Konzert:Weltreise für Zwei

Konzert: Auch bei Extremen auf einer Linie: Cellist Jakob Spahn und Pianist Jonathan Aner bei ihrem Konzert in Herrsching.

Auch bei Extremen auf einer Linie: Cellist Jakob Spahn und Pianist Jonathan Aner bei ihrem Konzert in Herrsching.

(Foto: Arlet Ulfers)

Das Duo Jakob Spahn und Jonathan Aner beim Festival Ammerseerenade

Von Reinhard Palmer, Herrsching

Im großen Saal des Herrschinger Hauses der bayerischen Landwirtschaft war kaum zu überhören, dass diese Musiker ein eingespieltes Duo sind. Jakob Spahn am Violoncello und der Israeli Jonathan Aner am Klavier zeichnen sich durch eine Homogenität aus, die selbst bei extremen Wendungen überzeugte. Und bei ihrem Programm "Classic Mondial" zum Festival Ammerseerenade, in dem jedes Stück eine andere kompositorische Schule und Stilistik, Klangcharakteristik, ja sogar andere kulturelle Wurzeln offenbarte, gab es davon reichlich. Auch innerhalb einer einzigen Komposition, naturgemäß in einem Variationswerk, wie hier von Beethoven mit Themen aus Mozarts Zauberflöte. Gleich zu Beginn steckte das Duo damit ein breites Ausdrucksspektrum ab: von spritzig leicht und luftig über lyrische kantabel und gewichtig bis hin zu weitschweifend zwischen Dramatik und Schwärmerei. Dieses Gesamtprogramm an bisweilen stark kontrastierenden Ausprägungen sollte im Laufe des Abends noch eine Vielzahl an Schattierungen und Kombinationen erleben, manchmal entschieden expressiv, doch meist innerhalb feinster Differenzierung und behutsamen Changierens.

Die beiden preisgekrönten Musiker - Spahn auch beim ARD-Wettbewerb - gingen aber nicht nur mit populärer Klassikliteratur auf Reisen. Die Engländer Frederick Delius, dessen "Romance" eine mehrteilige Liebesgeschichte zu erzählen schien, und Frank Bridge finden nur selten in Konzertprogramme. Dabei ist Bridges wirbelnd-schwirrendes Scherzo mit einem schönmelodischen Trio im Zentrum ein meisterhafter Wurf, mit einer virtuosen Steigerung zum Finale hin, die das Duo schmissig servierte. Selbst wenn die Stücke keine programmatischen Titel trugen, hatten die kleinen Formen immer etwas Erzählerisches an sich.

Auch die "Trois Pièce" von Nadia Boulanger sind Charakterstücke von bildhafter Wirkung. Dies kennt man ja von Chopin, der selbst in seinen Konzertanten Klavier-Études - wie hier in dem fürs Duo bearbeiteten op. 10/3, als "Tristesse" untertitelt - immer an einen bestimmten Ausdruckskreis dachte. Seine Walzer, von denen das Duo das op. 62/2 darbot, sind ohnehin mehr als nur Tänze. Sie werden stets in eine Szenerie eingebunden und schwärmen von schillernden noblen Bällen.

Sonst ging es um Programmmusiken, die ihre Inhalte in den Titeln trugen. Am bekanntesten davon wohl von Manuel de Falla die "Danza ritual del fuego" aus dem Ballet "El amor brujo", in der Aner mit spieltechnischen Finessen farbenreich und faszinierend den Orchester-Begleitpart übernahm. Eine mitreißende Interpretation, die in der Kleinbesetzung nichts vom Orchester vermissen ließ. Die expressivste Vorstellung gab Spahn solistisch, was die Eindringlichkeit nur noch verstärkte: Der Japaner Toshirō Mayuzumi, einer der interessantesten Komponisten des 20. Jahrhunderts, brachte seine atonal-experimentelle Musik mit japanischer Tradition in Einklang. "Bunraku", was eine traditionelle japanische Form des Figurentheaters in Begleitung einer Shamisen (Lautenart) bezeichnet, ist reinster Ausdruck in spröder Zuspitzung. Im Zusammenspiel von Pizzicato und gestrichenen Elementen entwickelte Spahn eine fesselnde Geschichte in exotischer Szenerie.

Für den spanischen Komponisten Gaspar Cassadó schien das Orientalische nicht von zentraler Bedeutung, obgleich sein "Lamento de Boabdil" den Abschied des Maurenkönigs von Granada in Musik verwandelt. Das Duo spürte darin viele Schattierungen des Nachtrauerns auf, meist unterschwellig aufgewühlt mit Ausbrüchen des inneren Brodelns. Rachmaninow nutzte in der "Dance Oriental" vor allem die exotischen Farben für seine leidenschaftliche bis wild schwirrende Komposition. Das Duo verzauberte hier vor allem mit extremen Rücknahmen ins zarteste Farbschillern. Das letzte Wort bekam aber Neue Musik. Piazzollas "Le Grand Tango" setzte die Aggressivität des Tanzes stärker in den Vordergrund, von Spahn und Aner ungeschönt zugelassen. Sie zogen einen weiten Bogen durch kontrastreiche Szenerien, die schließlich zum Jazz-Impetus fanden, mit dem es zum fetzigen Finale ging. Die Zugaben glätteten dann die Wogen: Drei Schwäne - von Grieg, Villa-Lobos und Saint-Saëns.

© SZ vom 17.09.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB