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Verkehr:Mit künstlicher Intelligenz gegen Schlaglöcher

Die Gemeinde Krailling erfasst ihre Straßen künftig digital - ganz einfach mit einem Smartphone und der App eines Start-ups. Mit dem in der Region einzigartigen Projekt sollen Risse früher geflickt und Kosten gesenkt werden.

Von Carolin Fries

Mit künstlicher Intelligenz will die Gemeinde Krailling von sofort an als erste Kommune in der Region den Zustand ihrer Straßen erfassen und bewerten. Am Mittwoch hat das junge Start-up Vialytics aus Stuttgart Technik und System im Rathaus vorgestellt, das die Kommune für die kommenden drei Jahre nutzen wird. Per App auf einem Smartphone wird der Ist-Zustand aller Straßen aus der Windschutzscheibe eines Fahrzeugs heraus bildlich erfasst, immer in Abschnitten von vier Metern. Ein Algorithmus erkennt sofort vorhandene Schäden wie Risse, ausgebrochene Stellen oder Flickstellen und speichert diese ab.

Nach der Bestandsaufnahme werden die Daten an eine Computersoftware übermittelt, binnen 30 Tagen erfolgt eine ausführliche Analyse: Aus allen Schäden, die erfasst wurden, errechnet das Programm einen Substanzwert für sämtliche Straßen und Straßenabschnitte von sehr gut bis mangelhaft. Zudem erfasst die Software sogar die Erschütterungen des Smartphones während der Fahrt. Der Zustand des kompletten Straßennetzes kann so aus dem Kraillinger Rathaus heraus am Bildschirm mit entsprechender Bewertung überblickt werden, per Mausklick sind die einzelnen Bilder der Abschnitte abrufbar.

Kaputter Straßenbelag in der Gutsstraße in Pentenried.

(Foto: Arlet Ulfers)

"Ich finde das toll", sagte Bürgermeister Rudolph Haux (FDP), dem die Firma vom Bürgermeister der Gemeinde Diespeck in Mittelfranken empfohlen wurde. Auch Bauamtsleiter Sebastian Beel ist begeistert: "Der Vorteil ist, dass die Daten immer wieder aktualisiert werden." Vorgesehen sind zwei Fahrten pro Jahr, eine im Frühling und eine im Herbst. Alle Daten werden in einem jederzeit abrufbaren Archiv gespeichert, "das bietet uns auch die Möglichkeit einer Dokumentation", sagte Bauamtsleiter Beel.

Es passiere beispielsweise immer wieder, dass private Baustellen ungefragt Gehwege oder Straßenteile überbauen und diese anschließend beschädigt seien. Die Kosten für das Programm seien "überschaubar" angesichts der Preise, welche hiesige Ingenieurbüros für vergleichbare Erfassungen anbieten. Pro Kilometer Straße berechnet Vialytics jährlich hundert Euro. Für das etwa 50 Kilometer lange Straßennetz in Krailling fallen demnach 5000 Euro im Jahr an sowie die Kosten für das Smartphone.

App-Erfinder Abdulwahid Saidi (li.) und Anton Ruppaner wollen den Ist-Zustand aller Straßen mit dem Smartphone erfassen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Der Unterhalt der Straßen gehört zu den Pflichtaufgaben der Kommune, alle vier Wochen unternehmen in Krailling deshalb Mitarbeiter des Bauhofs Kontrollfahrten. Akute Schäden werden dabei sofort behoben, eine detaillierte Übersicht aber gibt es bislang nicht. "Wir wissen natürlich, welche Straßen in einem sehr sanierungsbedürftigen Zustand sind", sagte Beel. Ziel der neuen Technik sei es aber, künftig schon viel früher reparierend einzugreifen und die Straßen damit länger befahrbar zu halten. "Wir wollen Schäden in der Nutzschicht erkennen und beheben, bevor sie die Tragschicht erreichen", so Beel.

