Fünf Monate nach dem Verkauf eines Grundstücks beim Kraillinger Gewerbegebiet an die Ahorn-Gruppe steht infrage, ob sich dort die Pläne des Bestatter-Verbunds zum Bau eines Krematorium überhaupt verwirklichen lassen. Denn das für die Baugenehmigung zuständige Landratsamt Starnberg hat eine solche verweigert. Nun stellt sich die Frage, ob die Gemeinde Krailling unter Bürgermeister Rudolph Haux (FDP) eine Fläche verkauft hat, welche für die Käufer unbrauchbar ist. Zumal auch benachbarte Betriebe heftig protestieren. Die extra für das Bauvorhaben gegründete Novum 1 Projekt GmbH hofft allerdings immer noch auf eine „konstruktive Einigung“ und warnt andernfalls vor Schadensersatzansprüchen.
Das fragliche Grundstück ist etwa 3000 Quadratmeter groß und liegt gute dreieinhalb Kilometer außerhalb des Ortes am Rand der „Kraillinger Innovationsmeile“ (KIM), wie die Gemeinde offiziell ihr Gewerbegebiet nennt. Danach kommt nur noch Wald. Es ist eine von vier Parzellen auf einer Fläche, die früher ein Fußballplatz der Bundeswehr-Pioniere war. Vor Jahren wollte der 3D-Druck-Spezialist EOS dort erweitern, hat den Grund schon gekauft, aber wieder zurückgegeben, als sich ein Neubau nach langen Planungen schließlich doch als unnötig erwies. Also war wieder die Gemeinde am Zug, teilte das Grundstück auf, suchte und fand Käufer für einzelne Parzellen: einen Limousinenverleih aus Puchheim, einen Hüpfburg-Vermieter aus Gilching – und die Ahorn-Gruppe.
Zu diesem bundesweiten Bestatterverband gehört in Bayern unter anderem die Trauerhilfe Denk mit mehr als hundert Geschäftsstellen und Betrieben. „Wir erfüllen Wünsche für einen besonderen Abschied“, lautet deren Credo. Das Unternehmen bezeichnet sich als „Wegbereiterin für innovative, hochwertige wie zugewandte Bestattungsdienstleistungen“, als „Deutschlands erste Adresse für Bestattung und Vorsorge“, unter deren Dach mehr als 100 regionale Marken und 300 Filialen vereint seien.
Für den geplanten Krematoriumsbau wurde die Novum 1 Projekt GmbH gegründet mit dem Starnberger Bestatter Valentin Zirngibl als Mitgesellschafter. Der Standort bei Krailling biete „ideale Voraussetzungen“, sagte Ahorn-Vorstand Tobias Zimmermann, als im vergangenen Oktober die Pläne öffentlich gemacht wurden.
So ideal ist der Standort im Kreuzlinger Forst wohl doch nicht. Nach Ansicht von Landrat Stefan Frey (CSU) sogar ungeeignet. Nach der Auffassung des Starnberger Landratsamts passt nämlich ein Krematorium dort nicht hin, denn es entspreche nicht den laut Bebauungsplan vorgesehenen Vorgaben für ein Gewerbegebiet, bestätigt Behördensprecher Stefan Diebl. Es habe schon mehrere Gespräche mit den Grundstückskäufern gegeben, eines auch mit Landrat Frey.
Krailling muss prüfen, ob anderswo Platz für ein Krematorium ist
Auf schriftliche Bitte der Investoren gebe es zunächst noch eine Anhörung zur angekündigten Ablehnung des Bauantrags. Ob der Bau eines Krematoriums auf einem anderen Standort möglich wäre, müsse die Gemeinde im Rahmen einer Bauleitplanung klären. Dabei geht es um die sogenannte Parzelle 4 direkt am Waldrand. Denkbar wäre dort ein Sondergebiet.
Wie Bürgermeister Haux auf Nachfrage mitteilt, gibt es bereits Verkaufsgespräche mit Interessenten für dieses vierte Grundstück. Zu den Interessenten gehöre auch die Ahorn-Gruppe. Die Flächen würden auf Grundlage der vorliegenden Bauleitplanung verkauft, die Gemeinde sei „erstmal raus“ aus dem Genehmigungsverfahren. Da sei das Landratsamt am Zuge. Haux wird an dem weiteren Verfahren nicht mehr als Bürgermeister beteiligt sein, denn er wurde abgewählt und ist daher nur noch bis Ende April im Amt.
