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Konzert in Dießen:Europäisches Potpourri

Dießen Kirchsteig KiK

Kammermusikalische Heimatforscher: Michael Klein, Michaela Schmid, Gerhard Zink und Richard Kurländer (von links) beim Konzert in Dießen.

(Foto: Georgine Treybal)

Die "Fraunhofer Saitenmusik", Wegbereiter der neuen Volksmusik, arbeitet sich im Wirtshaus am Kirchsteig durch ein Jahrtausend und beeindruckt mit uneitlem Zusammenspiel

Von Armin Greune, Dießen

Wer sein Leben der Volksmusik widmet, hat es schwer, von den Feuilletons ernstgenommen zu werden. Noch immer prägen kommerziell erfolgreiche Protagonisten volkstümlicher TV- und Massenveranstaltungen das Bild in der Öffentlichkeit. Deren Stars wie Florian Silbereisen, Maria Hellwig oder Hansi Hinterseer finden ihr Publikum vor allem in der Altersgruppe ab 70. Doch seit einiger Zeit erobern junge Musiker eine ganz andere Zuhörerschaft: Unter dem Begriff "Neue Volksmusik" oder "Volxmusik" überschreiten sie Grenzen zum angloamerikanischen Folk und der Musik fremder Kulturen oder zu Jazz, Rock und Hip-Hop. Wichtige Wegbereiter dieser Entwicklung einer stockkonservativen Musikrichtung zur für alle Einflüsse offenen Weltmusik waren und sind die Fraunhofer Saitenmusik: Vor 40 Jahren veröffentlichten sie ihre erste LP unter dem Titel "Volksmusik in schwierigen Zeiten". Das von Richard Kurländer und der 2013 gestorbenen Heidi Zink gegründete Ensemble hat freilich weniger moderne Stilelemente populärer Musik aufgenommen, sondern sich vielmehr von der Folklore anderer Länder und Zeiten sowie der Klassik beeinflussen lassen.

Das wurde auch beim fast schon traditionellen Konzert zu Jahresbeginn im Dießener Wirtshaus am Kirchsteig rasch deutlich: "Wir werden uns auf die übliche Nord-Süd-Reise begeben", kündigte Kurländer zu Beginn an. Und der Harfenist und Hackbrettspieler und seine Mitmusiker Gerhard Zink (Kontrabass), Michael Klein (Gitarre) und Michaela Schmid (Flöte, Cello) hielten Wort: Das Programm reichte von der Tiroler Volksweise bis zum finnischen Walzer und von gälischen Harfenstücken bis zu einer Arie von Johann Friedrich Gräfe. Der zeitliche Horizont im Repertoire der Saitenmusik dehnte sich gar über ein ganzes Jahrtausend: Er fing mit einem Trauerlied über den letzen Hochkönig der Iren und seine legendäre Harfe Brain Boru an und endete bei "Mayas Couscous-Kuss" der Folkgruppe Liederjan aus dem Jahr 2010.

Und doch wirkte alles wie aus einem Guss. Meist wurden die recht kurzen Stücke geschickt zu kleinen Potpourris verwoben und die eingängigen, aber doch feinsinnigen Melodien schlugen die Zuhörer im ausverkauften Saal in den Bann. Mal tänzerisch beschwingt, mal melancholisch gestimmt arbeitete das Quartett bei Mazurken, Bourrées, Gavottes, Polkas, Märschen und Menuetten unprätentiös zusammen. Solistische Eskapaden unterließen sie zugunsten klangschöner Harmonie; auch so blieb jedem Musiker genug Raum, um Kunstfertigkeit an den Instrumenten zu beweisen. Wobei Kurländer mehr an der Harfe beeindruckte als an den Hackbrettern, wo ihm doch so mancher Kunstfehler unterlief. Kein Wunder: Die Klöppel lagen bei der Saitenmusik ja viele Jahre lang in den Händen von Heidi Zink, die auch beim Konzert in Dießen immer wieder in den Erinnerungen ihrer Mitmusiker auftauchte. Am Ende setzte sich ihre Nachfolgerin Michaela Schmid für ein schwedisches Abendlied ans Hackbrett, was für sie eine gewaltige Umstellung bedeutete: Ist sie doch als Cellistin nur vier statt 132 Saiten gewohnt. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich insbesondere Kurländer umfangreiches Wissen über die Geschichte europäischer Volksmusiken angeeignet, das er gern an sein Publikum weitergibt. So erfuhr man in Dießen, wie das bekannte Sauflied "Sieben Tage lang" auf den bretonischen Protestsong "Son Ar Chistr" zurückgeht oder wie sich Spieltechnik auf Salzburger und Appenzeller Hackbrett unterscheiden. Als wahre Heimatmusikforscher haben die Fraunhofer enorm zum Erhalt europäischen Kulturguts beigetragen und vieles niedergeschrieben, was zuvor nur überliefert war.

Auch Autobiografisches erzählte Kurländer: Zwei Jahre lang wohnte er in den Theaterräumen der Gaststätte Fraunhofer in München. Dort schrieb er auch das gleichnamige Stück, das in Dießen mit besonders viel Beifall bedacht wurde. Dass der Auftritt dort als "allerletztes Konzert" angekündigt war, bedeute nicht, dass "im Anschluss die Instrumente versteigert werden", sagte Kurländer. Die Saitenmusik bestehe weiter, doch das Wirtshaus am Kirchsteig wolle Anfang 2021 schließen.

© SZ vom 08.01.2020
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