Konzert Zauber der Psalmen

Kammerchor des Collegium Bratananium singt in Gauting Raritäten

Von Reinhard Palmer, Gauting

Das Singen von Psalmen, die Psalmodie, ist eine alte Form der frommen Verehrung. Aber selbst wer kein religiöser Mensch ist, kann den poetischen und tiefsinnigen Psalmentexte und ihren Vertonungen sicher etwas abgewinnen. Gerade wenn sie archaisch a cappella gesungen werden und noch dazu ein Vokalensemble im Spiel ist, das sich unter der Leitung von Johannes X. Schachtner gerade zu einem erstklassigen Kammerchor entwickelt.

Hochrangiger A-cappella-Gesang wirkt nämlich magisch und kann mächtig unter die Haut gehen. Und der Kammerchor des Collegiums Bratananium, der 2005 gegründet worden ist, vermag nicht nur aus der klangschönen Balance einen Klangkörper zu formen, sondern ihn auch sicher durch alle dramatischen Ausdrucksformen zu modellieren. Schachtner nahm sich des Themas der Psalmenvertonungen beim Konzert in der Gautinger Christuskirche in einer sehr theatralischen Weise an. Was auf eine hohe Kunst der Dramaturgie auf engstem Raum hinausläuft, denn ein Satz wie der aus dem Psalm 42 ("Wie der Hirsch sich nach frischem Wasser sehnt, so sehnt sich meine Seele nach dir, o Gott") ist auf den ersten Blick für eine musikgestalterische Inszenierung nicht gerade geschaffen. In der großartigen, polyfonen Renaissance-Vertonung von Giovanni Pierluigi da Palestrina kann daraus aber ein hochemotionales Drama werden, in dem das Sehnen mit tiefster Hingabe geradezu körperlich erfahrbar wird.

Dieses ruhige Fließen in kontrapunktischer Klarheit gewann aber auch viel Spannung aus der choreografierten Darbietung im Raum, die mit überraschenden Werken und Wirkungen arbeitete. Nach dem Einzug in die Kirche mit Mozarts Vertonung "God is our refuge" (KV 20, Psalm 46, tatsächlich original in englischer Sprache) sollte Palestrina im Vorraum erklingen, allerdings erst nach einem avantgardistischen Orgelwerk von Sofia Gubaidulina (geboren 1931). Wie ein Mysterium schwebte dieses Stück mit dem Titel "Hell und Dunkel" zwischen den beiden musikalischen Welten Mozarts und da Palestrinas. Eine Komposition, mit der Konstantin Esterl, Organist in der Münchner Kirche St. Maximilian und derzeit Doktorand in Musikwissenschaft, ein abstraktes Gemälde voller fantastischer Ereignisse entwarf. Vor allem ging es aber dem Titel entsprechend um Kontraste, die unentwegt neue Formen annahmen. Diese Abstraktion nahm Esterl auch in die weiteren Orgelstücke mit, schon in Clara Schumanns Präludium und Fuge in fis-Moll, deren Nonlegato sich dann bei Robert Schumann in dessen Nr. 1 aus "Skizzen für den Pedalflügel oder die Orgel" op. 58 zu einem spröden, ja ruppigen Staccato steigerte. Diese Interpretation stand in ausgeprägtem Kontrast zum Chorgesang, der zwar auch schon mal wie in Johann Michael Bachs Choralmotette "Unser Leben währet siebenzig Jahr" straff rhythmisiert erklang, doch sogleich mit einer solistischen Sopranstimme und darüber schwebender Melodik doch wieder die Homogenität pflegte.

Das Programm enthielt etliche Raritäten. Dazu gehörte "Wie liegt die Stadt so wüst" von Rudolf Mauersberger, der sich als Dresdner Kreuzkantor einen Namen machte. Seine Motette nach einem Psalm der Klagelieder Jeremias', am Karfreitag 1944 komponiert, ist ein Lamento auf das zerstörte Dresden, das der Kammerchor höchst expressiv kontrastierte und damit dem Kriegswahnsinn beklemmend Ausdruck verlieh. Hier zog Schachtner alle Register der dramatischen Verdichtung, um sie romantischer Melodiebildung entgegenzusetzen. Diese Interpretationsweise leistete der theatralischen Wirkung Vorschub, wobei auch ein erzählerisches Moment zum Zuge kam.

Das sollte dann bei Mendelssohn für intensiv fesselnde Entwicklungen sorgen. Seine Psalmenvertonungen op. 78 sind ein singulärer Zyklus, der die Psalmodie geradezu ins szenische Fach überführt. Der hochintellektuelle Mendelssohn, der mit tradierten Formen wie kein anderer vertraut war, sah darin nicht nur eine kompositorische Aufgabe. Schon die Texte "Warum toben die Heiden" (Psalm 2), "Richte mich, Gott" (Psalm 43) und "Mein Gott, warum" (Psalm 22) zeugen von einem tiefsinnig reflektierten Vorgehen.

Auch Schachtner und seine Chorsänger eiferten dem nach, gingen den Inhalten sorgfältig differenziert auf den Grund und entdeckten dabei einen Mendelssohn, der die Psalmentexte auf eine philosophische Ebene hob und die Psalmodie-Tradition mit seiner betörend schönen romantischen Rhetorik in Einklang zu bringen vermochte. Einfach großartig.