Kraillinger Kultur Die Drei von der Krafttankstelle

Musik für Klarinette in Kontrabasslage und präparierte Gitarre: Udo Schindler, Diego Muné und Bernadette Zeilinger bei ihrem Auftritt in Krailling.

(Foto: Georgine Treybal)

Hausherr Schindler spielt in seinem Kraillinger Salon mit Bernadette Zeilinger und Diego Muné

Von Reinhard Palmer, Krailling

Die Szene der Ad-hoc-Improvisationsmusiker kommt ohne Agenturen aus. Trotzdem sind die Akteure weltweit außergewöhnlich gut vernetzt. Ein Vorteil in dieser Musiksparte ist zweifelsohne, dass keine Proben nötig sind, ja vielleicht sogar der musikalischen Idee zuwiderliefen. Sich auf der Bühne zu begegnen und ohne inhaltliche Absprachen aus dem Moment heraus gemeinsam zu musizieren und aufeinander einzugehen, ist ein wahres Abenteuer für Zuhörer und Musiker selbst.

In Udo Schindlers Kraillinger "Salon für Klang + Kunst" konnte man schon in den vorangegangenen 63 Konzerten eine beachtliche Fülle an Konstellationen und Varianten des Überraschungsspiels erleben. Mit Bernadette Zeilinger aus Wien und dem Argentinier Diego Muné lud der Hausherr nun zwei Musiker ein, die seit vielen Jahren in diversen Ensembles miteinander konzertieren und dementsprechend aufeinander abgestimmt sind. Schindler durchbrach mit seinem Klarinettensortiment bis hin zum mannshohen Instrument in Kontrabasslage diese vertraute Konstellation aus Blockflöten und akustischer Gitarre, was Zeilinger offenbar in gewisser Weise aus dem Konzept brachte. Jedenfalls fand sie streckenweise wenige Anknüpfungsmöglichkeiten, ins Spiel zu finden. Doch gönnten sich die drei Musiker gegenseitig auch solistische Einlagen, sodass Zeilingers faszinierendes Spiel dennoch zum Zuge kam.

Die klassisch ausgebildete Blockflötistin, die eine Sopranino- und eine Alt-Blockflöte mitgebracht hatte - Kontrabass-Blockflöte wäre wohl günstiger gewesen -, arbeitet gerne mit Geräuschen, vom Blasen in die Grifflöcher bis hin zum Schnalzen und Knutschen durchs Kopfstück der Flöte. Andererseits setzt sie auch beim Spielen von Tönen Mehrstimmigkeit ein, indem sie beim Blasen ihre eigene Stimme mitklingen lässt.

Manchmal kommt als dritte Stimme ein Pfeifen hinzu, sodass sogar Akkorde möglich sind. Mit diesen Spielweisen entwickelte Zeilinger eine eigene Stilistik, die einerseits meditativ ist, andererseits aber auch luftig und farbenreich. Substanzvolle Ausbrüche in schrillen Tönen kommen nur selten vor, sind dann aber umso intensiver und wirkungsvoller.

Auf Diego Muné trifft der Begriff der Vielseitigkeit auch weit über die Ad-hoc-Improvisation hinaus. Sowohl an der akustischen als auch an der E-Gitarre ist er ein grandioser Techniker, der als Studiomusiker auf jede nur erdenkliche Musikrichtung einzugehen versteht. Als Spontanimprovisator ließ er seinem Temperament freien Lauf, ohne Rücksicht aufs Instrument. Er traktierte die Saiten bisweilen gewaltsam, rieb darauf mit Schlagzeugsticks, schob sie zum Spielen auch unter die Saiten. In den intensivsten Momenten klang seine Gitarre wie eine industrielle Maschine. Muné arbeitete aber auch mit den akustischen Qualitäten des Gitarrenkorpus, indem er mit angefeuchteten Fingern darauf rieb und so singende Töne erzeugte. Bisweilen geschah es rhythmisiert und in verschiedenen Tonlagen, sodass daraus ein motivischer Groove hervorgehen konnte. Auf diese Weise wurde der Dialog insbesondere mit Schindlers tiefen Klarinetten leicht möglich - bis hin zu imitatorischen Spielchen.

Das gegenseitige Herausfordern war hier durchaus mit qualitativem Fordern verbunden. Vor allem ablesbar an der Spannung im Trio und den langen Pausen zwischen den Improvisationen, war doch dadurch ein In-sich-Hineinhören notwendig, bevor ein neuer Ansatz in Angriff genommen werden konnte. Umso emotionaler und ausdrucksstärker entwickelte sich jedes Stück, meist von Schindlers Klarinetten voluminös unterfangen.