Die erste Befahrung sei bereits in den kommenden Wochen von Bauhofmitarbeitern mit einem Unimog geplant. Voraussetzung für die Bestandsaufnahme ist: Es darf nicht regnen, die Straßen müssen möglichst trocken und laubfrei sein. Die Mitarbeiter wurden bereits entsprechend geschult. "Das ist grundsätzlich eine gute Sache", sagte Anton Ruppaner vom Bauhof. Für Haux ist es wichtig, Straßenbaumaßnahmen priorisieren zu können auf Grundlage einer fachlichen Analyse. "Das hören wir oft", sagte Abdulwahid Saidi von Vialytics. "Dass im Gemeinderat diskutiert wird, welche Straße zuerst saniert werden muss und dabei dann persönliche Interessen eine Rolle spielen."

Die Schadensliste der Straßenbauer

Auch wenn es in diesem Winter sehr selten geschneit hat und die Winterdienste kaum ausrücken mussten, ist die Sanierungsliste des Straßenbauamts Weilheim, das für den Landkreis Starnberg zuständig ist, stattlich. In der Hauptsache müssen die Straßenbauer heuer aber nur Flickwerk betreiben und schadhafte Stellen sowie Schlaglöcher ausbessern.

Als erstes knöpfen sich die Arbeiter laut Anne Doebert vom Straßenbauamt die Ortsverbindungsstraße zwischen Krailling und Stockdorf vor. Hier ist der Entwässerungskasten mehrfach gebrochen und muss erneuert werden. Die Schlaglöcher in der Ortsstraße von Diemendorf stehen ebenso auf dem Plan der Straßenbauer, wie diejenigen auf der Verbindungsstraße zwischen Diemendorf und Tutzing. In Mitleidenschaft gezogen sind an manchen Stellen auch die Asphaltdecken der Ortsdurchfahrten Traubing, Breitbrunn, Percha und Starnberg. Auch den Fahrbahnbelag auf der Verbindungsstraße zwischen Erling und Herrsching wollen die Straßenbauer sanieren. In Gauting stehen heuer laut Doebert Ausbesserungsarbeiten in der Bahnhofstraße zwischen dem Hauptplatz und dem Bahnhof auf dem Programm. Bei Geisenbrunn ist die Mittelnaht der Fahrbahndecke aufgegangen. Sie muss neu verfugt werden. Einzig in Oberpfaffenhofen werden die Straßenbauer einen rund 700 Meter langen Straßenabschnitt zwischen der DLR und der Lindauer Autobahn komplett erneuern. Die Baustelle werde dann ungefähr auf Höhe der OHB System AG eingerichtet, kündigt Doebert an.

Das positive für die Autofahrer: Weiträumige Umfahrungen brauchen sie heuer nicht zu befürchten. Die Straßenbauer können alle arbeiten laut Doebert bei laufendem Verkehr erledigen. Lediglich in einigen Bereichen seien halbseitige Sperrungen nötig, vereinzelt plane man auch Nachtarbeit. bad

Außer den Straßen nimmt das System auch auf, wo sich Schachteingänge und Wasserabläufe befinden. Aktuell arbeite man daran, künftig auch Verkehrsschilder und Gehwege sowie beispielsweise Hecken festzustellen, die in den Gehweg wachsen, erklärte Saidi. "Die künstliche Intelligenz wird dazulernen", wie es Haux formulierte.

Doch nicht alle Daten dürfen genutzt werden: Autokennzeichen, die die Kamera erfasst, sowie Personen werden aus Datenschutzgründen verpixelt. Laut Marketing-Mitarbeiterin Elena Albrecht nutzen in Deutschland aktuell 50 Gemeinden und Städte Vialytics, darunter die Stadt Leipzig. In Bayern betreut das 2018 gegründete Unternehmen mit 18 Mitarbeitern neben Krailling bislang sechs Kommunen.

© SZ vom 04.03.2020
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