Das Nein aus Starnberg dürfte ganz im Sinne der benachbarten Firmen und der in einem Verein organisierten Betriebe im Kraillinger Gewerbegebiet sein. In einer gemeinsamen Mitteilung bekräftigt die „Interessengemeinschaft der Unternehmer im Gewerbegebiet Kim“, dass sie auch einen Alternativstandort „geschlossen, vollumfänglich und ohne Einschränkung ablehnt“. Zu dieser Interessengemeinschaft gehören Vertreter der Firmen EOS und KL Technik sowie die Geschäftsführer des benachbarten Hüpfburgverleihs und des Limousinenservice.

Schon im November hatten die Firmen ihren Protest gegen die Pläne für ein Krematorium formuliert. „Die Gemeinde Krailling hat dadurch einen Vertrauensbruch mit ihren wirtschaftlichen Partnern und Unternehmen erwirkt“, erklärte Gunter Kadegge als Sprecher des Unternehmervereins Kim. Die Betriebe kritisieren den vorgesehenen „Standort ohne Pietät und Würde“ und befürchten, dass ihre Immobilien an Wert verlieren. Auch stört sie das Einzugsgebiet über die Region hinaus; die geplante Anlage der Novum GmbH habe mit bis zu 40 Einäscherungen pro Tag eine ähnliche Kapazität wie jene am Ostfriedhof in München.
Novum-Geschäftsführer Dieter Pribil bedauert die in seinen Augen „emotional begründete, generelle Ablehnung“. Er vermutet dahinter Einzelinteressen von fünf der etwa 130 Unternehmen im Kraillinger Gewerbegebiet, welche die öffentliche Verwaltung „massiv mit Klageandrohungen unter Druck gesetzt“ hätten. Er sei davon ausgegangen, dass ein Krematorium ohne Abschiedsraum und ohne Trauerfeiern in einem Gewerbegebiet wie in Krailling grundsätzlich zulässig sei. Es sei auch dringend nötig, denn bisher warteten Angehörige von Verstorbenen manchmal mehrere Wochen auf Termine für eine Einäscherung, erklärt Pribil, ohne allerdings ein bestimmtes Krematorium zu nennen. Für die Anlage am Ostfriedhof erklärt eine Sprecherin des Gesundheitsreferats der Landeshauptstadt München: „Das Krematorium München verfügt über ausreichende Kapazitäten für alle Einäscherungen aus dem Stadtgebiet und der gesamten Metropolregion. Selbst mehrere tausend zusätzliche Einäscherungen pro Jahr könnten problemlos bewältigt werden. Eine Einäscherung erfolgt in der Regel innerhalb von drei Tagen, sobald alle erforderlichen Genehmigungen und Unterlagen vorliegen. Damit gewährleistet das Krematorium München eine verlässliche und zeitnahe Durchführung im Sinne der Angehörigen.“
Auch in Penzberg ist der Bau eines Krematoriums abgelehnt worden
Bei der ablehnenden Haltung wie in Krailling spielt nach Pribils Überzeugung auch die „Angst, sich mit den Themen Tod und Endlichkeit auseinanderzusetzen“, eine Rolle. Ein Krematorium als Nachbar scheint generell nicht beliebt zu sein. In Penzberg hatte sich der Stadtrat im vergangenen Herbst zunächst noch mehrheitlich für das Vorhaben der „Feuerbestattungen Oberland“ aus Geretsried ausgesprochen, nach den massiven Bürgerprotesten im Dezember aber seine Ablehnung erklärt. Anwohner hatten damit gedroht, ein Bürgerbegehren zu initiieren, bei einer Bürgerversammlung gab es massive Kritik.
In ihrer Stellungnahme vom November hatten die Kraillinger Geschäftsleute Penzberg noch als Vorbild genannt: Dort werde eine kleinere Anlage „in enger Abstimmung mit den Anliegern und unter transparenter Kommunikation der Stadt“ geplant. Dieses Beispiel belege, „dass Dialog und Beteiligung zu tragfähigeren Lösungen führen können“.
Korrekturhinweis: In einer früheren Version des Artikels fehlte die Stellungnahme des Gesundheitsreferats der Landeshauptstadt München zum Krematorium am Ostfriedhof. Diese wurde nun ergänzt.

