Krailling:Eigentumswohnungen im Denkmal

Einst kam die Oberschicht zur Sommerfrische in die Hacker-Villa. Nun wird das Gebäude für 2,8 Millionen Euro in ein Mehrfamilienhaus umgebaut

Von Carolin Fries, Krailling

Als die Baugerüste aufgestellt wurden, jubelte Friederike Tschochner innerlich. "Es ist ein Glücksfall", sagt die Kraillinger Gemeindearchivarin. Die sogenannte Hacker-Villa in der Bergstraße wird saniert. "Sie ist der letzte erhaltene Bau einer ganzen Reihe stolzer, burgartiger Villen, die um die Jahrhundertwende entlang der Bahn auf der Anhöhe errichtet wurden", sagt Tschochner. Die meisten seien längst abgerissen.

Seit einem Jahr steht der zweigeschossiger Walmdachbau mit Ecktürmchen unter Denkmalschutz, "das Anwesen besitzt geschichtliche und künstlerische Bedeutung", begründet das Landesamt für Denkmalschutz. "Endlich", seufzt Tschochner, die die Villa am Hackerberg ortsprägend nennt. Bis vor wenigen Jahren sei das Haus noch bewohnt gewesen, die vergangenen knapp einhundert Jahre habe es der Familie Koßmann gehört. "Deshalb ist es auch so gut erhalten", so Tschochner. Doch als Klärle Koßmann vor wenigen Jahren verstarb, begann die Archivarin zu bangen. Sollte auch diese Villa nun abgerissen werden?

"Sie wird hoffentlich noch lange Bestand haben", sagt Wenke Wegener von der Münchner VK Wohnbau GmbH. Die Firma hat das Haus 2019 gekauft und saniert es nun für insgesamt 2,8 Millionen Euro unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes. Dabei werde es zu einem Mehrfamilienhaus mit in sich geschlossenen Wohneinheiten umgestaltet, diese würden verkauft. Die Nachfrage nach derlei Objekten sei enorm. "Das ist in etwa wie bei einer sanierten Altbauwohnung in München-Schwabing", sagt Wegener. Wie viele Wohnungen die ehemalige Villa letztlich beherbergen wird, sei derzeit noch unklar. Im kommenden Jahr sollen die künftigen Eigentümer aber bereits einziehen können.

Krailling: Das denkmalgeschützte Gebäude in der Kraillinger Bergstraße wird aktuell aufwendig saniert.

Das denkmalgeschützte Gebäude in der Kraillinger Bergstraße wird aktuell aufwendig saniert.

(Foto: Arlet Ulfers)

Damit bewahrt das Unternehmen der Gemeinde nicht nur ein altes Gebäude, sondern auch ein Stück Geschichte. Denn in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war die Villa öffentlich zugänglich, die alten Gemäuer erzählen eine interessante Geschichte. Das Haus habe damals eine Restauration beherbergt, sagt Tschochner, also eine Art Gaststätte mit Übernachtungsmöglichkeit. Jedenfalls hätten sich einst viele Menschen in dem edlen Ambiente mit Loggia, Balkonen und Zierfachwerk zur Sommerfrische aufgehalten. "Ausstattung und Raumprogramm spiegeln den Repräsentationsanspruch der bürgerlichen Oberschicht wider", heißt das im Fachjargon des Denkmalamts.

Christian Hacker, nach dem heute der Hackerberg benannt ist, ließ die Villa 1898 von dem bekannten Planegger Architekten Walter Sartorius auf dem großen Hanggrundstück errichten. Wie Tschochner berichtet, hatte Hacker kurz zuvor die benachbarte Villa gekauft und dort eine Konzession zum Kaffeeausschank erhalten. Das Denkmalamt spricht von einer "Gaststätte mit einem Biergarten", welche auf der Anhöhe betrieben wurde. Einig ist man sich, dass viele Besucher länger blieben als nur für einen Kaffee oder ein Bier. "Nach den Fremdenbüchern im Gemeindearchiv Krailling beherbergte Hacker auch Gäste, so Tschochner.

Krailling: Eine Postkarte zeigt das "Restaurant Villa Hacker" aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg.

Eine Postkarte zeigt das "Restaurant Villa Hacker" aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg.

(Foto: privat)

Der Betrieb währte allerdings nur knapp 15 Jahre, noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs gab Hacker seine Besitzungen in Krailling auf. "Die Restauration wurde später umgebaut und existiert nicht mehr", berichtet Tschochner. Die Villa erwarb 1924 Wilhelm Koßmann, der in der Gewerbekartei in den Jahren 1936 bis 1945 als "Handelsvertreter" firmiert, wie die Gemeindearchivarin weiß. Nach dessen Tod lebte seine Tochter Klärle bis zu ihrem Tod 2017 in der Villa.

Für das Landesamt für Denkmalschutz ist das Wohnhaus "ein wichtiges Zeugnis für die Anfänge der Villenkolonie" im westlichen Krailling. Einen wichtigen Markstein bilde die Villa zudem im Œuvre des Architekten Sartorius. So stehe die Villa Koßmann zusammen mit der Villa Pauline in Planegg für dessen historistisches Frühwerk, "bevor Sartorius nach 1900 zu einem Vertreter der Reformarchitektur wurde".

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