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Kultur:Die Wächter vom Ammersee

Mit einer einzigartigen Aktion in einer Munitionsfabrik der Nazis im Landsberger Frauenwald rufen Künstler 75 Jahre nach Kriegsende dazu auf, den Frieden täglich zu verteidigen

Nach dem überragenden Erfolg mit "Kunst geht baden" vor gut einem Jahr haben sich die künstlerischen Aktionisten von Ammersee und Lech auch heuer viel vorgenommen. Während 2019 in Greifenberg der kreative Spaß im Vordergrund stand, soll nun unter dem Titel "Kunst hält Wache" 75 Jahre nach Kriegsende ein ernstes Anliegen verfolgt werden: Die Künstler wollen daran erinnern, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, sondern täglich verteidigt werden muss.

Der Performancekünstler Andreas Kloker ist wieder mit dabei.

(Foto: oh)

Die drei Initiatoren der Abrissparty im Warmbad sind diesmal auch in Landsberg mit von der Partie: Der Geltendorfer Maler und Objektkünstler Axel Wagner zeigt eine dreiteilige Arbeit zu den Farben der deutschen Flagge. Der Dießener János Fischer präsentiert die Audioinstallation "Vorladung": laut Selbstbekenntnis des Malers und Autors "ein Katz und Maus-Spiel der unsichtbaren Macht". Der Kalligraf und Plastiker Andreas Kloker, überregional bekannt für seine "Elementarzeichnungen", hat seine Performance am Donnerstag um 19 Uhr unter das Thema "Vergehen vergehen" gestellt. Außerdem will er mit weißer Farbe auf schwarzer Wand einen ganzen Raum in der "Alten Wache" in Landsberg mit Wortbeiträgen zum Thema Krieg und Frieden füllen. Dazu bittet der Schondorfer Künstler vorab um Textvorschläge per E-Mail an andreaskloker@t-online.de.

Sternberg thematisiert die von den Nazis missbrauchte Jugend.

(Foto: Harry Sternberg/oh)

Harry Sternberg aus Utting erinnert mit seiner Videoarbeit "Eine missbrauchte Jugend - Von Tätern zu Opfern?" an die Gehirnwäsche, der die NS-Diktatur Kinder und Heranwachsende unterzog. Gemeinsam mit Fischer und dem Issinger Franz Hartmann hat Sternberg eine Installation mit Konstantin Wecker realisiert: Der Musiker liest auf einem eigens gedrehten Video aus seinem Tagebuch von 2003, als er kurz vor Beginn des dritten Golfkriegs zehn Tage im Irak auf Friedensmission reiste und in Bagdad ein Konzert gab.

Initiatoren der Kunstaktion in der Bauruine: Harry Sternberg, Franz Hartmann und Janos Fischer (v.li.).

(Foto: Lina Hartmann/oh)

"Es herrscht wieder Frieden im Land" sang er 1977 ebenso poetisch wie sarkastisch. Der Untertitel von Kunst hält Wache - "75 Jahre Frieden im eigenen Land" - weckt Assoziationen zu Weckers Lied. Beinahe wäre die einmalige und einzigartige Aktion der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. Mit sechs Wochen Verspätung können die Ausstellung und ein Großteil des Rahmenprogramms nun doch stattfinden: Vom 18. bis 28. Juni sind Objektkunst, Malerei, Videos, Installationen und Aktionen im Landsberger Frauenwald zu sehen. Schauplatz ist eine von den Nazis gebaute Munitionsfabrik und deren Pforte, die "Alte Wache" im Frauenwald. Die Fabrik ging nie in Betrieb, stand leer und war 75 Jahre lang dem Verfall preisgegeben.

In diesem Rahmen setzen sich nun mehr als 30 regionale und überregionale Künstler mit dem Thema Krieg und Frieden auseinander; weiter beteiligen sich Schulen, Journalisten, Historiker, Wissenschaftler, Filmemacher, Musiker und Stiftungen. Zu den Ausstellern zählen der Karikaturist Dieter Olaf Klama und Bernd Zimmer, einer der prominentesten Vertreter der Neuen, Wilden Malerei beteiligt: Von Zimmer werden "Pollinger Totentanz" und "Rückkehr der Barbarei" gezeigt. Nana Dix steuert eine Installation in drei Räumen als Hommage an ihren Großvater Otto bei. Franz Hartmann, künstlerischer Leiter von "Kunst hält Wache", thematisiert die Akzeptanz von präventiver Gewalt. Er hat auch von Jugendlichen 750 Friedensfahnen anfertigen lassen, die nun in Landsberg wehen und auf die Aktion hinweisen.

Vom 18. bis 28. Juni finden im Rahmen von Kunst hält Wache Performances, Führungen, Lesungen, Vorträge, Filme und ein Comic-Workshop statt. Das Programm ist im Internet unter www.kunst-haelt-wache.de einzusehen. Die Ausstellung ist jeweils Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 22 Uhr geöffnet, innerhalb des Gebäudes ist Mund-Nasen-Schutz vorgeschrieben.

© SZ vom 17.06.2020
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