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Kultur:Fliegende Finger

Vor mehr als 20 Jahren saß Bernhard Siegel das erste Mal in Gilching als Klavierschüler auf der Bühne. Sein Vater Roland leitet dort seit 1987 die Musikschule.

(Foto: Arlet Ulfers)

Der Pilot und Pianist Bernhard Siegel wird beim Heimspiel im Gilchinger Gymnasium vom Publikum gefeiert. Obwohl sein Programm anspruchsvoll ist, bewältigt er es mit Präzision und Intensität

Der Applaus will nicht verebben: Die Ballade Nr. 1 Opus 23 von Frederic Chopin ist offensichtlich ein besonders beliebtes Stück. Da setzt sich Bernhard Siegel noch mal an den Flügel und legt seine Hände auf die Tastatur. Schlagartig hört das Klatschen in Erwartung einer Zugabe auf. "Cooler Trick, oder" lacht der Pianist und schickt sein Publikum ohne weitere Darbietung in die Pause. Selten hat man einen derart entspannten Musiker erlebt, dem nicht einmal die gesteckt volle Aula des Christoph-Probst-Gymnasiums Lampenfieber einzuflößen scheint.

Für Siegel ist es natürlich auch ein Heimspiel. Der Sohn des Leiters der Gilchinger Musikschule, Roland Siegel, ist die Auftritte hier von klein auf gewöhnt. Vor mehr als 20 Jahren saß Bernhard als kleiner Klavierschüler zum ersten Mal am Instrument auf der Bühne. Jetzt sitzen im Publikum viele Freunde und Bekannte aus dem Umfeld der Musikschule und seine erste Klavierlehrerin hat einen Ehrenplatz bekommen. Bernhard Siegel selbst hofft, dass er mit seinem Klavierabend, für den er keinen Eintritt verlangt, nicht nur das übliche Klassikpublikum ins Konzert gelockt hat. Leger sitzt er im Rollkragenpulli und Alltagshose am Steinway-Flügel, der auch dank eines Benefizkonzerts von Siegel vor zwei Jahren finanziert werden konnte. "Man kann auch ohne Frack und Fliege Klavier spielen", lautet seine Botschaft.

Und das kann er in der Tat. Siegel ist kein lyrischer Pianist, beim ihm steht die Virtuosität im Vordergrund. Für das Konzert hat der 30-Jährige ein paar extrem anspruchsvolle Werke ausgewählt: Sechs von Alexander Skrjabins Preludes Opus 11 und die Fantasie Impromptu Opus 66 von Frédéric Chopin. Eine Wahnsinnsnummer, bei der Siegels Finger in atemberaubender Geschwindigkeit über die Tastatur eilen. Zwischen den Stücken informierte der Musiker über die Werke und ihre Komponisten. Er erwähnt zum Beispiel, dass Chopin die Klaviertechnik erneuert habe: Während bei der üblichen Grundhaltung der Hände nur die weißen Tasten berührt werden, berühren bei Chopin nur der Daumen und der kleine Finger die weißen Tasten, die anderen drei Finger liegen auf den schwarzen. Das erkläre Chopins Hang zu den vielen schwarzen Tasten, die Generationen von Klavierschülern an den Rande der Verzweiflung bringen. "Die Finger sollen nur so fliegen", sei Chopins Wunsch gewesen. Bei Siegel, der nicht nur Musiker ist, sondern auch als Verkehrspilot arbeitet, fliegen sie tatsächlich und zwar mit Düsenantrieb.

Nach der Pause steht Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate Nr. 13 Köchelverzeichnis 333 auf dem Programm. Mit dem Salzburger Ausnahmetalent, das für Konzerte viel auf Reisen war, fühlt sich Siegel wesensverwandt. Als Pilot wechselt er ebenfalls ständig den Aufenthaltsort. Zeit für Kompositionen in der Pferdekutsche hat Siegel freilich nicht, im Cockpit des Linienflugzeugs muss er die Musik ausblenden.

Sein persönliches Highlight hat sich Siegel für den Schluss aufgehoben: Der erste Satz von Sergej Rachmaninows Sonate Nr. 1 Opus 28. Das Stück hat einen literarischen Hintergrund: In ihm wird der Konflikt von Goethes Faust mit Mephisto in Musik gefasst. Vor ein paar Jahren seien Originalaufnahmen von Rachmaninow digitalisiert worden, da könne man hören wie der Komponist seine Stücke "gemeint" habe, empfiehlt Siegel. Die Notenmassen, die er beim Spiel bewältigen muss, sind gewaltig: "Wahnsinnig viele Noten, die ineinander verwurstelt sind", erklärt der Interpret. An Dramatik und Intensität ist diese Sonate kaum zu überbieten. Er sei davon selbst immer sehr ergriffen, gibt Siegel zu.

Die Zugabe ist eine Verneigung an den Klaviervirtuosen Vladimir Horowitz. Die rasend-schnellen Variationen über einen Tanz aus Georges Bizets "Carmen" hatte Horowitz über Jahrzehnte hinweg stets als Zugabe gespielt. Für Siegels perfekte Interpretation gab es in der Aula Bravorufe. Es werde nicht sein letztes Konzert in Gilching gewesen sein, versprach er. Eines der Stücke, die dann auf dem Programm stehen werden, wurde bereits festgelegt: Es wird das Lieblingsstück einer Mehrheit im Publikum sein, das am Samstag seine Wunschtitel notierte.