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Konzert:Stimmige Lieder

Liederabend im Krankenhaus; Kultur im Klinikum

Leidenschaftlich und feinsinnig: Floré van Meerssche (rechts) und Hiroko Utsumi bei ihrem Liederabend.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Junges Duo überzeugt in der Kapelle der Klinik Starnberg

Vor noch nicht allzu vielen Jahren hieß es: Konzentriere dich auf ein Fach, sei nicht übermütig und übe, übe, übe! Heute haben Musikstudenten fürs Vorankommen ganz andere Strategien - und sind damit überaus erfolgreich. Sie studieren in vielen Ländern, nehmen an Meisterkursen teil, sammeln Erfahrungen in allen Genres und Gattungen, erproben sich schon mal am für sie scheinbar noch Unerreichbaren, treten möglichst oft auf, lernen Sprachen, reisen und weiten ihren Horizont.

Der Mut und die Mühen zahlen sich aus, zumindest fürs Stipendium von "Yehudi Menuhin Live Music Now". Mit derartigen Referenzen sind junge Musiker jedenfalls offenbar prädestiniert für die Unterstützung seitens des Vereins. Floré van Meerssche und Hiroko Utsumi, die in der Kapelle des Starnberger Klinikums mit Liedern und Arien staunen ließen, stehen geradezu mustergültig dafür. Die 24-jährige belgische Sopranistin und die 25-jährige japanische Pianistin trafen sich nach jahrelangen Studien nun an der Münchner Musikhochschule in der Liedklasse. Für van Meerssche ist das eine weitere Station parallel zum Berufseinstieg im Opernfach, zunächst im Rahmen der Theaterakademie. Nach der Rolle der Pamina in Mozarts "Zauberflöte" ist sie nun Adina in Donizettis "Liebestrank". Utsumi wiederum vertieft ihre Studien nach Wettbewerbserfolgen im Solistenfach - hier mit Chopins Regentropfen-Prélude im Programm zu hören - nun als Begleiterin von Sängern.

Wie anspruchsvoll das Liedfach ist, wurde in der Klinikkapelle deutlich spürbar. Die einhellige Gestaltung aus der Sprachmelodie und aus den Textinhalten heraus erfordert ein enges Miteinander und ein konzentriertes Aufeinanderhören. "Widmung" von Schumann etwa machte dies deutlich, ein fein austariertes Werk, in dem es um das Auf und Ab im einfühlsamen Wogen und in den aufgewühlten Empfindungen geht. Schubert, der unumstrittene Meister des Liedes, packt einen nur dann, wenn die Interpreten es schaffen, das feinsinnige Changieren zwischen den eng an Inhalten orientierten Stimmungen schlüssig zu entwickeln. Das war denn auch das Thema des Abends, mit dem van Meerssche und Utsumi zweifelsohne überzeugten. Bei Schubert entwickelten sie sowohl die dichte, intensive Textur des "Bei dir allein" als auch den zarten Wellengang und die fließende Melodik in "Auf dem Wasser zu singen", ein Werk, das später Liszt dazu animieren sollten, daraus eine Klavieretüde zu kreieren. Ein solches Liederpaar bot das Duo auch von Brahms, doch keinesfalls in romantisch-plastischer Schwere. "Ständchen" gab sich freudig erregt und humorvoll erzählend, während "Die Mainacht" mit weich mäandernden Linien und seelentief berührender Lyrik verzauberte. Schwermut gab es vielmehr von Richard Strauss, aber auch hymnische Feierlichkeit ("Du meines Herzens Krönelein"), die sich in "Zueignung", der späteren Zugabe, mit leidenschaftlicher Inbrunst füllen sollte.

Etwas Vergleichbares bot eine Rarität im Programm: Der aus Venezuela stammende französische Komponist Reynaldo Hahn vertonte "À Chloris" des frühen 17. Jahrhunderts von Théophile de Viau in der schwärmerischen Empfindsamkeit der Romantik, die das Duo lyrisch-melancholisch zelebrierte.

In Opernarien schaltete Utsumi gewandt in den Orchestermodus, wenn auch in der Substanz liedhaft zurückhaltend. Van Meerssche fühlte sich absolut wohl in den Rollen: als Beethovens Marzelline aus "Fidelio" oder Mozarts Susanna aus "Figaros Hochzeit". In beiden Fällen ein verliebtes Sinnieren in freudiger Erwartung des Geliebten (wenn auch bei Beethoven irrtümlich). Van Meerssche schlüpfte mit Bedacht in ihre Rollen, doch den leidenschaftlichen Emotionen ließ sie freien Lauf, was dem Publikum besonders gefiel und an Applaus für das stimmige Duo nicht sparen ließ.

© SZ vom 11.09.2017
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