Coronavirus im Landkreis Starnberg:"Das ist ein Drama, das will kein Mensch"

Pflegekräfte in Altenheimen

Coronavirus-Ausbrüche in Altenheimen greifen in der Pandemie immer wieder um sich. Dann machen die Behörden Vorgaben, welche Maßnahmen zum Schutz der Bewohner getroffen werden müssen, und Empfehlungen, welche getroffen werden sollten.

(Foto: dpa)

Die Caritas klagt gegen das Landratsamt wegen einer Corona-Strafe von 10 000 Euro. Das Altenheim Maria Eich in Krailling hätte bei einem Ausbruch Infizierte in die Zimmer anderer Bewohner verlegen müssen - aber ist das praktisch überhaupt möglich?

Von Carolin Fries, Krailling

Was kann man Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt noch zumuten? Welche Schutzmaßnahmen in der Pandemie sind in Pflegeeinrichtungen gerechtfertigt - und welche überzogen? Das Caritas-Altenheim Maria Eich in Krailling hat sich bei einem Coronavirus-Ausbruch im Frühjahr einer Anordnung des Landratsamts widersetzt und infizierte Bewohner nicht in einem separaten Bereich isoliert. "Es war menschlich schlicht nicht möglich", begründet die Heimleiterin Diana Sturzenhecker. Das Heim wurde zu einem Zwangsgeld in Höhe von 10 000 Euro verdonnert. Der Caritasverband hat zwar gezahlt, aber Klage vor dem Bayerischen Verwaltungsgericht eingereicht.

Von Mitte Januar bis in den März hinein hatten sich 21 der etwa 160 Bewohner in drei verschiedenen Wohnbereichen mit dem Coronavirus infiziert, vier Bewohner starben. "Ein Ausnahmezustand für alle Betroffenen", wie Doris Schneider, Geschäftsleiterin für Altenheime im Caritasverband München und Oberbayern sagt. Oberstes Ziel sei es deshalb stets, das Virus einzudämmen.

Nach der Handlungsanweisung des Gesundheitsministeriums ist es darum "zwingend" geboten, die Infizierten zu isolieren und nicht mehr an Gemeinschaftsaktivitäten teilnehmen zu lassen, darüber hinaus "sollten" betroffene Heime sogenannte Pandemiezonen einrichten, das heißt, "wenn möglich sollten SARS-CoV-2 positive Bewohner und Covid-19-Erkrankte in abgetrennten Bereichen untergebracht werden". Auch enge Kontaktpersonen und Bewohner mit Erkältungssymptomen gelte es zu isolieren. Die Fachaufsicht des Landratsamtes habe damals nach einer Begehung zusammen mit dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit entschieden "dass aus dem Soll ein Muss wird", wie Landrat Stefan Frey (CSU) sagt. Die Maßnahme sei sinnvoll. Dass sich eine Einrichtung dagegen sperrt, verstehe er nicht. "Es geht schließlich um Leib und Leben."

"Die Pandemiezonen hören sich in der Theorie gut an", sagt Schneider. Doch in der Praxis gebe es in den Heimen keine leeren Stationen oder freie Betten wie in Krankenhäusern, wohin man Infizierte verlegen könnte. Statt in Krankenzimmern lebten die Menschen in individuell eingerichteten kleinen Wohnbereichen, wie Schneider erzählt. Pandemiezonen könnte man hier nur schaffen, indem man die Bewohner untereinander verlegt - Gesunde hierhin, Kranke dorthin. Das Problem dabei: Der vertraute Wohnbereich muss einem anderen überlassen werden, während man selbst übergangsweise in das Zimmer eines Unbekannten zieht.

Das könne man nicht mit allen Bewohnern machen, sagt Schneider und nennt als Beispiel demente Bewohner, die stark auf eine vertraute Umgebung angewiesen seien sowie Bewohner in ihren letzten Lebenswochen. "Da muss ich mich auch fragen, was richte ich da an?" Sturzenhecker sagt, bei der Abwägung gehe es um nichts Geringeres als die Würde des Menschen. So wurden Infizierte im Frühjahr lediglich in ihren Zimmern isoliert, nicht aber in einem abgetrennten Wohnbereich.

Pauschale Anordnungen der Behörden ärgern Schneider

Auch was das Personal betrifft, hat das Caritas-Heim die Vorgaben des Gesundheitsamtes damals nicht immer eingehalten, wonach die isolierten Bewohner von den immer gleichen Mitarbeitern betreut hätten werden müssen. Obwohl man das Personal aufgestockt habe, sei das nur zum Teil gelungen, sagt Schneider. Pflegepersonal sei nach wie vor rar, bei Ausbrüchen fielen zudem meist auch Mitarbeiter infiziert oder als Kontaktpersonen aus, erklärt sie.

Schneider leitet insgesamt 27 Altenheime in München und Oberbayern, Coronavirus-Ausbrüche hat sie in den vergangenen eineinhalb Jahren mehrere begleitet, darunter acht oder neun größere mit mehr als 50 infizierten Bewohnern. "Das ist ein Drama, das will kein Mensch." Schneider sagt, sie hätten bei der Caritas viel gelernt über die Bekämpfung des Virus, seien keine Anfänger mehr. Ihre Lehre: "Es gibt keinen Königsweg." Selbst wenn man es überall gleich mache, entwickelten die Ausbrüche unterschiedliche Dynamiken. Deshalb ärgern sie pauschale Anordnungen auch so. "Altenheime sind komplexe Systeme." Sie habe mit 13 Gesundheitsämtern zu tun, mit allen könne man sprechen - nur die Starnberger Behörde blocke ab.

Landrat Frey hat keinerlei Verständnis für die Einstellung des Caritasverbands. "Alle Heime im Landkreis haben sich kooperativ gezeigt", sagt er, einige hätten gar von sich aus abgetrennte Bereiche für die isolierten Bewohner eingerichtet. Nur Krailling mache Probleme. "Das mag umständlich und auch nicht immer schön sein, aber es ist nun mal sehr wichtig."

Seit zweieinhalb Wochen kämpft das Altenheim mit einem neuen, dem inzwischen siebten Ausbruch. Sieben Bewohner aus einem Wohnbereich sind infiziert, eine Bewohnerin ist an den Folgen ihrer Erkrankung gestorben. Am Freitag meldete die Kreisbehörde einen weiteren infizierten Mitarbeiter im Heim. Die Behörde hat bereits in der vergangenen Woche mündlich die Einrichtung einer Pandemiezone angeordnet, inzwischen liegt die Aufforderung der Heimleitung auch schriftlich vor. Erneut ist ein Zwangsgeld von 10 000 Euro angedroht. Noch kann Sturzenhecker die Auflagen erfüllen. "Doch sollten sich zwei oder drei weitere Bewohner anstecken, ist das räumlich und menschlich nicht mehr darstellbar", sagt Schneider.

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