bedeckt München

Konzert:Titan und Schwan

Das stark reduzierte Orff-Festival feiert Beethoven

Von Reinhard Palmer, Andechs

Rein theoretisch wäre Orff heuer mit 125 Jahren halb so alt wie Beethoven. Ein Bezug, der zwar musikalisch wenig aussagt, aber zum Experiment animierte, die beiden konträren Geister aufeinandertreffen zu lassen. Das Ganze hat nur einen Haken: Orff hat keine Kammermusik geschrieben. Es musste also der ominöse Gassenhauer bemüht werden, in dem Orff und seine Ghostwriterin Gunild Keetman Hans Neusiedlers Komposition von 1536 bearbeitet hatten. Eher eine zünftige Fingerübung. Aber die einzige Möglichkeit, einem Kammerkonzert "Der Titan & der Altbayer" betiteln zu können.

Jedenfalls wurde es ein würdiger Auftakt für diese Jubiläumsausgabe des Orff-Festivals, das wegen Corona radikal um etliche Veranstaltungen schrumpfte, die bereits fürs Programm 2021 vorgemerkt sind. Es blieben kammermusikalische Beiträge, die das Festival aber keineswegs zur Notausgabe machten. Schon der Start mit dem vielfach bei Wettbewerben ausgezeichneten Cellisten Hendrik Blumenroth und der international renommierten armenischen Pianistin Margarita Oganesjan bot ein dem Anlass angemessenes Format, wenn auch beim ersten Durchlauf am Nachmittag noch vor wenig Publikum. Für die Veranstalter war das eine entspannte Vorübung für die Umsetzung der vorgeschriebenen Vorsichtsmaßnahmen, am Abend erklang dasselbe Programm dann noch einmal. Im Andechser Florianstadel fanden die etwa 30 Besucher reichlich Platz, sich aus dem Weg zu gehen und auch während des Konzerts in großzügigen Abständen zu sitzen. Der Applaus fiel trotzdem nicht spärlich aus, drückte doch das kulturell ausgehungerte Publikum nicht nur die Begeisterung für die Darbietung aus, sondern auch die Dankbarkeit dafür, wieder zu Musikgenuss zu kommen.

Schlüssiges Spiel: die armenische Pianistin Margarita Oganesjan bei ihrem Auftritt im Andechser Florianstadel.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die zweite und dritte Cellosonate Beethovens sind zwar recht frühe Werke, doch keinesfalls unreife. Ganz im Gegenteil. Denn schon in den beiden ersten Cellosonaten op. 5 ging es für den damals 26-jährigen Komponisten um viel. Beim einzigen Besuch Beethovens in Berlin beim preußischen König und dilettierenden Cellisten Friedrich Wilhelm II. wollte der noch recht ungehobelte Musiker einerseits als Komponist überzeugen, andererseits als Pianist brillieren. Außerdem sollte der renommierte Cellist des Königs, Jean-Louis Duport, einen Part bekommen, mit dem er sein meisterhaftes Spiel demonstrieren konnte. Herausgekommen ist in Nr. 2 g-Moll eine prägnante Sonate, in der das Tasteninstrument dominiert, aber sich immer wieder ausgedehnte brillante Cello-Passagen in den Vordergrund schieben.

Vermutlich klang das einst weit ungestümer und wuchtiger, als es die beiden feinsinnigen Musiker am Nachmittag vorführten, dennoch ohne an Temperament zu sparen. Das Duo zeichnet vor allem eine plastische, absolut schlüssig changierende Spielweise aus. Empfindsamkeit ging nahtlos in einen mächtigen Spannungsaufbau voller Dramatik über. Das attacca angesetzte Allegro des ersten Satzes begeisterte mit dem munteren Wechsel zwischen Dur und Moll. Und das prägnant rhythmisierte Schlussrondo überzeugte mit energischem Wirbeln, in dem Oganesjan ihrer perlenden Pianistik Lauf lassen konnte.

Auch den virtuosen Passagen gewachsen: der in München lebende Cellist Hendrik Blumenroth.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die Cellosonate A-Dur op. 69 ist ein Werk von reichhaltigen Charakterwechseln, von eingängigen Themen und Motiven. Sie entstand während der Arbeit an den Sinfonien fünf und sechs, was nicht nur die monumentale Größe der Sonate begründet. Die melodische Dichte sowie der Erfindungsreichtum dürften ebenfalls Hinweise auf die Beschäftigung mit dem großen Orchester geben, insbesondere die klangschönen Gesänge des Violoncellos etwa im dritten Satz. Wie das Duo das galante Tänzchen im Kopfsatz, das sperrig synkopierte Motiv im Scherzo und den Kontrast zwischen dicht fließendem Gesang und spritziger Straffung auf den Punkt brachte, zeugte von außergewöhnlichen Sicherheit und großen Bandbreite in der musikalischen Rhetorik. Für die nachhaltige Wirkung erwiesen sich die Schlusspassagen der Sätze beider Cellosonaten, die Oganesjan und Blumenroth groß zu inszenieren verstanden, als entscheidend. Für den finalen Effekt sah Beethoven kurz vor dem kraftvollen Schluss immer eine Rücknahme vor. Das Duo verstand es, für diesen Kunstgriff einen großen Raum zu öffnen.

So sehr der "Schwan" von Saint-Saëns abgegriffen ist: Nach so langer Klassik-Abstinenz war das süßliche Stück eine Wohltat für die Seele.

© SZ vom 27.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite