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Konzert:Höhenflug unterm Dreigestirn

Gauting: Musikfreunde & Violinistin Lena Neudauer

Betörender Ton: die Geigerin Lena Neudauer bei ihrem Auftritt mit der Orchestervereinigung Gauting.

(Foto: Nila Thiel)

Gautinger Orchestervereinigung und Lena Neudauer spielen Haydn, Mozart, Beethoven

Von Reinhard Palmer, Gauting

Das 50. Jubiläum hatten die Musikfreunde Gauting ganz anders geplant. Jetzt war man froh, zumindest wieder vor Publikum spielen zu können. Der Auftritt in der Aula der Gautinger Realschule sollte aber nicht als offizielles Festkonzert gelten, sagte der Vereinsvorsitzender und Konzertmeister Ernst Blümner. Das wolle man erst geben, wenn hinterher ein Anstoßen mit dem Publikum möglich ist. Dennoch gab sich schon jetzt Bürgermeisterin Brigitte Kössinger die Ehre. Sie bekam auch einen flammenden Appell zu hören: Dirigent Dorian Keilhack bat darum, Künstler und Kulturpublikum nicht im Regen stehen zu lassen. Ohne Publikumskonzerte wird er an seiner neuen Stellung als Chefdirigent der Vogtland Philharmonie wohl auch wenig Freude haben.

Die lange Abstinenz hat bei den Gautinger Instrumentalisten reichlich Musizierlust geweckt. Und mit dem Dreigestirn der Wiener Klassik, Haydn, Mozart und Beethoven, wählte Keilhack ein Programm aus, das die Befriedigung dieses Spielhungers garantierte. Im Höhepunkt lief das Orchester zur Hochform auf, zumal die großartige Solistin, Lena Neudauer an der Violine, mit ihrem so betörend-charaktervollen Ton viel Feuer zu entzünden vermochte.

Beethovens Romanzen sind auch das geeignete Material dafür, der Leidenschaft freien Lauf zu lassen. Keilhack verstand es, das Orchester in den Begleitpassagen weit zurückzunehmen, um dem weitschweifenden Gesang der Violine in der G-Dur-Romanze op. 40 den nötigen Freiraum zu lassen, auch in den zartesten Tönen zu schwelgen. Die Homogenität überzeugte insbesondere im sensiblen Spannungsaufbau, der auch immer wieder zu heftigen Entladungen führte. In der F-Dur-Romane op. 50 verstärkte sich dieser Wechsel zu einem Kontrastprogramm, meist feierlich rhythmisiert und mit dramatischen Verdichtungen plastisch durchgebildet. Im Zusammenspiel begeisterte Neudauer mit der wehmütigen Melodie, die vom seelenruhigen Zugriff der Geigerin profitierte.

Neudauer genoss den Auftritt sichtlich und ließ es sich nicht nehmen, eine gewichtige Zugabe zu spielen: Fritz Kreislers Recitativo und Scherzo-Caprice op. 6 ist kein kleines, nachrangiges Werk. Nach einem ungarisch-temperamentvollen Rezitativ mit spieltechnischen Finessen, die Neudauer bravourös ausspielte, ging es mit einer spritzig-virtuosen Caprice weiter. Der Meistergeiger Kreisler schrieb sie wohl, um seine eigenen Fähigkeiten am Instrument zu demonstrieren. Doch fokussierte Neudauer vielmehr auf die musikalischen Qualitäten, die dem Werk anspruchsvolle Ernsthaftigkeit zugestanden.

Auch wenn des weiteren Sinfonien auf dem Programm standen, war das nicht der einzige Alleingang, allerdings kamen die Solisten nun aus den eigenen Reihen. Die mit Verve eröffnete Sinfonie Nr. 13 von Haydn enthält als langsamen Satz ein konzertantes, lyrisches Stück für Violoncello. Die leisen, zarten Passagen hätte man sich etwas weniger zaghaft gewünscht, doch sobald mehr Substanz im Spiel war, kehrte auch die Entschiedenheit zurück. Diese Laut-Leise-Kontraste, wie sie auch schon im Kopfsatz klar ausgeprägt für reiche Differenzierung gesorgt hatten, inszenierten im Trio des schwungvollen Menuetts ein Flötensolo in luftiger Leichtigkeit, vom Orchester wirkungsvoll mit Hochdramatik kontrastiert. Solche Effekte sind nicht leicht auf den Punkt zu bringen, doch mit seinem entschiedenen und klar formulierten Dirigat führte Keilhack die Instrumentalisten sicher zum Ziel. Und im energisch-schwungvollen Finale dann auch nach einem lustvollen Auf und Ab zu einem resolut gesetzten Schlusspunkt. Eine so klare Dramaturgie ist für die Hörer hilfreich, man fühlte sich jedenfalls gut geleitet.

Das sollte auch mit der Sinfonie Nr. 33 von Mozart gelingen, nur mit schlankerer Substanz. Im Vergleich zu Haydn, der in seiner D-Dur-Sinfonie mit vier Hörnern eine Menge Substanz drauflegte, war Mozarts Sinfonie B-Dur wesentlich agiler unterwegs. Vor allem im heiteren Kopfsatz, der einmal mehr zwischen energischen Passagen und klangschöner Leichtigkeit kontrastierte. Hier zügelte Keilhack noch das Orchester mit Zäsuren, um einen wirkungsvollen Bogen zum rasant wirbelnden Finale zu spannen. Nicht ohne ein Andante plastisch durchzumodellieren und schwungvoll ein tänzerisches Menuetto anzuschließen. Zum Finale setzte Keilhack früh, aber auch sehr sachte an. Weitblickend schritt die Entwicklung voran, um nach einer kurzen, furiosen Stretta einen denkbar knappen Schlusspunkt zu setzen. Ovationen.

© SZ vom 27.10.2020

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