das Thema Corona wegen dieser Reise schon früh auf dem Schirm, es kam mir bei meiner Rückkehr nach Deutschland komisch vor, dass hier anfangs so wenig passierte", sagt Gromes heute. Die 29-jährige Kammermusikerin lebt in Feldafing. Die Musik ist ihr Leben - doch zur Zeit ist es schwer, davon zu leben. Am 8. März spielte Gromes noch ein Konzert im Prinzregententheater. Gemeinsam mit dem Münchener Kammerorchester gab die Solokünstlerin Stücke von Offenbach und Rossini zum Besten, und sie ahnte dabei schon: Das Bühnenleben würde in Zukunft sehr anders sein.

"Einerseits will ich als Musikerin unbedingt vor Publikum spielen - andererseits gibt es keine schlimmere Vorstellung, als dass Menschen, die auf der Suche nach schönen Momenten in ein Konzert gehen, dort krank werden könnten", sagt Gromes. Sie hat die Krise persönlich gut überstanden, aber nun fragt sie sich, wie ihr Leben als Musikerin weitergehen kann. Raphaela Gromes hat die bayerische Künstlerhilfe beantragt. 3000 Euro bekam sie insgesamt. "Bisher ging es finanziell noch ganz gut, ich lebe nicht an der Armutsgrenze, aber wenn ich die ganze nächste Saison nicht spielen könnte, dann wäre das eine Katastrophe" . Gromes sorgt sich um die langfristigen Folgen der Pandemie: "Ich befürchte, dass an der Kultur gespart wird, die Kommunen bald ihre Budgets kürzen und viele Agenturen und Veranstalter die Krise nicht überstehen werden." Gromes ist Exklusivkünstlerin bei Sony Classical und bringt dort ihre CDs heraus. Als freiberufliche Solokünstlerin ist sie auf Konzertveranstalter angewiesen, deren Programme oft lange im Voraus geplant werden. Momentan könne niemand voraussehen, wann ein regulärer Spielbetrieb in Konzerthäusern wieder möglich sei.

Bis zum 31. August wurden alle ihre Konzerte abgesagt. 30 Auftritte fielen einfach aus. "Ich verstehe es nicht", empört sich Gromes, "Warum dürfen Menschen im Flugzeug nach Mallorca nebeneinander sitzen, und im Gasteig darf man nicht mal mit eineinhalb Meter Abstand und Maske ein Konzert anhören - dabei wäre das Klassikpublikum sicher sehr diszipliniert." Gromes hat vergangenes Jahr den Bayerischen Kulturförderpreis gewonnen, Ministerpräsident Markus Söder hielt eine Rede zu ihren Ehren. Doch tatsächlich gewürdigt fühlt sie sich für ihre Arbeit derzeit nicht. "Ich bin frustriert und schockiert, welchen geringen Stellenwert die Kultur offenbar für die Politik hat", sagt Gromes.

Die Cellistin sah sich plötzlich mit einer existenziellen Frage konfrontiert: Was mache ich überhaupt, wenn ich keine Musik mache? Ihre Antwort fiel zupackend aus. Sie machte ein einmonatiges Pflegepraktikum im Klinikum Starnberg. Dort arbeitete sie auf der kardiologischen Station und hatte gleich zwei Mal mit später positiv getesteten Covid-19-Patienten zu tun. Daraufhin sollte sie sich zwar privat isolieren, aber weiterhin zum Pflegepraktikum erscheinen. "Es war ein verrücktes Gefühl: Nach nur einer Woche als Pflegehelferin war ich systemrelevant - als Musikerin werde ich das niemals sein."

Kleine Hilfe

Die Bayerische Künstlerhilfe ist ein schwacher Trost für all jene, die lange nicht auf die Bühne durften. In Oberbayern wurden rund 5000 Anträge über das Portal kuenstlerhilfe-corona.bayern gestellt, teilt das Kultusministerium mit. Davon konnten rund 3700 Anträge bewilligt werden. Rund 1000 Anträge werden derzeit noch bearbeitet. Abgelehnt werden mussten bisher vier Prozent der Anträge in Oberbayern. Kunstminister Bernd Sibler sagt dazu: "Fest steht: Jeder einzelne bewilligte Antrag hilft, die Not zu lindern. Aktuell sondieren wir die Lage und prüfen, ob wir nachsteuern können." In welchen Berufsgruppen die Antragsteller arbeiten, wird nicht erfasst. In den nächsten Wochen fragt die SZ bei Bühnenkünstlern nach, wie sie durch die Krise kommen. Jesc

In der unfreiwilligen Auszeit hat Gromes neue Werke einstudiert, vor allem bislang unbekannte Stücke ihres Vaters. Der Starnberger Cellolehrer Wilhelm Gromes war vergangenes Jahr an Leukämie gestorben. "In der Krise hatte ich endlich Zeit, seine unveröffentlichten Werke zu entdecken", sagt Gromes. In der Zeit der Ausgangsbeschränkungen hat sie außerdem mit ihrem Duopartner Julian Riem ein Youtube-Format entwickelt. Vorm heimischen Bücherregal in Feldafing musizierte die Cellistin mit dem Pianisten, beide gaben Einblick in die Hintergründe der Stücke. "Behind the scenes" haben sie das Videoformat genannt, und auch wenn ihnen das viel Freude bereitete, sagt Gromes: "Die Magie eines Live-Konzertes kann man nicht ersetzen".

Im Juli spielte sie ein Corona-Konzert in Metzingen, zu dem immerhin 99 Zuhörer kommen durften, statt der geplanten 500. "Es war wie ein Aufatmen", sagt sie darüber. "Viel Geld verdiene ich mit solchen Konzerten zwar nicht, aber es war uns wichtig zu zeigen: Kultur geht weiter". An diesem Freitag, 31. August, spielt sie nun bei den Sommerkonzerten am Schlossberg unter freiem Himmel im Duo mit der Violinistin Amelie Böckheler vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter anderem Werke von Ludwig van Beethoven und Niccolò Paganini. Es wird ein kurzes Aufatmen werden. Denn der nächste Konzerttermin steht erst im September wieder im Kalender.

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Quelle:
SZ vom 31.07.2020
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